Berlin - Einmal ist sie nicht gesprungen: Das war 2014, als die Berliner SPD die Nachfolge von Klaus Wowereit als Regierendem Bürgermeister regeln musste. Drei Bewerber gab es, alles Männer, einander in herzlicher Abneigung verbunden. Nach dem Wunsch vieler Genossen hätte es noch eine vierte Kandidatin gegeben: Eva Högl, Bundestagsabgeordnete für Berlin-Mitte, Berliner Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen – dieses Amt sollte man in einer Netzwerkerinnen-Partei wie der SPD nicht unterschätzen.

Dass Högl nicht ins Rennen ging, hatte wohl zwei Gründe:  die festen Fronten in der Berliner SPD, die sie mühsam hätte aufbrechen müssen. Und ihren festen Wunsch, die Bundespolitik nicht nach fünf Jahren schon wieder zu verlassen.

Jetzt könnte sich ihr Beharren auszahlen: Högl ist im Gespräch als Nachfolgerin für Andrea Nahles im Arbeits- und Sozialministerium oder für Heiko Maas als Justizministerin. Für historisch Interessierte: Es wäre das erste Mal seit 1974, dass  der Berliner Landesverband ein Mitglied der Bundesregierung stellt.

Högl hat eine ungewöhnliche Integrationskraft

Es erstaunt nicht, dass die 49-jährige Wahl-Weddingerin zur engsten Auswahl gehört. Seit 2009 gehört sie dem  Bundestag an, verschaffte sich dort in kurzer Zeit so viel Profil – vor allem durch ihr Wirken im NSU-Untersuchungsausschuss –, dass sie 2013 Berliner Spitzenkandidatin und stellvertretende Fraktionsvorsitzende wurde.

Zehn Jahre lang hatte sie zuvor unter SPD-Ministern, auch unter  Olaf Scholz, im Arbeits- und Sozialministerium gearbeitet.  Seit mehr als 25 Jahren schließlich engagiert sie sich in der Partei, war Juso-Vize  und mehrfach Mitglied des Bundesvorstands.

Aber solche Biografien gibt es etliche, sie führen keineswegs automatisch in  ein Ministeramt. Was Högl auszeichnet, ist eine ungewöhnliche Integrationsfähigkeit. „Auf sie können sich alle einigen“, sagte ein Sozialdemokrat, als der Landesparteitag sie im Mai mit 91 Prozent erneut zur Berliner Spitzenkandidatin wählte. Ihre Unterstützerreden hielten der eher rechte Innensenator Andreas Geisel und die eindeutig linke Berliner Juso-Chefin Annika Klose.  „Sie reduziert Innenpolitik nicht auf die Polizei“, sagte Geisel. Klose pries ihren Einsatz für die Gleichstellung.

Hat sie Rückhalt in ihrer Partei?

Bloß geholfen hat ihr der Rückenwind aus der Partei nur bedingt. In der Hauptstadt erzielten die Sozialdemokraten ein historisch schlechtes Ergebnis, wurden drittstärkste Kraft. Ihren Wahlkreis in Mitte konnte Högl gerade so verteidigen, zum dritten Mal, ebenfalls mit einem historisch knappen Ergebnis.

Alles der Bundestrend? Sicher zu einem wesentlichen Teil. Aber es ist eben auch so, dass Högl zwar herzlich und offen im Umgang und eine höchst respektierte Fachpolitikerin ist. Politisch steht sie aber für den Pragmatismus und die Ausgewogenheit, die der SPD in der großen Koalition zwar den politischen Alltag erleichterten, sie in der Wahl aber Stimmen kosteten. Gut möglich, dass Högl als Ministerin Akzente setzt. Erst einmal muss sie im deutlich linken Landesverband aber für den Koalitionsvertrag werben. Es ist nicht sicher, dass sie dieses Mal auf den Rückhalt ihrer Partei zählen kann.