Eine junge Frau, ein „verruchtes Weib“, rollte am 22. März 1619 auf einem Wagen durch die Stadt zur Richtstatt. Sie hatte – unter Folter – gestanden, Tangermünde angezündet zu haben. Das Urteil galt selbst vor 400 Jahren als besonders hart.

Es schrieb detailliert vor, wie die Hauptangeklagte und zwei angebliche Mittäter zu sterben hatten: „ihre fünff finger an der Rechten Hand, einer nach dem anderen“, anschließend „ihr leib mit vier glühenden Zangen abgezwacket, nemlich in der brust und arm gegriffen, Folglich mit eisernen Ketten uff einem erhabenen Pfahll angeschmiedet, lebendig geschmochtet“. Schmöchen bedeutet Hinrichten durch Ersticken: Rings um die Opfer zündete man feuchtes Stroh an, der Qualm räuchert sie zu Tode.

Andreas Ritner, einer der Tangermünder Bürgermeister, bestaunte mit vielen Schaulustigen den spektakulären Strafvollzug. Er sah Grete Minde, ihren Mann Tönnies Meilahn und beider Kumpan Merten Emmert „in Rauch und Schmauch sterbend, zuvor aber unaussprechliche marter, indem sie fast biß an den Abend gelebet, ausstehen müssen“.

Niemand bezweifelte, dass dieses Gesindel das schöne Tangermünde in Schutt und Asche gelegt hatte. Das Feuer war am 13. September zwischen 16 und 17 Uhr an drei Stellen zugleich ausgebrochen, drei Tage loderte es. Brandstiftung, ganz klar.

400 Jahre später brennt die Katastrophe noch immer im Gedächtnis der Stadt. Das liegt nicht nur an den wundervollen Fachwerkhäusern, die die Bürger bald nach dem Brand erbauten und die in beachtlicher Zahl die historische Altstadt zieren. Es liegt auch an Theodor Fontane, der dieser Geschichte die Novelle „Grete Minde“ gewidmet hat.

Es liegt vor allem an Grete Minde selbst, der angeblichen Brandstifterin, ihrer verrückten Lebensgeschichte, dem Prozess und eben der Hinrichtung. Das Stadtarchiv Tangermünde verwahrt die fast vollständigen Prozessakten, zudem die Chronik des Bürgermeisters Kaspar Helmreich, Zeitzeuge des Brandes. Er kannte den Fall Minde. Doch trotz der günstigen Quellenlage – oder gerade wegen der Vielfalt einander widersprechender Aussagen – bleiben Rätsel. Haben wir es mit einem bösen Justizskandal zu tun?

Fontane glättete Gretes Schicksal; kein Wort von Hürlein, Folter, Zwacken und Schmöchen. Auch sein Versuch, ein Sittenbild der Gesellschaft kurz vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges zu schreiben, bleibt hinter der Mindeschen Lebenswirklichkeit zurück. Margarethe wuchs weder in gutem Tangermünder Bürgerhause auf noch brannte sie mit dem Nachbarsjungen durch. Es ging viel wilder zu.

„Ein ausländisch Weib“

Richtig ist, dass ihr Vater Peter Minde ein Sohn des Ratsherrn Heinrich von Minde war, doch ein aus der Bahn geratener. Bürgermeister Kaspar Helmreich schreibt in seiner Chronik, Peter habe „den Krüger totgeschlagen, Haus und Hof verlassen“, sei Kriegsmann geworden und „nach dessen Gewohnheit bekam er ein ausländisch Weib, mit welcher er zeugt ein Hürlein (ich wolte sagen Töchterlein), an welchem nicht ein gutes Haar von Geburt an zu finden war“.

Als Peter verstarb, wandte sich die Mutter mit dem Kinde nach Tangermünde und forderte (wohl 1593) von der Familie ein Erbteil für Grete. Sie gab an, eine Ehe mit Peter geschlossen zu haben. Gretes Großvater Heinrich zeigte sich entgegenkommend. Die Akten legen nahe, dass er beim Tangermünder Rat 100 Taler deponierte. 50 gelangten nachweislich an Grete. Diese vertrat nach dem Tod ihrer Mutter ihre Interessen selbst – hartnäckig und nachdrücklich. Sie verlangte von ihrem Onkel mehr: 300 Taler als Anteil vom Mindeschen Haus, von einer Hufe Landes sowie Betten, Hausgeräte und Zinngeschirr.

Helmreich berichtet, der Rat habe einen Vergleich gesucht, Heinrich Minde sollte aus der Erbschaft des verstorbenen Großvaters zahlen – Helmrich ist unsicher, ob das geschah. Grete fand es jedenfalls nicht genug und warf ihrem Onkel vor, Abmachungen zu brechen. Heinrich zweifelte Gretes eheliche Geburt an und fürchtete, sie werde das Geerbte leichtfertig durchbringen. Sie hing sich, wie Helmreich ätzt, an „Schelmen und Buben“, vor allem an einen Kerl namens Tönnies Meilahn – Landstreicher, herrenloser Landsknecht, Tunichtgut.

