Alle kennen ihn - den berühmt-berüchtigten Winterblues.
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BerlinHerr Gysi, der lange Berliner Winter ist für viele Menschen eine schwer erträgliche Zumutung. Hadern Sie auch mit der geografischen Benachteiligung Ihrer Stadt?

Ich bin froh in einem Land zu leben, in dem es vier gleichberechtigte Jahreszeiten gibt, zumindest gab. Es fiele mir schwer, in einem Land zu wohnen, das fast nur Sommer oder Winter kennt. Die Zugereisten aus dem Südwesten in Berlin werden den langen Winter hier als Problem sehen. Die langjährigen Berlinerinnen und Berliner wissen, dass Berlin etwas näher an Sibirien liegt. Allerdings, von Winter kann derzeit doch kaum die Rede sein.

Gibt es in Ihren Augen einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Meteorologie und seelischer Verfassung?

Sicher. Nicht umsonst spricht man von Frühjahrsmüdigkeit und man kennt die Probleme eingeschränkter Vitamin D-Aufnahme bei fehlendem Sonnenlicht. Schöne Tage muss man intensiv genießen und die Grau-in-Grau-Tage eher übergehen.

Den Berlinern wird ja gerne eine gewisse Ruppigkeit nachgesagt – wehrt sich das Gemüt auf diese Weise einfach nur gegen die Unbill des Breitengrads?

Wenn es diesen Zusammenhang gäbe, müssten Menschen im Hohen Norden besonders aggressiv sein, wovon aber keine Rede sein kann. In Wirklichkeit hat das kesse Berliner Mundwerk, das Berliner Schnauze genannt wird, einen besonders hohen Grad an Klugheit, Chuzpe, Ironie und Humor. Und jeder weiß, dass Berlinerinnen und Berliner hilfsbereit und solidarisch sind, mithin ein großes Herz haben.

Nicht auszudenken, wenn irgendwann herauskäme, dass die Entscheidungen unserer Politiker angehaucht sind von der Tristesse des Wetters, nicht wahr?

Ich bitte Sie, Politikerinnen und Politiker treffen in allen Jahreszeiten Fehlentscheidungen. Berlin ist für die Politik schon deshalb ein Gewinn, weil man in anderen Größenordnungen denken muss und den realen Problemen kaum ausweichen kann.

War Politik in der milden Bonner Klimazone mehr von optimistischer Fröhlichkeit getragen, haben wir mit dem Hauptstadtumzug womöglich einen fatalen Fehler gemacht?

Bonn ist beschaulich, nett, wird aber von gravierenden Probleme deutlich weniger berührt. Karnevalistinnen und Karnevalisten sehen allerdings ihre Gegenden als viel fröhlicher und angenehmer als andere Gegenden an. Sie haben an bestimmten Tagen frei, ohne dass es gesetzliche Feiertage sind – bemerkenswert! Sämtliche Versuche, diese Art Frohsinn nach Berlin zu exportieren, sind gescheitert. Berlinerinnen und Berliner können bei Festen und zu Silvester erst singen und schunkeln, wenn sie zwei Stunden lang alkoholische Getränke genossen haben. Natürlich ist die Berliner Republik eine andere als die Bonner. Neben der Problemkonfrontation hilft der völlig unaufgeregte Umgang in Berlin mit vermeintlichen oder realen Prominenten. Das kann denen helfen, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

Sie gehören ja zu den heiteren Vertretern der politischen Riege – sind Sie immun gegen die Grimmigkeit des Himmels?

Regen bei Sonne kann sehr schön sein. Auch Gewitter finde ich spannend, zumindest wenn ich drinnen bin. Aber viele graue Tage hintereinander können auch mich nerven, wobei ich sie wegen der Vielzahl meiner Termine weniger mitbekomme.

Was tun Sie, wenn es in Ihnen drinnen doch mal so grau wird wie draußen?

Dann ärgere ich mich über mich selbst und versuche meine Laune durch gute Musik, Bücher oder ein schönes Essen mit netten Leuten wieder aufzuhellen.