Frankfurt (Oder) - Zdzisław Matras wird von manchen in seiner Heimat als eine Art Vaterlandsverräter angesehen – weil der Pole etwas gegen Landsleute hat, die in Deutschland bandenmäßig Fahrräder stehlen. Alles begann 2013 mit einem Verdacht: Dem 64-Jährigen wurde eine sehr teure Motorsäge geklaut. Er glaubte, dass es jemand aus seinem Dorf, knapp 20 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, gewesen sein muss. Der pensionierte Kriminalbeamte fing an zu recherchieren und war sich schnell sicher: In seinem Dorf gibt es eine Bande, die auch für eine Vielzahl von Fahrraddiebstählen in Frankfurt (Oder) verantwortlich ist. Er war sich auch sicher, dass der ehemalige Polizeichef der benachbarten Stadt Rzepin die Diebe deckte.

Hilfe aus Frankfurt (Oder)

Also schrieb er einen vertraulichen Brief an eine Sonderabteilung der polnischen Polizei in Warschau, die sich mit Korruption in den eigenen Reihen beschäftigt. Doch der Brief landete bei der Polizei im Nachbarort Rzepin, Matras wurde angezeigt und er kam vor Gericht wegen Verleumdung des Polizeichefs, der inzwischen versetzt wurde. Als Strafe und für die Gerichtskosten soll Matras 10.000 Złoty berappen, also etwa 2400 Euro. Seine Monatsrente beträgt ganze 350 Euro.

Doch inzwischen bekommt der Pole auch reichlich Unterstützung, nicht in seiner Heimat Polen, sondern auf der anderen Seite der Oder – in Frankfurt. Diese Grenzstadt ist bundesweit jene Kommune, in der die meisten Autos pro Kopf der Bevölkerung gestohlen werden. Aber die Diebe klauen inzwischen nicht nur Autos auf Bestellung, sondern auch Fahrräder. In Frankfurt (Oder) hatten sich nach dem Urteil gegen Matras im Sommer 2014 einige Anwohner zusammengetan, um den Polen nicht nur moralisch zu unterstützen. Monatelang haben sie Geld gesammelt und übergaben ihm vor einigen Tagen 8600 Euro. Die wird er auch dringend brauchen, denn er geht gegen das Urteil in Berufung – und das wird nicht billig.

„Wir waren selbst von Fahrraddiebstählen betroffen“, sagt der arbeitslose Frankfurter Roland Totzauer, der auch schon eine Fahrraddemo über die Oder zum Gericht in Słubice organisiert hat. „Matras ist für uns ein Whistleblower. Wir wollten mit Solidaritätsbekundungen das Versagen der Polizei anprangern und auf grenzüberschreitende Kriminalität aufmerksam machen.“

Knapp ein Dutzend Frankfurter radelten auch ins Dorf von Zdzisław Matras. Der ist gerührt vom Engagement der Deutschen und betont, dass ihm auch der Ruf seines Landes am Herzen liege. „Ich telefoniere regelmäßig mit einem Freund in Deutschland“, erzählt er. „Ich weiß, dass wir Polen keinen guten Ruf bei den Deutschen haben.“ Schuld daran seien Banden wie die aus seiner Region, die mit Diebstahl und Drogenhandel letztlich dem Image Polens schaden würden.

In einigen polnischen Medien wird es genau anders herum gesehen. In einer der größten Zeitungen des Landes wird Matras vorgehalten, dass seine Beweise vor Gericht kein Gehör fanden, dass er trotzdem den von ihm erfundenen Schimpfnamen „Dorf der Diebe“ weiterhin benutzt und damit quasi die polenfeindlichen Vorurteile einiger Deutschen bedient. Es wird auch von seinen deutschen Unterstützern berichtet, dass sie bei einer Demo ein Schild hochhielten mit der Aufschrift: „Ihr habt doch schon unsere Autos, lasst uns wenigstens unsere Fahrräder.“

„Ich werde weiterhin diese Probleme ansprechen“, sagt der gescholtene Matras, „Ich lasse mir den Mund nicht verbieten.“ Im Dorf werden er und seine Frau misstrauisch beäugt, sie bekamen einen Drohbrief. Seine Frau hatte einen Schlaganfall, ihr Hund wurde vergiftet. „Unser Haus wurde mit Kerzen umstellt – wie es bei uns bei Gräbern üblich ist“, erzählt er. Auch sein Stiefsohn, ein Grenzpolizist, sei betroffen. Gegen ihn läuft ein Ermittlungsverfahren, weil er interne Informationen an seinen Stiefvater weiter gegeben haben soll.

Matras sagt, dass seine Aktion trotz aller Ärgernisse ein Erfolg war. „In Frankfurt werden nun weniger Fahrräder geklaut“, behauptet er. „Angeblich hat die Bande ihre kriminellen Aktivitäten weiter nach Süden in Richtung Sachsen und weiter nach Norden verlagert. Ich habe denen wohl zu viel Radau gemacht in Frankfurt.“

Provokation bei der Demo

Matras ärgert sich vor allem, dass die polnischen Medien das Problem des Diebstahls von einigen wenigen kriminellen Landsleuten im Nachbarland nicht ernst genug nehmen.

Und seine deutschen Unterstützer verstehen gar nicht so richtig, warum ihnen von einigen in Polen übelgenommen wird, dass sie zu Demos ins Nachbarland fahren, um dort lauthals gegen den Diebstahl von Fahrrädern zu protestieren. Roland Totzauer sagt, das Schild mit dem Spruch „Lasst uns wenigstens unsere Fahrräder“ sei gar nicht von den Matras-Unterstützern gewesen, sondern von einem Mitglied der Berliner Satire-Partei „Die Partei“. Der Mann habe sich einfach zur Demo gestellt, um zu provozieren.

„Uns geht es doch auf keinen Fall um Rassismus oder um Vorurteile“, sagt Totzauer. „Es geht um die Grenzkriminalität.“ Deutsche und polnische Behörden seien gleichermaßen daran Schuld, dass immer noch zu wenig gegen die Banden unternommen werde, sagt er. Und: „Genau wie Herr Matras wollen wir nur, dass das Problem endlich richtig ernst genommen wird.“