"Wie könnt ihr es wagen!" Dieser Ausruf, den Greta Thunberg am Montag in ihrer Ansprache beim Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York viermal verwendete („How dare you“) ist auch eine Frage, die man zunächst einmal ernst nehmen könnte. Wie können sie es denn tatsächlich wagen, diese rund 60 Regierungschefs, die dort versammelt vor ihr saßen – die Weltmächtigen, darunter auch Angela Merkel –, es Kindern und Jugendlichen zu überlassen, der Welt Hoffnung auf ein Morgen zu geben, während sie selbst diese Hoffnungen mit dem eigenen Sitzungshintern bisher immer wieder eingerissen haben.

„Die Menschen leiden. Die Menschen sterben. Ganze Ökosysteme brechen zusammen. Ein Massenaussterben hat begonnen. Und ihr redet nur über Geld und das Märchen vom ewigen wirtschaftlichen Wachstum. Wie könnt ihr es wagen!“ Können sie es wagen, weil sie die Klimaschutzbewegung der Jugend zwar für medienwirksam, aber letztlich machtlos halten? Weil sie annehmen, die Forderungen seien von den Millionen Protestierenden auf den Straßen längst nicht so ernst gemeint wie von Greta Thunberg selbst? Weil sie vielleicht schlicht nicht glauben, dass es wenige Sekunden vor zwölf ist? Oder denken, diese Sekunden reichten für ihr eigenes Restleben doch noch aus? Weil sie sich am Ende gar selbst für machtlos halten?

"Ihr habt mit euren leeren Worten meine Träume und meine Kindheit gestohlen"

„Ihr habt mit euren leeren Worten meine Träume und meine Kindheit gestohlen“, sagt Greta Thunberg, und in ihren Augen glitzern Tränen. In den überall im Internet kursierenden Mitschnitten ist ihrem Gesicht die ungeheure Anspannung abzulesen, mit der sie um Fassung ringt. Ein 16-jähriges Mädchen voll Wut und Verzweiflung und – ja: Abscheu.

Nicht nur Eltern schneidet dieser Anblick ins Herz. Nimmt diese schwedische Jugendliche mit Asperger-Syndrom die Sache inzwischen nicht zu persönlich? Ist nicht der Zeitpunkt erreicht, an dem Svante Thunberg, ihr Vater, der sie begleitet, die Notbremse ziehen sollte? Muss man Greta Thunberg nicht vor sich und allen Projektionen, die sie auf sich zieht, schützen? Nein, das muss man nicht.

Wer sagt, man müsse Greta schützen, mag in Wahrheit den Impuls haben, sich selbst vor ihr und der unmaskierten Botschaft, die sie hat, schützen zu wollen. Wer denkt, sie nehme die Sache zu persönlich, gesteht sich vielleicht nicht ein, dass das eigene Leben tatsächlich eine persönliche Sache ist. Und wer denkt, es ginge nicht wirklich und konkret um das eigene Leben, hat wohl nicht verstanden, was „Zusammenbruch von Ökosystemen“ bedeutet.

Dass Greta Thunberg, der Beherrschten, der Fokussierten, dieser Auftritt nicht leichtgefallen sein wird, dürfte klar sein. Aber er ist ihr nicht passiert. Er war geplant. Zwei Tage zuvor hat sie auf dem Jugendklimagipfel die Anwesenden nur begrüßt: Sie wolle den anderen Jugend-Botschaftern (Bruno Rodriguez, Wanjuhi Njoroge und Komal Karishma Kumar) keine Redezeit wegnehmen, denn sie selbst werde ja auf dem Klimagipfel sprechen können.

"Wir werden euch das nicht durchgehen lassen. Genau hier ziehen wir die Linie"

Auch im Zentrum des politischen Zirkus lässt Greta Thunberg sich nicht dressieren. Sie ist keine, die wieder und wieder ansetzt. Sie kam, feuerte den einen Schuss ab, den sie hatte, und pustete auf den Revolverlauf mit den Worten: „Wir werden euch das nicht durchgehen lassen. Genau hier ziehen wir die Linie. Die Welt ändert sich, ob euch das gefällt oder nicht.“ In dem „Wir“, das sie hier benutzt und drohend einsetzt, liegt ihre Hoffnung und damit ihre wahre Gefährdung. Was, wenn all diejenigen, die freitags an die Zukunft glauben, zu bequem sind, das auch an den anderen Tagen zu tun?

Nach Gretas fraglos dramatischem Auftritt müsste im Theater eine Revolution kommen. Darin, dass es nicht in ihrer Macht liegt, diese zu befehlen und dass sie dennoch so agiert, als sei sie unausweichlich, liegt Greta Thunbergs wahre Kraft. Schon als sie sich alleine vors schwedische Parlament gesetzt hat vor kaum 15 Monaten, hatte sie nicht ängstlich nach hinten gerufen: Folgt mir! Sondern war einfach den für sie nötigen nächsten Schritt vorangegangen. Eine Antigone, eine Kassandra, eine Johanna. Gerade im Unzeitgemäßen liegt die Hoffnung, die dieses Mädchen bringt.