Hat auch im Shutdown den Durchblick: Boris Radzcun.
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BerlinDie Grill-Royal-Gruppe ist eine entscheidende Größe in Berlins Gastroszene. Sieben Restaurants betreibt die Gruppe in der Stadt. Momentan sind alle geschlossen. Was das für ihn, seine verunsicherten Mitarbeiter und die einzigartige Food-Destination Berlin bedeutet, erklärt Geschäftsführer und Mitinhaber Boris Radczun im Interview. 

Berliner Zeitung: Ihre sieben Restaurants sind gegenwärtig geschlossen. Ich nehme an, so richtig viel Zeit und Muße zum Binge-Watching oder Lesen haben Sie trotzdem nicht?

Boris Radczun: Das eine ist die Zeit, das andere die Stimmung. Es ist jetzt kein Müßiggang, der mir irgendwie Freude macht. Nach den ersten hektischen Wochen, wo wir viel Bürokratisches wie Kurzarbeit organisieren mussten, machen meine Partner und ich von der Grill Royal Group uns natürlich zunehmend Sorgen und überlegen, wie die Zukunft aussehen kann.

Einen Vorgeschmack haben Sie kürzlich erhalten: Die Kanzlerin hat erste Lockerungen verkündet. Ab Mai werden wir uns wieder die Haare schneiden lassen können, aber Restaurants bleiben zu. Können Sie das nachvollziehen?

Boris Radczun: Generell kann ich alles, was Menschenleben schützt, nachvollziehen. Nur die Abstufung verstehe ich nicht ganz. Etwa wenn man sieht, wie eng es in der U-Bahn zugeht, oder warum nun ausgerechnet kleinere Läden wieder öffnen dürfen. Aber da bin ich kein Experte. Wo ich mich jedoch einbringen könnte, sind Konzepte, wie wir Restaurants öffnen und dennoch unsere Gäste schützen.

Wo sehen Sie Möglichkeiten als Gastronom, Ihre Restaurants zu öffnen, ohne die Gäste einer Ansteckung auszusetzen?

Boris Radczun: Es gäbe viele. Ich wünschte mir nur, dass sich da auch einer mal wissenschaftlich aus dem Fenster lehnen und sagen würde: „Macht es doch so oder so“. Wir könnten den Zahlungsverkehr prinzipiell nur bargeldlos machen. Es wäre auch kein Problem, dass unser Servicepersonal und die Küche alle Masken tragen. Nur brauchen wir konkrete Schritte, die wir abarbeiten können.

Etwa, dass der Gast, bzw. die Gruppe von Gästen, die einander kennen – denn die Theorie ist ja, dass Leute zusammen essen gehen, die ohnehin in Kontakt sind –, unter sich bleiben und zum nächsten Tisch einen gewissen Abstand einhalten müssen. Das ließe sich problemlos organisieren. In der Gastronomie sind Bankettsitze üblich, also Anordnungen, bei denen Stühle Rücken an Rücken ausgerichtet sind. Wir könnten sogar Plexiglasscheiben dazwischen machen. Wenn man also wüsste, was genau wirken würde, könnten wir das baulich ziemlich schnell umsetzen. Sprich: Wir könnten mehr machen, wenn uns jemand nur sagt, was.

Sie haben sehr unterschiedliche Restaurants, schon was die Größe angeht. Da ist etwa das wirklich weitläufige Grill Royal; auch der Pauly Saal in der Jüdischen Mädchenschule ist nicht gerade klein. Anders dagegen das viel intimere Kin Dee oder das Le Petit Royal. Wo lassen sich Schutzmaßnahmen Ihrer Meinung nach am ehesten umsetzen?

Boris Radczun: Im Grill würde eine gewisse erlaubte Personenzahl mit Sicherheit wirken, allein durch den Abstand, den wir dort einhalten können. Es wäre auch kein Problem, eine Eingangsschleuse zu bauen. Die große Angst der Regierung, so hört man, ist eine Stausituation beim Reingehen oder beim Bezahlen. Das könnten wir im Grill räumlich leicht verhindern, ebenso im Pauly Saal. Bei anderen Restaurants wäre das eventuell schwieriger.

Was wir aber, glaube ich, auch alle realisieren sollten, ist, dass zumindest dieses Jahr nicht mehr dramatisch viel gereist wird. Alle unseren internationalen Gäste aus Südamerika, New York oder London werden ausbleiben. Ich denke, es wird hier erstmal eine Weile sehr berlinerisch.

Wie bereits erwähnt, gehören zu Ihrer Gruppe sieben Restaurants, sechs davon in Berlin, eins in Frankfurt. Wieviel Kosten laufen bei Ihnen derzeit täglich an?

Boris Radczun: Sehr hohe Summen, ich kann das gar nicht genau benennen. Es geht auch nicht allein darum, wie hoch das ist. Das Ausschlaggebende ist, dass man nicht weiß, wie lange es sich noch hinzieht. Wenn man sich Geld von der KfW leiht, wie die Regierung es einem empfiehlt, dann muss man doch auch als Unternehmer und Kaufmann sagen können, ob man das in absehbarer Zeit wieder zurückzahlen kann. Diese Perspektive fehlt bisher.

