Berlin - Interessieren Sie sich fürs Klima?“, fragt die Frau mit der Schirmmütze eine junge Dame in roter Jacke neben der Gedächtniskirche in Charlottenburg. Die Dame sitzt neben dem Eingang und scheint verwirrt. Aber nach einer Weile wird sie sich der kleinen Gruppe von Aktivisten anschließen, die sich am Breitscheidplatz versammelt hat. Binnen Sekunden packen sie Plakate aus, auf denen „Listen to the climate bells“ steht und „Strejk för Klimatet“. Sie halten sie für genau zwei Minuten hoch – so lange wie die Kirchenglocken 18 Uhr läuten. 

Für Klimaschutz: Jeden Tag kommt Annette Ahme zur Gedächtniskirche

Seit fast zwei Monaten kommen jeden Tag um diese Zeit ein paar Berliner hierher, um auf den Klimaschutz aufmerksam zu machen. „Aufmerksamkeit ist unsere heutige Währung“, erklärt Annette Ahme, jene Frau mit der Mütze, die die Aktion gestartet hat und ebenfalls rot angezogen ist, inspiriert von Jane Fonda, die in Washington die „Fire Drill Fridays“ ausgerufen hat, welche sich auf das berühmte Zitat von Greta Thunberg beziehen: „Wir müssen uns verhalten, als ob unser Haus brennt – denn so ist es.“ Der Dresscode für die „Brandschutzfreitage“ ist entsprechend feuerwehrrot.

Annette Ahme ist die einzige, die jeden Tag kommt. Ohne Ausnahmen. Und jedes Mal spricht sie auch Passanten an, ob sie sich nicht an der Mahnwache beteiligen wollen. Viele gehen einfach vorbei. „Ungefähr die Hälfte ist am Klimaschutz interessiert, das finde ich schon gut“, sagt sie. Die Umwelt lag der Historikerin immer schon am Herzen. Kurz nach ihrem Abitur wurde in den USA die Umweltstudie „Global 2000“ veröffentlicht, die den Anstoß für viele grüne Initiativen gab. Der Bericht beschrieb 1977 noch kaum bekannte Probleme der Menschheit: Luftverschmutzung, überproportionales Bevölkerungswachstum und Klimaveränderungen. „Das war damals unser Thema, jeder hat darüber gesprochen.“

Zwischen 1985 und 1987 war sie für die Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz, die später im Bündnis 90/Die Grünen Berlin aufging, im Abgeordnetenhaus, außerdem arbeitete sie in der Bezirksverordnetenversammlung Kreuzberg und trug zu einigen Verkehrsberuhigungsprojekten bei.

Zwei-Minuten Mahnwache fürs Klima

Nach der Aktion begleiten wir Annette Ahme in die Kapelle der Gedächtniskirche. Jeder kennt sie hier. Pfarrer Martin Germer lächelt und plaudert mit ihr wie mit einer alten Bekannten. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist ohnehin so etwas wie eine Umweltkirche: Die Gemeinde unterstützt Klimaaktionen, und in der Kapelle ist eine Fotoausstellung von Sven Hoffmann zum Thema Wasser zu sehen. Der Künstler zeigt das Wasser dort, wo es bald verschwindet: das Tote Meer, den Aralsee, den Tschadsee.

Annette Ahme geht weiter in die Kapelle hinein und zeigt auf den Boden: „Hier ist alles rund und wolkenförmig, das ist typisch für Egon Eiermanns Architektur. Mitten in der Stadt entsteht durch den begrünten Umgang zwischen den Kirchwänden ein ruhiges Kloster.“ Sie ist von Eiermanns Werk fasziniert und engagiert sich auch im Städtebau, schon seit den 70er-Jahren, als sie die Besetzung der Häuser am Chamissoplatz organisierte und diese so vor dem Abriss bewahrte. Als Vorsitzende des Vereins Historische Mitte initiierte sie letztes Jahr den 77-tägigen Protest gegen den Bau der Einheitswippe vor dem Berliner Stadtschloss. Die Max-Liebermann- und die Heinrich-Zille-Gesellschaft hat sie mitgegründet. Auch beim Entstehen des „Aktiven Museums“ war sie aktiv, und sie hat um die Wiederherstellung der historischen Rathausbrücke gekämpft.

Tief beeindruckt von Greta Thunberg

Vor einem Jahr hat sie zusammen mit ihren beiden Töchtern einen Bericht über Greta Thunberg gesehen und war von der schwedischen Schülerin zutiefst beeindruckt. Auch weil es sie selbst so mitnimmt, wie sehr die Natur schon jetzt aus dem Gleichgewicht geraten ist: die dürren Sommer, die Stürme. Der Aktivistin fiel auch auf, dass die Vögel in ihrem Garten nicht mehr piepen. „Der Insektenbestand ist in Deutschland um 75 Prozent zurückgegangen. Es ist logisch, dass in diesem, spätestens nächstes oder übernächstes Jahr viele Vögel aussterben werden. Nicht erst in zwanzig Jahren“, sagt sie traurig.

Ihre Töchter, 17 und 21, beteiligen sich schon lange an „Fridays for Future“. Sie selbst hat sich dann mit einer Verbündeten, der Schriftstellerin Jenny Schon, die Zwei-Minuten-Mahnwache am Breitscheidplatz ausgedacht, am 2. September haben sie damit begonnen – als Erinnerung an das „Zwei-Grad-Ziel“, nach welchem die Erderwärmung bis zum Jahr 2100 auf weniger als zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung begrenzt werden soll.   

„Wir haben schon mehrere Krisen überstanden“

Annette Ahme hält ihren Einsatz für selbstverständlich und uneigen. „Ich will nicht irgendwie exotisch aussehen“, sagt sie. Sie fliegt nicht und hat kein Auto, sie isst kein Fleisch und versucht, nichts in Plastikverpackung zu kaufen. Sie sieht ihre Mahnwache als Angebot für all jene, die durchaus schon umweltfreundlich leben, aber gerne noch etwas mehr tun wollen.

Sie ist im Übrigen nicht so pessimistisch, wenn sie in die Zukunft blickt. Annette Ahme ist überzeugt, dass die Menschheit die Krise meistern kann. „Wir haben schon mehrere Krisen überstanden“, sagt sie: „Ozonloch, Waldsterben durch sauren Regen, Wintersmog in Berlin.“ Als Sofortmaßname schlägt sie vor, eine Ein-Kind-Politik einzuführen – die Vereinten Nationen könnten das als Empfehlung aussprechen: „Je weniger Menschen es auf der Erde gibt, desto weniger Fleisch und Konsumgegenstände braucht man. Es müssen weniger Wälder abgefackelt werden“, sagt sie.

Annette Ahme plant, ihre Mahnwache bis zum 2. Dezember abzuhalten, da beginnt in Santiago de Chile die UN-Klimakonferenz. Dass sie tagtäglich zur Gedächtniskirche kommt, findet sie gar nicht besonders: „Die Menschen gehen doch auch jeden Tag zur Arbeit, fast jeden Tag einkaufen, fast jeden Tag zur Schule oder in die Kita. Wenn ich eine oder zwei Stunden pro Tag fürs Klima investiere, finde ich das eigentlich normal.“

Am 31. Oktober wird Annette 62, und sie wird ihren Geburtstagsabend an der Gedächtniskirche verbringen. Wie jeden anderen Abend in den letzten Wochen auch.