Woblitz/Rheinsberg - Es ist ein Anblick, der zu andächtigem Schweigen einlädt: Paul Sömmer hockt auf einem umgestürzten Baumstamm im Moor irgendwo bei Rheinsberg und setzt sich einen jungen Seeadler zum Beringen auf den Schoß. Der trotz seiner Jugend schon mächtige Vogel ist kurz zuvor von Sömmers Partner André Laubner, gelernter Baumpfleger und Hobby-Ornithologe, in einem Sack aus seinem Nest auf einer riesigen Kiefer heruntergelassen worden.

Ein internationales Projekt

Der Adler hechelt wegen der Hitze ein wenig durch den halbgeöffneten Schnabel und gibt ansonsten keinen Laut von sich. Er soll beringt werden. Der Aufstieg auf den Baum zum Nest der Jungadler ist gefährlich, nicht nur für den Baumkletterer, sondern auch für die jungen Seeadler, die vom Nestrand abstürzen könnten. Aber er ist notwendig, um wissenschaftliche Daten über die Bestandsentwicklung der Seeadler europaweit zu gewinnen. Das internationale Projekt wird von Schweden aus koordiniert.

Wie ein gut erzogenes Haustier lässt sich der Vogel auf dem Schoß von Beringer Sömmer untersuchen und vermessen: Länge der Schwingen 475 Millimeter, Füße elf Zentimeter von Kralle zu Kralle.

Paul Sömmer, Greifvogelexperte und Chef der Naturschutzstation Woblitz, summt leise ein Kinderlied vor sich hin: „Zeig her, deine Füßchen …“ und befestigt mit einer Blindniet-Zange je einen Ring am rechten und linken Fuß des Adlers. Zuvor hatte er das Tier mit einer Kofferwaage kopfüber hängend gewogen (4 920 Gramm). Als alle Daten sorgfältig notiert sind, setzt er den Vogel auf den kühlen Waldboden, wo der auch brav liegen bleibt und geht wieder zurück zu der 27 Meter hohen Kiefer, auf der oben neben dem Adlernest sein Freund André Laubner hockt und schon das zweite Junge gegriffen hat.

Auch dieser junge Adler bekommt einen goldenen Ring mit seiner Nummer sowie der Adresse der Beringungszentrale Hiddensee an den rechten Fuß. Der schwarze Ring am linken Fuß hat einen vierstelligen Code in weißer Farbe, der ziemlich groß dreimal ringsherum in den Ring eingraviert wurde. So ist er für Naturschützer mit dem Fernglas von Weitem gut lesbar. Die ausführliche goldene Buchstaben-Ziffern-Kombi bekommt erst wieder Bedeutung, wenn der Adler tot irgendwo auf der Welt aufgefunden wird. Vögel kennen keine Grenzen.

Aber an den Tod wollen wir bei den Adlerjungen, die Sömmer auf 65 Tage alt schätzt, nicht denken. Sie sind gut ernährt, haben einen vollen Kropf, sind also gerade erst gefüttert worden, wahrscheinlich handelt es sich bei beiden um Männchen. André Laubner, der oben auf dem Baum in der Sonne ausgeharrt hat, zieht einen Adler nach dem anderen in die Höhe und setzt sie zurück aufs Nest. Zuvor hat er das Nest fürs Protokoll genau beschrieben: 1,80 Meter Durchmesser („Ich hätte mich reinlegen können.“), Höhe ein halber Meter, gebaut aus Schwarzerle und Kieferknüppeln, ausgepolstert mit Gras und Heu. Auf Wunsch von Paul Sömmer sammelt er vor dem Abseilen alle Futterreste ein, die er im Nest finden kann. 13 vertrocknete Hechtköpfe zählen die beiden später am Boden. „Nicht mal ’ne Feder von einer Ente oder einem Haubentaucher. Dabei ist ringsum Wasser. Und so etwas nennt sich Naturschutzgebiet“, schimpft Paul Sömmer.

Er berichtet von einer anderen Seeadlerberingung, er macht rund 20 davon pro Jahr, bei der die Jungen vor Hunger schrien. Zum Glück hatte er eine überfahrene Krähe im Gepäck, die er ins Nest legen konnte. „Noch besser wäre es in solchen Fällen, eine Rehkeule rein zu tun, aber das weiß man eben nie vorher“, sagt er.

Ein Seeadlerjunges braucht 600 Gramm Muskelfleisch am Tag, ohne Gräten, Knochen oder Federn gerechnet. Ein erwachsener Seeadler kommt mit 500 Gramm aus. Die Alten haben also bei der Aufzucht eine Menge zu tun. Aber das Nahrungsangebot nimmt ständig ab. Durch die Monokultur in der Landwirtschaft, zum Beispiel den Mais-anbau, aber auch im Forst haben viele Beutetiere keine Lebensgrundlage mehr. Der Leiter der Naturschutzstation und ein Häufchen Ehrenamtliche kämpfen gegen den Trend. 230 Seeadlerpaare soll es inzwischen in Brandenburg geben.

Die Altvögel kreisen über uns

Als wir nach etwa einer Stunde, so lange hat die ganze Aktion gedauert, wieder durch den morastigen Wald zurückstapfen, kreisen über uns immer noch die beiden Altvögel. Sie hatten unseren Trupp bereits gesichtet, als wir noch lange nicht auf der Halbinsel mit dem Nest angekommen waren. André Laubner, der an einem Seil in die Höhe geklettert war und für das Fangen des einen Jungtieres sogar ins Nest steigen musste, haben sie aber in Ruhe arbeiten lassen. „Dass jemand ihr Nest angreifen könnte, steht offenbar außerhalb ihrer Vorstellungswelt“, erklärt Sömmer. Er und Laubner spornen uns trotzdem zu mehr Tempo auf dem Rückzug an, damit Ruhe ins Revier einzieht. Die Jungen werden jetzt noch bis etwa zum 80. Lebenstag im Nest gefüttert, dann klettern sie wahrscheinlich das erst Mal heraus und hüpfen auf einen Ast der Kiefer. Ab dem 90. Tag fliegen sie kleine Strecken. Sie leben aber noch wochenlang in der Nähe ihrer Brutstätte und werden von den Eltern betreut.

Seeadlermännchen sind standorttreu und bleiben lebenslang mit ihrer Partnerin zusammen. So ist darauf zu hoffen, dass sie nächstes Jahr wieder an dieser Stelle brüten und Paul Sömmer erneut junge Adler beringen kann.