Jugend im Brennpunkt: „Silvester hat Bock gemacht, es war ein Adrenalinkick“

Die Gropiusstadt war einer der Hotspots bei den Silvesterkrawallen. Doch für die Jugend hier ist das Leben immer schwer. Zeit, mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Ein junger Mann wartet auf die Bahn am Bahnhof Lipschitzallee in der Gropiusstadt in Neukölln.
Ein junger Mann wartet auf die Bahn am Bahnhof Lipschitzallee in der Gropiusstadt in Neukölln.Emmanuele Contini

Vanessa möchte, wenn sie groß ist, einmal woanders wohnen. Nicht hier in der Gropiusstadt, wo das Leben vor allem aus Langeweile und Furcht vor prügelnden und dealenden Gangs besteht, wo sie abends im Bus von älteren Männern angegrabscht wird. Das 15-jährige Mädchen sitzt mit zwei Freundinnen auf einer Tischtennisplatte direkt neben einem Bolzplatz, wie jeden Tag. Jungs kicken dort einen orangenen Ball hin und her, feuern sich mit lauten Rufen an. Im Hintergrund sieht man die Hochhäuser. Ein Mülleimer in der Ecke ist voller Sekt und Bierflaschen, auf dem Boden liegen durchgeweichte Knaller. Die letzten Überreste einer chaotischen Silvesternacht.

Vanessa trägt eine beige Tommi-Hilfiger-Jacke, ihr kräftig geschminktes Gesicht ist eingerahmt von glattem, dunklem Haar, während sie spricht, hält sie ihr Handy fest umklammert. Heute habe sie in der Schule über die Krawalle gesprochen, erzählt sie. Sie habe im Unterricht ein Video geschaut, auf dem man den brennenden Bus sah, der an der Sonnenallee auf Höhe der High-Deck-Siedlung abfackelte. „Wir haben den Lehrern gesagt, dass es nächstes Jahr wieder so schlimm wird“, sagt ihre Freundin Nonni, 15. Schon vor Wochen, so erzählen die drei Mädchen, hätten die Jungs in ihrer Klasse angekündigt, es dieses Jahr so richtig krachen zu lassen.

Die Gropiusstadt, die Sonnenallee, die High-Deck-Siedlung, der Hermannplatz – all das waren die Hotspots an jenem Abend, als Berlin den Jahreswechsel feierte. Autos, Balkone und Läden brannten hier, Polizisten und Feuerwehrmänner wurden angegriffen, es gab viele Verletzte. Zwar eskalierte es auch in anderen Teilen der Stadt, doch wohl nirgendwo so konzentriert wie in diesen Neuköllner Gegenden. Seitdem vergeht kein Tag, an dem nicht über Jugendgewalt und Integration debattiert wird.

Die Gewaltexzesse in Neukölln seien kein Ausrutscher gewesen, vielmehr der Gipfel des Eisbergs, schrieb der Neuköllner Sozialstadtrat Falko Liecke (CDU) in einem Gastbeitrag für die Berliner Zeitung. Mit Blick auf die Randale in der High-Deck-Siedlung sagte er, es handele sich um „spektakuläre Taten von Jugendgruppen im Alltag eines Kiezes, der von Kriminalität, Drogen und Gewalt geprägt ist“. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) twitterte: „Wir haben in deutschen Großstädten ein Problem mit bestimmten jungen Männern mit Migrationshintergrund, die unseren Staat verachten, Gewalttaten begehen und mit Bildungs- und Integrationsprogrammen kaum erreicht werden.“ Es klang, als hätte ihr Vorgänger aus der CSU, Horst Seehofer, den Tweet verfasst.

