Sie ist eine der am stärksten befahrenen Straßen in Berlin. Sie dient als Wohnstraße, Geschäftsstraße und Gastronomiemeile. Nun wird die Warschauer Straße in Friedrichshain auch noch eine Großbaustelle – bis Ende des kommenden Jahres. „Am 1. September soll der Umbau beginnen“, teilte Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) am Donnerstag mit. Das vor vier Jahren beschlossene Projekt, das 2,3 Millionen Euro kostet, wird die Machtverhältnisse auf dieser Magistrale verändern – so radikal wie selten bei Straßenumbauten in Berlin. Fahrräder bekommen mehr Platz, Autos weniger, denn fast alle Parkplätze fallen weg. Kein Wunder, dass das Bauvorhaben heftig diskutiert wird.

„Für uns wird es hart“, sagt Birgit Polzin. Den Hörgeräteservice, den sie mit ihrem Mann Frank in der Warschauer Straße betreibt, gibt es schon lange. Doch wenn die Frau aus Zeuthen an die Zukunft denkt, wird ihr mulmig. „Wir haben kaum Laufkundschaft, dafür viele Kunden, die aus anderen Bezirken zu uns kommen“, erzählt sie.

Meist seien es Senioren, und nicht wenige seien auf ihr Auto angewiesen. Wenn so gut wie alle Parkplätze aufgehoben werden, haben diese Kunden ein Problem – und damit auch die Polzins. Sie haben Angst, dass manch einer zu anderen Hörgeräteakustikern abwandert, vor deren Läden es Parkplätze gibt. „Hier werden viele kleine Geschäfte eingehen“, befürchtet Birgit Polzin.

„Es ist gut, dass die Warschauer Straße umgebaut wird“, sagt Thomas Neugebauer. Er sieht die Umgestaltung des 940 Meter langen Teilstücks zwischen Frankfurter Tor und Marchlewskistraße aus einer anderen Perspektive – der des Radfahrers. Er wartet an der Ecke Revaler Straße auf Grün, bevor er zum Frankfurter Tor weiterfährt. Vor ihm liegt ein Streckenabschnitt, vor dem sich manche Radler fürchten. Denn auf der Ostseite gibt es weder einen Radweg noch einen Radfahrstreifen. Fahrradfahrer müssen sich zusammen mit Autos, Lastwagen und Busse in das Getümmel stürzen.

500 Unfälle in drei Jahren

Auf der Westseite können die Radfahrer derzeit immerhin auf einen Radweg ausweichen, der auf dem Bürgersteig verläuft. „Aber der ist schmal und eine Buckelpiste“, sagt Thomas Neugebauer. „Außerdem sind Radfahrstreifen, die auf der Fahrbahn verlaufen, viel sicherer.“ Zwar würden die Extraspuren häufig zugeparkt. Und gegen die Touristen, die vor die Vorderräder laufen, würden sie auch nichts helfen: „Die Touristen sind am ätzendsten.“ Doch Radfahrstreifen bieten mehr Sicherheit: „Dort wird man von den Autofahrern viel besser gesehen.“

Im Lärm ist Neugebauer schwer zu verstehen. Tag für Tag rollen mehr als 40 000 Autos und Lkw dieses Teilstück der Bundesstraße 96a entlang, dazu kommen Straßenbahnen und Busse. Auch viele Fußgänger sind unterwegs – und immer mehr Radfahrer, denn in Friedrichshain-Kreuzberg wird mehr als ein Fünftel aller Wege mit Pedalkraft zurückgelegt. Das führt immer wieder zu Konflikten – und zu Unglücken.

Der Abschnitt nördlich der Warschauer Brücke, der nun umgebaut wird, gilt als „unfallträchtig“, hieß es in der Berliner Unfallkommission. Nach Informationen der Berliner Zeitung krachte es allein in den vergangenen drei Jahren rund 500 Mal. Bei 80 Unfällen wurden Menschen verletzt, zwölf schwer und 80 leicht. Zu diesen Unglücken zählten 21 Fußgänger- und 52 Radfahrerunfälle – sie bildeten die Mehrheit.

„Der Verkehrsraum ist endlich. Er kann meist nicht erweitert, sondern nur anders aufgeteilt werden“, sagt Burkhard Horn, der oberste Verkehrsplaner in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Und so kamen die Senat und Bezirksamt zu dem Schluss: Damit Rad fahren auf der Warschauer Straße sicherer wird, müssen die meisten Parkplätze weichen.

Schließlich soll es für den rollenden Verkehr weiterhin zwei Fahrstreifen pro Richtung geben – auch wenn die Spuren schmaler werden. Mehr als 120 Parkplätze fallen weg, nur die knapp 20 Parkbuchten vor dem Haus Nummer 5-8 bleiben. Doch in den Seitenstraßen entstehen zum Teil neue Stellplätze, weil es dort statt Längs- künftig Querparken gibt. „Das soll auch ein Signal für den Einzelhandel sein, der weiterhin mit dem Auto erreichbar sein soll“, kündigt Horn an.

Auf der Ostseite werden Bereiche reserviert, wo Paketdienste und andere Lieferwagen zum Be- und Entladen halten können. „Es wäre denkbar, diese Flächen außerhalb der Lieferzeiten zum Parken freizugeben“, sagt der Verkehrsplaner.

Bezirksamt nutzt Möglichkeit nicht

Dies anzuordnen, sei allerdings Sache des Bezirks – doch der will diese Möglichkeit nicht nutzen, wie Stadtrat Panhoff mitteilte. „Zum einen besteht die Gefahr, dass Privatautos dort auch zu anderen Zeiten geparkt werden, zum anderen müssten wir Parkscheinautomaten aufstellen“ – das kostet Geld.

„Es ist schon richtig, dass man an die Radfahrer denkt“, sagt Birgit Polzin. „Aber wann wird Rad gefahren? Nur bei gutem Wetter, sonst werden die Radfahrstreifen brach liegen.“ Thomas Neugebauer erwartet das nicht. „Hier sind immer viele Radfahrer unterwegs.“ Den Umbau findet er richtig, sagt er. Und stürzt sich wieder ins Durcheinander. (mit sk.)