Sobald die Temperaturen in Berlin über 15 Grad steigen, liegen im Wedding die ersten nackt im Park. Wenn es noch wärmer wird, zieht der Rest der Stadt nach, wenngleich auch überwiegend angezogen. Allerdings nicht immer in allergrößter Harmonie. Rücksichtnahme ist kein originär Berliner Wort. Menschen, die hier schon mal am Straßenverkehr teilgenommen haben, wissen das wahrscheinlich.

Der größte Streitpunkt in Berliner Parks ist immer wieder die Grillerei. Kaum etwas verbindet die vielen unterschiedlichen Kulturen hier so sehr wie die Liebe zu Fleisch über glühenden Kohlen. Da können sie am Karneval der Kulturen noch so viel Samba tanzen. Es gibt, wenn ich richtig gezählt habe, 16 ausgewiesene Grillplätze in öffentlichen Grünanlagen. Aber man hält sich in etwa genauso strikt an das übrige Grillverbot wie daran, nicht auf Radwegen zu parken.

Kiffer, Musik über Lautsprecher, Hunde

In Friedrichshain gab es erst neulich einen mittelgroßen Aufruhr, weil im Volkspark zwölf ausgewachsene Schafe gegrillt wurden. Aber die Diskussion darüber ist nichts Neues. Sie entflammt, wenn ich im Bild bleiben darf, jedes Frühjahr von neuem. Viele fühlen sich gestört vom Qualm, vom Geruch und von dem Müll, den die Grillenden oft hinterlassen. Forderungen, dass Mitarbeiter des Ordnungsamts sich darum kümmern, werden laut. Dabei sind die doch schon damit beschäftigt, Falschparker auf Radwegen aufzuschreiben. Kleiner Scherz.

Ich bin auch häufig in Parks, weil ich keinen Balkon habe und dort gut arbeiten kann. Auch mich stören Wildgriller. Aber ich wäre keine Berlinerin, könnte ich nicht auch über tausend andere Dinge in Grünanlagen motzen, die meiner Meinung nach in dieser öffentlichen Debatte viel zu wenig Beachtung finden: Kiffer, Musik über Lautsprecher, Hunde, Federballspieler oder Trommler. 

Wursthaarigen Trommelgruppen

Weil ich aber denke, dass mein Ruhebedürfnis nicht über den Bedürfnissen anderer Stadtbewohner steht, bin ich nicht für Verbote. Man könnte dagegen über eine Aufteilung nach Interessensgebieten nachdenken. Ein, zwei Grünflächen für Hundebesitzer, einen Park für Musikhörer, einen für Ballspieler und so weiter. Für die große Gruppe der Grillenden müsste man schon das Tempelhofer Feld reservieren. Davon könnte man vielleicht noch eine Ecke abzwacken für die Kiffer, was bei der Rauchentwicklung nicht groß auffiele. 

Das hätte außerdem den Vorteil, dass es die Mieten in der Umgebung schön weit unten halten würde. In Kreuzberg könnte man denselben Effekt erzielen, indem man im Görlitzer Park ausschließlich die wursthaarigen Trommelgruppen reinließe zum gemeinsamen Musizieren.

Über niemanden mehr aufregen?

Man könnte einen großen FKK-Park einrichten, einen mit Fußballplätzen, dazu noch ein paar für Raucher, größere Kindergruppen und für frisch verliebte Pärchen. Für all die Menschen, die einfach gerne im Park ein Buch lesen wollen, weder Musik hören noch machen, nicht mit Bällen spielen, nicht grillen und ihren Müll hinterher wieder mitnehmen, müsste man natürlich auch noch eine ausreichend große Fläche zur Verfügung stellen. Vielleicht die Mittelinsel vom Ernst-Reuter-Platz.

Dann muss niemand mehr Rücksicht nehmen oder Toleranz üben. Wir werden nur noch mit unseresgleichen konfrontiert und stellen am Ende fest, wie langweilig das eigentlich ist, wenn wir uns über niemanden mehr aufregen können.