Parolen wie diese gibt es viele dieser Tage. Wahrscheinlich auch, weil in der Hauptstadt am 12. Februar nachgewählt wird. Doch löst man mit solchen Stigmatisierungen ein Gewaltproblem? Und handelt es sich bei dem Gewaltproblem nicht vor allem um ein Jugendproblem, eines, das seit Jahren bekannt und sträflich ignoriert worden ist? Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey jedenfalls sieht in einem Jugendgipfel die Lösung und forderte „eine konzertierte Aktion in Schule, in Jugendsozialarbeit, der polizeilichen Präventionsarbeit aber auch in der Jugendgerichtshilfe.“

Jugendliche in einem Park in der Gropiusstadt.
Jugendliche in einem Park in der Gropiusstadt.Emmanuele Contini

Es wirkt, als würde wieder einmal vor allem über die Jugendlichen gesprochen und weniger mit ihnen. Doch wie geht es dieser Generation nach zwei Jahren Pandemie, vor allem in Brennpunkt-Vierteln, wo viele Teenager über Monate ihre engen Zimmer nicht verlassen durften?

Es ist ein leicht verregneter Tag in der Gropiusstadt, der Wind weht eisig durch die Betonschluchten. Nonni, eines der drei Mädchen auf der Tischtennisplatte, zieht sich die Jacke fester um ihren Körper, sie bibbert beim Sprechen. Nach Hause möchte sie noch nicht, sie möchte noch ein bisschen chillen. Ihre Eltern, erzählt sie, stammen aus Serbien und hielten sich mit Putzjobs über Wasser. Sie selbst ist in Berlin geboren.

Alle drei Mädchen, Nonni, Mara (17) und Vanessa, kommen aus sozial schwachen Familien. Die drei sind nicht gewalttätig, sie zünden keine Autos an, aber sie sind auch nicht vom Leben begünstigt. In der Förderschule, die sie besuchen, sagen sie, bringe man ihnen nichts bei. Statt Unterricht gebe es ständig Streit und Stress von den deutschen Lehrern. Dabei wollen die Mädchen gut sein in der Schule, um später vielleicht noch die Mittlere Reife zu schaffen. „Ich möchte mal was mit Tieren machen“, sagt Nonni, Vanessa will mit Anwälten zusammenarbeiten, Mara möchte was Soziales machen. Doch ihr Alltag ist allzu häufig von Gewalt und Hass vor der Tür geprägt. Nonni sagt: „Bei uns in der Gegend kommt täglich die Polizei.“

Es sind immer die gleichen, sie sind kriminell, sie finden sich einfach cool.

Nonni (15) über die Täter in der Silvesternacht

Die drei Mädchen kennen viele der Täter der Silvesternacht. Es sind ihre Nachbarn, die Freunde ihrer Brüder, die den Rest des Jahres mit Drogen dealen und Leute abziehen. „Abziehen“, so nennt man das hier, wenn man Passanten mit Messern bedroht und ihnen die Handys oder Portemonnaies abnimmt. Schon vor zwei Wochen hätten diese Jungs  geprahlt, wie sehr sie es den „Bullen“ jetzt mal zeigen würden. „Die Bullen, das sind die Feinde dieser Jungs“, sagt Vanessa. Sie schüttelt den Kopf. „Die haben sich zwei Jahre lang gelangweilt wegen Corona, weil das Böllern verboten war.“

Nonni hat an dem Abend alles miterlebt. Sie habe gesehen, wie die „Jungs“, so nennt sie sie, Böller auf Menschen und Hunde geworfen haben. Brandsätze auf Balkone flogen, ein Junge aus ihrer Schule habe einen Finger verloren. „Es sind immer die gleichen, sie sind kriminell, sie finden sich einfach cool“, sagt sie. Auch, weil die Täter immer davonkommen würden. Von den 145 in der Silvesternacht Festgenommenen sind inzwischen alle wieder auf freiem Fuß. Nonni zuckt mit den Schultern. „Es gibt hier ja auch echt nicht viel zu tun. Wahrscheinlich kommen die deswegen auf dumme Ideen.“