Geständnis unter Folter

Bald darauf brannte die Stadt. Man fand „Brandzettel“, die Fehde verkündeten. Man verglich Schriftproben, fand aber keinen Schuldigen. Dann geschah Unerwartetes. Im Januar 1619 fasste man den Räuber Tönnies. Im Verhör gestand er ungefragt die Brandstiftung, nannte Grete als Anstifterin, Merten als Urheber der Brandzettel. Gretes Mann gab Details preis: Man habe „beim Marckte an Bürgermeister Petri Asseburg und dem Mindeschen Haus den Anfang“ gemacht. Er gestand unter Folter und wiederholte das Geständnis tags darauf. Bald fasste Stadtknecht Lütge Grete in Möckern und auch Merten. Sie streiten ab.

Der Rat ermittelte als zuständiges Gericht und bezog völlig korrekt den Brandenburger Schöppenstuhl, ein Gremium von Rechtsgelehrten, ein. Als der Rat dort um Genehmigung bat, Grete und Merten „peinlich befragen“ zu dürfen, also zu foltern, gaben die Schöffen zunächst mehr Zeugenbefragungen auf. Sie ergaben widersprüchliche Aussagen: Ein Kuhhirte aus Arpendorf bestätigte, Grete habe zur Tatzeit bei ihm krankgelegen. Diesem Alibi steht die Aussage des Patriziers Peter Asseburg entgegen, Grete habe am Tag nach Brandausbruch in seinem Hause einen Krug Bier getrunken. Ihm glaubte man.

Unter Folter gab Grete ihre Beteiligung zu und wiederholte das Geständnis „ohne Zwang und Pein“ am Tag darauf, „mit Merten Emmerten und ihren Kerl Tonnies Meilahnen vereinigt, diese Stadt anzulegen, das sie erwehnten ihren gesellen anleitung gegeben, an welchen Stellen sie anlegen solten“. Als Motiv nennt sie Rache „an die Mindische, weil sie ihr patrimonium von derselben nicht bekommen kunnte“. Ein Geständnis galt als „Königin der Beweise“ – das Urteil erging gemäß der Carolina, der ersten Reichstrafprozessordnung mit materiell-rechtlichen Normen.

Eine Ehrenrettung?

Fontane studierte die Minde-Akten und fand Grete schuldig. Anders Amtsrichter Ludolf Parisius, ein Liberaler, der 1883 die Quellen las und entsetzt eine „Ehrenrettung“ schrieb. Er sprach von einem grausigen Justizmord: „Ihre Schuld war durch nichts erwiesen.“

Moderne Rechtshistoriker ordnen sachlicher ein. Thomas Krause von der Universität Kiel kam 1996 zu dem Schluss, Tönnies’ Geständnisse seien nicht gänzlich unglaubwürdig. Der Tangermünder Scharfrichter Moritz Winsel sei zwar als besonders grausam bekanntgewesen. Aber er habe dem Gefolterten kein Geständnis in den Mund gelegt – es sei ja um Tönnies’ Raubtaten gegangen. Krause überzeugt auch die These nicht, Tönnies habe ein schlechtes Verhältnis zu seiner Frau gehabt und habe sich an ihr rächen wollen – schließlich habe er auch andere Personen schwer belastet, einschließlich sich selbst.

Das Urteil sei gemäß der damals geltenden Rechtslage gefällt, auch die Inquisition habe die Regeln befolgt. Man habe „nicht wahllos, sondern nur nach Einholung einer entsprechenden Rechtsweisung aufgrund klarer Verdachtsmomente gefoltert“.

Zwar gebe es Zweifel an Meilahns Beschuldigungen gegen seine Frau, aber aufgrund seines Geständnisses mussten die Richter nach damaliger Rechtslage davon ausgehen. Krauses Fazit: Der Prozess wurde formal korrekt geführt. Aber hat Grete die Stadt auf dem Gewissen? Krause meint: Nicht mit Sicherheit zu sagen. Der Rechtshistoriker müsse sich mit einem „non liquet“ („Es ist nicht klar“) begnügen, wolle er nicht in den Bereich der Spekulation geraten.

Ähnlich sieht es Heiner Lück, Rechtsgeschichtler von der Universität Halle. Er befindet 2006: „Nach Lage der Akten sind dem Rat keine formalen Fehler vorzuwerfen, insofern ist Grete kein Justizopfer, ihre Hinrichtung kein Justizmord.“ Vor 400 Jahren aber war die Stadt zufrieden, der Rat vor allem: Er hatte Schuldige präsentiert. Die Verurteilten passten gut, sie waren dahergelaufene Fremde. Typische Gestalten einer Zeit gesellschaftlicher Auflösung. Tatsächlich flackerten bis 1621 immer wieder Brände und wurden Brandzettel gefunden. Die Akte Minde ist nicht geschlossen.

Am 13. September 2017 um 16.50 Uhr läuten genau 400 Jahre nach dem Ausbruch des Brandes wieder die Glocken von St. Stephan in Tangermünde. Danach stellt die Historikerin Friederike Wein im Christophorushaus Neues aus der Akte Grete Minde vor. Um 18 Uhr hält Pfarrer Norbert Lazay einen Vortrag zum Thema. Das Christophorushaus überstand den Brand im Schutz der mächtigen Stephanskirche.