Gropiusstadt: Von der Rütli-Schule lernen

Für Can, Martha und die anderen Erstklässler fand am Sonnabend im Schatten der Hochhäuser von Gropiusstadt eine ganz besondere Einschulung statt. Hier entstehe nun eine neue Art Schule, hatten Schulleiterin Sybille Albrecht und Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) in ihren Reden gesagt. Und am Ende der Einschulungsfeier ließen die Schüler Hunderte von Luftballons in den Himmel steigen, als Zeichen des Neuanfangs. Dann endlich konnten sie mit ihren Schultüten nach Hause gehen. Denn Can, Martha und die anderen Erstklässler sind die ersten Schüler der neuen Gemeinschaftsschule, die hier am Campus Efeuweg entsteht.

Bisher gab es auf dem weitläufigen Areal, das am Rande der Gropiusstadt gelegen ist, die Walt-Disney-Grundschule und die Liebig-Sekundarschule. „Die Lehrerkollegien hatten aber keinen Kontakt, noch nicht mal gegrüßt haben wir uns“, sagt eine Lehrerin bei der Einschulungsfeier, bei der Grundschüler rappen, Flöte spielen und ein kleiner Junge ein Kapuzen-Shirt mit der Aufschrift „Terrorzwerg“ trägt. Jetzt wachsen beide Lehrerkollegien und Schulen zusammen, in zwei Jahren soll es noch einen Schulleiter geben.

Jugendclub, Schwimmbad, Sportstadion

Doch damit nicht genug: Auch eine evangelische Kita, der Jugendclub Ufo, das noch zu sanierende Kombibad Gropiusstadt sowie das Sportstadion der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Degewo gehören zum Bildungsangebot. Und besonders wichtig: Das auf Naturwissenschaften spezialisierte Oberstufenzentrum Lise Meitner erhält für 47 Millionen Euro einen Neubau ganz in der Nähe und soll damit auch Teil der neuen Gemeinschaftsschule werden. Dort können künftig leistungsstärkere Schüler das Abitur ablegen. Ohne Ortswechsel. „Von der Kita bis hoch zum Abitur“, sagt eine Mutter bei der Einschulungsfeier. „Das ist doch klasse.“

Vorbild für die Campus-Idee, die von Studenten mitentwickelt wurde, ist der Campus-Rütli. Jenes Gemeinschaftsschul-Projekt also, das entstanden war, nachdem die Lehrer der Rütli-Hauptschule im Jahr 2006 in einem öffentlichen Brandbrief auf ihre ausweglose Situation aufmerksam gemacht hatten. Von aggressiven und respektlosen Schülern war darin die Rede, die Knallkörper im Unterricht zündeten. Und von Lehrer, die sich im Umgang mit migrantischen Schülern überfordert sahen. Nach diesem Weckruf entstand der Campus Rütli, viel Geld wurde investiert, Stiftungen beteiligten sich. Die Rütli-Schule ist heute begehrt – und die benachbarten Schulen schauen ein wenig neidvoll auf das viele Geld, das dort investiert wurde.

Andere Schulen kämpfen ums Überleben

Tatsächlich ist es so, dass auch die beiden Schulen am Rande der Gropiusstadt mit dem Schritt hin zur Gemeinschaftsschule vor allem um ihr Überleben kämpfen. Denn die Walt-Disney-Grundschule hatte auch für das neue Schuljahr nur 38 Anmeldungen, die restlichen Schüler wurden vom Schulamt zugewiesen. Eine Mutter vom Förderverein der Schule, die bei der Einschulungsfeier Käsebrötchen und Getränke verkauft, kennt die Gründe. Viele Eltern aus der angrenzenden Eigenheimsiedlung würden ihre Kinder nicht auf diese Schule schicken, sondern woandershin, oft auf eine nahe katholische Schule. Übrig blieben die Kinder aus den Hochhäusern der Gropiusstadt.

Manche Eltern wollen zudem einfach die Hortgebühren sparen. An einer benachbarten Schule werden keine Hortgebühren erhoben, weil sich Unterricht und Freizeitangebote bis in den Nachmittag abwechseln. Dieser gebundene Ganztagsbetrieb ist in Berlin kostenfrei – der offene Ganztagsbetrieb, bei dem Kinder nachmittags ausschließlich im Hort betreut werden, kostet hingegen.

Neue Schule auch in Buch

Noch kritischer als an der Disney-Grundschule war die Situation an der Liebig-Sekundarschule. Es gab nur noch sehr wenige Anmeldungen, es fehlten Lehrer, so dass in manchen Klassen einige Fächer gar nicht gegeben werden konnten. Die Schule war zu einer „Restschule“ geworden. Der Personalmangel wurde inzwischen behoben und Schulleiter Reinald Fischer soll in zwei Jahren Direktor der Gemeinschaftsschule werden. Bildungsstadträtin Giffey appellierte in ihrer Rede bei der Einschulungsfeier sehr deutlich auch an die Eltern. „Wir hoffen sehr, dass Sie auf Ihre Kinder achten.“ Dadurch dass nun auch eine evangelische Kita zum Bildungscampus Efeuweg gehört, hoffen die Lehrer, auch diese Kinder am Schulstandort halten zu können.

Und auch anderswo in Berlin wurden an diesem Wochenende die ersten Schüler in eine Gemeinschaftsschule mit Campus-Charakter eingeschult. In Buch im Bezirk Pankow eröffnete eine solche Gemeinschaftsschule, die von der Montessori-Stiftung getragen wird. Hier müssen die Kinder allerdings Schulgeld zahlen, um das Projekt zu finanzieren.