Berlin - Bitte aussteigen, es wird gebaut! Das müssen derzeit nicht nur zahlreiche Fahrgäste im Osten Berlins zur Kenntnis nehmen: Dort ist die Sperrung, die bisher vor allem die Linie S75 betraf, auf die S5 und S7 ausgedehnt worden. Auch eine der wichtigsten U-Bahn-Trassen Berlins, das Viadukt am Gleisdreieck in Kreuzberg, ist unterbrochen. Doch den Nutzern der Linien U1 und U3 steht die größte Einschränkung noch bevor: Vom kommenden Frühjahr an wird der U-Bahn-Verkehr zwischen Kottbusser Tor und Warschauer Straße eingestellt – ein Jahr lang.

Hier begann die Geschichte der Berliner Hoch- und Untergrundbahn. Das stählerne Viadukt, das entlang der Skalitzer Straße durch Kreuzberg führt, gehört zur ältesten U-Bahn-Verbindung. 1902 fuhr dort erstmals ein Zug, unterwegs vom Bahnhof Stralauer Tor (den es nicht mehr gibt) zum Potsdamer Platz.

Buckelbleche mit Totalversagen

„In die Bazillenkutsche kriegt mich kein Mensch mehr rein!“, sagte Robert Koch, der Entdecker des Tuberkulose- und des Cholera-Erregers, als der Betrieb begann. Er hatte privat Angst vor ansteckenden Kleinstlebewesen. Kaiser Wilhelm II. fuhr nur einmal U-Bahn und dann nie wieder – angeblich, weil ihm in den engen Wagen die Pickelhaube verrutscht war. Doch obwohl die Fahrpreise für viele Berliner unerschwinglich waren, nahm das neue Verkehrsmittel seinen Aufschwung.

Auf dem Viadukt rollen schon lange keine Wagen zweiter und dritter Klasse mehr. Rauchen ist in den U-Bahnen im westlichen Stadtgebiet inzwischen auch verboten – seit 1978. Die Kreuzberger Hochbahn, die immer mal wieder instandgesetzt wurde, ist in die Jahre gekommen. In der jüngsten Zeit wurde eine Sanierung immer dringlicher, wie Ende 2017 in der Ausschreibung der Planungsleistungen deutlich wurde.

„Im Juli 2017 wurde bei außerplanmäßigen Instandsetzungsarbeiten das stellenweise Totalversagen der vorhandenen Buckelbleche festgestellt“, stellten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) fest. Buckelbleche: Das sind Eisenbleche mit Vertiefungen, die mit Schotter gefüllt werden, auf dem dann die Schwellen mit den Schienen ruhen. Totalversagen bedeutet, dass die Situation ernst ist.

Zwar beeilte sich die BVG mitzuteilen, dass die Strecke weiterhin betriebssicher sei. Bis zur nächsten vorgesehenen Prüfung im Jahr 2020 lasse sich die Hochbahn auf dem Mittelstreifen der Skalitzer Straße problemlos betreiben. „Allerdings könnte dann ein kritischer Zustand erreicht sein“, teilte BVG-Sprecher Markus Falkner damals mit.

Tatsächlich ist es im kommenden Jahr so weit: Auf insgesamt 755 Meter Länge soll das Viadukt zwischen dem Görlitzer und dem Schlesischen Bahnhof saniert werden. So steht es in der Ausschreibung der Bauleistungen, die von der BVG jüngst im Europäischen Amtsblatt veröffentlicht wurde. Im April 2020 soll es losgehen. „Die gesamte Bauzeit entspricht 52 Wochen“, heißt es.

SPD-Gremium: Auf Neubauprojekte verzichten

„Damit schließen wir die Grundsanierung auf der östlichen U1/U3 ab“, sagte Markus Falkner am Montag. Eingebaut wird eine feste Fahrbahn,die ohne Schwellen und Schotter auskommt. Auch die Kabel- und Entwässerungskanäle werden saniert. Ungefähr 1 200 Tonnen Baustahl und 500 Kubikmeter Beton werden benötigt – unter anderem.

Die Fahrgäste müssen so lange zwischen Kottbusser Tor und Warschauer Straße auf Busse umsteigen. Der Schienenersatzverkehr, kurz SEV, dauert ebenfalls ein Jahr.

Und selbst danach ist auf der Trasse der U 1 und U3 mit den Bauarbeiten noch nicht Schluss: Im Spätsommer 2021 gehen im Park am Gleisdreieck Bauleute im Auftrag der BVG an die Arbeit. Ein Bauwerk der dortigen Hochbahn wird abgerissen und neu gebaut. Das hat zur Folge, dass auf dieser Trasse zwischen Gleisdreieck und Nollendorfplatz 17 Monate keine U-Bahnen fahren können – wie bei der derzeitigen Sperrung, die am 24. Oktober enden soll.

So viel steht fest: Berlins U-Bahn-Netz erfordert enorme Investitionen. Im aktuellen Nahverkehrsplan beziffert der Senat den Grundinstandsetzungsbedarf im Westen der Stadt mit 1,55 Milliarden Euro, im Osten Berlin würden 190 Millionen benötigt. Status: „vordringlich“.

Der SPD-Fachausschuss Mobilität rät, auf U-Bahn-Neubauprojekte zu verzichten und über Jahre hinweg alle Mittel auf das bestehende Netz zu konzentrieren: „Was nützt es, wenn es neue Strecken gibt und die alten Tunnel dorthin wegen Verfalls geschlossen werden müssen?“