Jochen Arntz (rechts) und Elmar Jehn (links) führen ein Gespräch mit dem ehemaligen Politiker Gregor Gysi während einer Currywurst in Berlin.
Foto: Paulus Ponizak

BerlinGut reingekommen ins Neue Jahr, Herr Gysi?

Ja. Es war ein fröhlicher Start ins Neue Jahr. Auch ich bin gespannt, was dieses besondere Jahr 2020 bringen wird und hoffe auf eine Zeit, in der die Menschheit endlich ausreichend Verantwortung für sich selbst und insoweit auch für den Planeten erkennt und wahrnimmt.

Man hat den Eindruck, dass 2020 ziemlich turbulent werden könnte, wenn man sich die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anschaut. Sehnen Sie sich nicht auch nach ein bisschen mehr Ruhe?

Weniger nach Ruhe, mehr nach Nachvollziehbarkeit der politischen Vorgänge. Viele Menschen sind verunsichert. Wenn US-Präsident Trump unter Missachtung des Völkerrechts einen iranischen General ermorden lässt, und für den Fall einer Vergeltung damit droht, iranische Kulturstätten zu bombardieren, ist das eine neue Eskalation. Denn er wusste, dass die iranische Führung das nicht hinnimmt und leider eine Vergeltung suchen wird. So darf man mit dem Frieden in der Welt nicht spielen. Man stelle sich nur vor, was international los wäre, wenn Putin dies täte. Wir brauchen dringend eine europäische Initiative, selbst wenn sie Trump nicht schmeckt, um eine weitere Eskalation im Nahen und Mittleren Osten zu vermeiden.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für 2020?

Es geht um Frieden, Verringerung der sozialen Spaltung, einen Stopp, zumindest eine deutliche Begrenzung des Klimawandels. Durch viele Regierungen wird vornehmlich militärisch gedacht und gehandelt. Die Meinungen anderer Regierungen werden weitgehend igoriert. Trotzdem gibt es auch Hoffnung: der Austausch der Gefangenen in der Ukraine, die Chance zu einer wirksamen Verständigung zwischen Putin und Selenskyj, der Widerstand vieler Demokraten und Gerichte gegen Trump, die Bewegung der Jugend „FridaysForFuture“.

Das Wirtschaftsinstitut DIW hat Berlin gerade ein schlimmes Zeugnis in Sachen Lebensqualität ausgestellt. Trotzdem zieht es immer mehr Menschen in die Stadt. Verstehen Sie das?

Die Analysen eines Wirtschaftsinstituts können schwerlich ein Lebensgefühl erfassen. Hier spielt halt die Musik, da nimmt man in Kauf, dass nicht alles perfekt ist. Viele kommen auch deshalb nach Berlin, weil vieles in Bewegung ist. Eine Herausforderung sind sowohl die Daten des Instituts als auch der Bevölkerungszuwachs.

Was glauben Sie, wo wird es vorangehen im neuen Jahr?

Berlin wird als erste Stadt die unbezahlbaren Mieten stoppen. Wenig Hoffnung habe ich in der Frage des Friedens und der ökologischen Nachhaltigkeit, weil zu viele Konservative weltweit einen anderen Weg gehen. SPD und Grüne stehen vor der Frage, ob sie eine progressive Herausforderung werden oder an der Seite der Union den konservativen Mainstream unterstützen wollen.

Was haben Sie sich ganz persönlich vorgenommen für 2020 – und was davon wird 100prozentig Bestand haben?

Wenn ich gesund bliebe und es endlich schaffte, damit zu beginnen, das Alter zu genießen, wäre ich schon zufrieden.