Berlin muss aufpassen. Wenn hier die besondere Gastronomie flöten geht, alle die Clubs und Bars, dann haben wir keinen Meeresbusen, der die Leute anlockt.

Boris Radczun

Wie lange können Sie durchhalten?

Boris Radczun: Wenn sich das nun noch ein halbes oder ein Jahr hinzieht, dann können es die meisten Gastronomen wohl ohnehin nicht mehr selber schaffen. Dann geht es nur mit einer geringeren Mehrwertsteuer. Und wenn einfach so geholfen wird. Es hängen ganze Lebenssituationen von Mitarbeitern dran, ganze Familien.

Auf dem Land beobachten wir schon lange ein unglaublich trauriges Gasthaussterben. Es gibt ganze Landstriche, in denen man nicht mehr essen gehen kann. Nochmals: Wichtig ist eine Perspektive, wann und wie es weitergeht. Denn wir müssen ja auch neue Ideen entwickeln, Speisekarten schreiben und vor allem die gute Laune im Betrieb und bei den Mitarbeitern wieder herstellen, die nun alle im Ungewissen und mit nur 60 % ihres Gehalts zu Hause sitzen.

Sie sind Großgastronom, in Berlin jedenfalls als Fixgröße nicht mehr wegzudenken. Ergeht es Ihnen damit in der Corona-Krise besser oder schlechter als jemandem, der nur einen einzigen Laden durchbringen muss?

Boris Radczun: Ich glaube, wir sitzen alle im gleichen Boot. Es ist für uns alle gleich schwierig. Es gibt natürlich verschiedene Gastronomen – darunter welche, die eine sehr hohe Miete bezahlen, weil sie an einem Ort sind, wo viele Menschen täglich vorbeilaufen. Die haben nun ein Riesenproblem. Und es gibt andererseits Destination-Läden, die sich wegen ihres schönen Platzes und besonderen Essens einen Namen gemacht haben. Die Leute kommen extra dort hin, weil sie das schätzen. Diese Läden haben es danach vielleicht wieder einfacher.

Welche Hilfen haben Sie bisher schon bekommen? Sie haben sich ja auch an dem Brief der Berliner Gastronomen an den Bürgermeister beteiligt, in dem Sie um Nothilfe, Kostenübernahme der Gehälter und Bürgschaft für Miete bitten. Ist das eingetreten?

Boris Radczun: Uns war es wichtig, dass wir uns mit anderen Gastronomen in einem Netzwerk zusammentun und nach gemeinsamen Lösungen mit der IHK und der DEHOGA suchen, um ein Fortbestehen der vielfältigen gastronomischen Kultur dieser Stadt zu ermöglichen. Wir haben keinerlei Hilfen bekommen bis jetzt, weil wir eine komische Zwischengröße haben. Für einen Kleinbetrieb und Soforthilfen sind wir zu groß, aber auch wiederum zu klein, um – wie in der Industrie bei Adidas geschehen –schnell von der KfW unterstützt zu werden. Wir fallen komplett dazwischen. Wir warten nun darauf, dass das Kurzarbeitergeld überwiesen wird, weil wir das ja alles aus unserem finanziellen Polster vorstrecken müssen.

Sie hatten die mangelnde Perspektive angesprochen. Mit was rechnen Sie insgeheim denn eigentlich: Wann werden Ihre Restaurants wieder offen sein?

Boris Radczun: Es gibt zwei große Fragen: Erstens, wann können wir wieder mit einem halbswegs normalen Ablauf aufmachen? Und das Zweite ist, dass man überhaupt nicht weiß, wie es vom Volumen her aussieht. Wann kommen wieder Touristen in die Stadt, und was ist mit den Berlinern selbst? Ich hoffe schon, dass die Berliner bald wieder sagen: „Komm, lass uns was essen gehen, lass uns unter Leute gehen.“ Bei mir ist es schon so, dass sobald ich einen Film gucke, in dem Leute im Restaurant essen, da geht mir sofort das Herz auf. Wir wollen das machen, was uns ausmacht – und in dieser Stadt ist das nun mal die besondere Gastronomie, die besonderen Clubs und Bars. Berlin muss aufpassen. Wenn das flöten geht, haben wir keinen Meeresbusen, mit dem wir Leute anlocken.

Im Gegensatz zu vielen anderen Gastronomen bieten Sie, mit Ausnahme des Kin Dee, bisher kein Take-away oder Lieferservice an. Warum eigentlich nicht?

Boris Radczun: Gastronomie bedeutet neben gutem Essen, dass Menschen für eine gute Zeit zusammenkommen. Außerdem müsste es für uns auch wirtschaftlich Sinn machen. Wenn wir unseren riesigen Grill im Grill Royal anschmeißen, das sind dann 23 Kilowatt. Da muss ich dann aber auch 200 Steaks am Abend drauflegen, sonst ist das einfach nur unökologisch und ein Scheinding – aber keine ehrliche Gastronomie.