Gropiusstadt: Fast jeder zweite unter 15 lebt in einer Bedarfsgemeinschaft

In der Gropiusstadt leben etwa 38.000 Menschen, zirka die Hälfte hat einen Migrationshintergrund. Die Arbeitslosenquote ist überdurchschnittlich, liegt bei zirka zehn Prozent, die Kinderarmut ist extrem hoch: Fast jeder zweite unter 15-Jährige lebt in einer Bürgergeld-Bedarfsgemeinschaft. Es gibt zwar Anlaufstellen für Jugendliche, aber an jenem Nachmittag sind die meisten geschlossen und ohnehin: Viele der Jungen und Mädchen, mit denen man hier spricht, hängen sowieso lieber wahlweise in den Gropiuspassagen, an den U-Bahnstationen Lipschitz- oder Wutzkyallee oder den Bolzplätzen und Tischtennisplatten ab. Es sind ihre inoffiziellen Treffpunkte. Hier krächzt Deutsch-Rap aus ihren Handys, hier schauen sie stundenlang Videos bei Instagram und YouTube oder lästern über Schulkameradinnen auf TikTok.

Kaputter Regenschirm in der Gropiusstadt in Neukölln in Berlin am 6. Januar 2023.
Kaputter Regenschirm in der Gropiusstadt in Neukölln in Berlin am 6. Januar 2023.Emmanuele Contini

An der U-Bahnstation Johannisthaler Chaussee hocken an diesem Nachmittag zwei Jungs auf Fahrradständern und gucken auf ihre Handys. Ein Mann, der an sein Bike möchte, wirft ihnen böse Blicke zu. Die Jungs heißen Omar und Momo, sie  kommen gerade aus der Schule am Zwickauer Damm, ebenfalls eine Förderschule. Momo sammelt im Mund vor seiner Zahnspange Spucke und lässt sie zwischen die Fahrräder platschen. Der ältere Herr schimpft: „Ihr seid einfach unerzogen, wir waren früher ganz anders.“ Die Teenager ignorieren ihn. Der Mann lässt nicht locker: „Heute hocken sie mit ihren Shishapfeifen überall und machen alles kaputt.“ Die Jungs grinsen.

Omar bleibt cool. Er kenne solche Ausraster gegen ihn und seine Kumpel, sagt er. Der 15-Jährige ist auch in der Gropiusstadt aufgewachsen, sein Freund Momo (16) ebenso. Tagsüber spielen sie in Cafés Karten, treffen Freunde und schwärmen für Dilara, das schönste Mädchen in der Schule. Nach Hause gehen die Jungs nur zum Essen und zum Schlafen. „Viel zu tun gibt es hier nicht“, sagt Momo. Das Leben sei oft langweilig. Sonntags vor allem, da habe alles zu.

Sie seien aber nicht so „asozial“ wie die anderen, schwören sie. Dennoch behauptet Omar, am Silvesterabend bei den Krawallen mitgemacht zu haben. Er habe beobachtet, wie einem Polizisten ein Knaller unter den Helm flog und selbst Raketen auf Autos geschossen. Hat er auch Menschen beschossen? „Weiß ich nicht“, antwortet er und grinst. „Weiß ich nicht“ heißt wahrscheinlich: ja.

Omar und Momo kennen alle Videos, die in dieser Nacht ins Netz gestellt worden sind. Sie verstehen die Aufregung nicht. „Es hat Bock gemacht. Das war ein Adrenalinkick“, sagt Omar. Lust an der Zerstörung? Die beiden lachen und nicken. In der Nacht sei es endlich mal wieder so richtig abgegangen. Ähnlich wie in Actionfilmen. Die zwei mögen den Film „Athena“, der gerade in aller Munde ist. Darin geht es um den Polizistenmord an einem kleinen, arabischstämmigen Jungen aus den Pariser Banlieus und einen bürgerkriegsähnlichen Kampf zwischen den Freunden seiner Brüder mit der Polizei. Die Jugendlichen in dem Film schießen mit Feuerwerkskörpern und Böllern auf die Beamten, die Parallelen zur Silvesternacht sind unverkennbar. Auch hier in Berlin brodelte es bei den Auseinandersetzungen zwischen den Jugendlichen und den Einsatzkräften. Man möchte sich nicht ausmalen, wenn es dabei einen Todesfall gegeben hätte.

Ein Imbiss am Bahnhof Lipschitzalle in der Gropiusstadt 
Ein Imbiss am Bahnhof Lipschitzalle in der Gropiusstadt Emmanuele Contini

In Berlin sind im Jahr 2022 mehr Kinder und Jugendliche durch Gewalttaten aufgefallen. Die Polizei sprach von über 500 Verdächtigen, deutlich mehr als in den Vorjahren. Auch bei den Gesamtzahlen von Erwachsenen und Jugendlichen gebe es einen deutlichen Anstieg der sogenannten Rohheitsdelikte wie Raubüberfälle und Körperverletzungen. Die Gropiusstadt ist einer der Hotspots. Sie gilt als gefährliches Pflaster. Anwohner berichten von Bandenkriminalität, davon, dass die Hemmschwelle, Menschen anzugreifen, gesunken sei.

Christiane F. aus „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wuchs in der Gropiusstadt auf

Doch schaut man sich die Entwicklung der Gropiusstadt an, muss man konstatieren, dass es hier nicht erst in den letzten Jahren rauer wurde. 1950 vom berühmten Bauhaus-Architekten Walter Gropius als Trabantenstadt geplant, galt die Siedlung in den Sechzigern zunächst als Sinnbild eines hippen sozialen Wohnungsbaus. Doch schon Mitte der Siebziger erlangte die Gegend traurige Berühmtheit durch die Geschichte der heroinsüchtigen Christiane F. Das Mädchen, deren Autobiografie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ weltbekannt wurde, wuchs hier in der Nachbarschaft auf und stand exemplarisch für eine verlorene Jugend in der Großstadt. Hat sich also möglicherweise schon seit Jahrzehnten hier nichts geändert?

Ich würde mein Kind hier heute nicht mehr auf die Schule schicken wollen.

Lisa Dworski wohnte als Kind in der Gropiusstadt

Ein paar Meter weiter von den Gropiuspassagen, vor denen Omar und Momo sitzen, steht Lisa Dworski mit ihrem Kinderwagen vor einer Kita und unterhält sich mit den Erzieherinnen. Sie kennen sich von früher. Die 29-Jährige mit Brille und einem knöchellangen dunklen Parker ist ebenfalls Erzieherin und arbeitet in einer Kita ganz in der Nähe. Sie ist auch hier aufgewachsen. „Klar gab es hier damals schon Drogenabhängige“, sagt sie, „und wir mussten vor allem vor den Mädchengangs aufpassen, die manchmal einfach grundlos drauflosgeprügelt haben.“ Trotzdem habe sie eine gute Kindheit gehabt, sagt Dworski. Ihre Eltern, die aus Polen stammen, seien streng gewesen, aber draußen auf der Straße hätte sie auch viele Freiheiten und enge Freundschaften gehabt.

Die geschlossene Gertrud-Junge-Bibliothek in der Gropiusstadt in Neukölln in Berlin am 6. Januar 2023.
Die geschlossene Gertrud-Junge-Bibliothek in der Gropiusstadt in Neukölln in Berlin am 6. Januar 2023.Emmanuele Contini

Mittlerweile habe sie den Eindruck, dass sich die Gegend zwar weg von den Drogen, aber hin zu mehr Gewalt entwickelt habe. Die Jugendlichen seien roher geworden, sagt sie. „Vielleicht hat es mit der Pandemie zu tun, schwer zu sagen.“ Inzwischen wohnt sie nicht mehr hier. Sie und ihr Mann und ihr kleines Kind sind an die Stadtgrenze gezogen, bald erwarten sie ein zweites Baby. Bevor sie geht, sagt Lisa Dworski noch, dass sie heute hier nicht mehr leben könnte. „Meine Kind würde ich hier nicht mehr auf die Schule schicken.“