Bald ist die Zeit der lässigen Witzchen vorbei - darüber, dass dieses Land doch eigentlich gar keine Regierung brauche, weil alles seit Monaten auch so ganz gut funktioniere. Bald hat man die Witzchen auch zu oft gehört, dieses Gehüstel über die Politiker und den Bundestag, die sich im gepflegten Winterschlaf der Verzweiflung befinden. Natürlich ist das alles Unsinn. Ein Industriestaat in der Mitte Europas braucht eine Regierung, braucht Regeln, Gesetze und handelndes Personal für die Republik. Ein komplexer Staat wie Deutschland braucht sogar eine besonders starke Regierung, wenn eine differenzierte Gesellschaft, wie unsere es ist, nicht auseinanderdriften soll. Das Land sollte also eine Regierung haben, hinter der möglichst viele Wähler, möglichst viele Regierte stehen. Doch damit beginnt das Problem - selbst das Problem einer großen Koalition, denn kleiner als jetzt war eine große Koalition nie zu haben.

Relative Mehrheit der Wähler

Deutschland hat fast 83 Millionen Einwohner, nahezu 62 Millionen Wahlberechtigte (ja, wir sind ein altes Land) und knapp 47 Millionen Menschen, die dann tatsächlich hingegangen sind, zur Bundestagswahl im vergangenen September. CDU/CSU und SPD haben in jenem Herbst zusammen fast 29 Millionen Stimmen bekommen. Das heißt: Wenn Union und Sozialdemokratie nun doch noch gemeinsam regieren wollen - und die SPD-Basis es ihnen auch erlaubt -, dann hat nur gut ein Drittel der in Deutschland lebenden Menschen sie mit der Regierungsbildung beauftragt.

Das ist keine Mehrheit der Bevölkerung, aber eine relative Mehrheit der Wähler. So ist das in Demokratien ohne Wahlzwang, in Republiken mit mehr als zwei Parteien und einem Mindestwahlalter. Da kann es vorkommen, dass selbst große Koalitionen knappe Mehrheiten haben und nur Teile der Bevölkerung repräsentieren. Nichts Besonderes also?

Es geht um Bindungskräfte in Deutschland

Doch. Denn in Deutschland, im Bund, ist das eher ungewöhnlich. Und die doch relativ hohen Wahlergebnisse der Afd und der FDP, die nennenswerten der Linken und der Grünen zeigen, dass es eine große, zersplitterte Anzahl von Wählern gibt, die sich nicht für die alten Volksparteien entschieden hat. Rund 17 Millionen Wähler haben Union und Sozialdemokraten keinen Regierungsauftrag gegeben. Das ist eine große Gruppe in der Bundesrepublik, die andere Vorstellungen von Deutschlands Zukunft hat.

Zahlenspiele könnte man sagen. Vielleicht. Aber es geht um mehr als um Zahlen, es geht um gesellschaftliche Überzeugungen und die Bindungskräfte im Land. Eine große Koalition stünde erstmals einer wirklich großen innerparlamentarischen Opposition gegenüber - einer Opposition, die auch noch ideologisch so zerklüftet ist wie nie zuvor.

Angriffe von rechts, links und aus der Mitte

Der nächsten Bundesregierung wird es daher nicht leicht fallen, diese Republik in einem wie auch immer gearteten Konsens zu regieren. Sie wird von rechts und links und auch aus der Mitte angegriffen werden. Die Basis ihrer Unterstützer ist eher schmal, für manche wird das auch ihre Legitimation in Frage stellen, obwohl demokratie-rechnerisch diese Regierung die Macht für sich beanspruchen kann, völlig klar.

Was heißt das nun? Im besten Falle heißt das, dass diese Regierung sich bewusst darüber ist, dass viele im Bundestag und im Land anders denken als sie. Sie muss die Opposition, die liberale, die linke, die grüne und auch die sehr rechte ernst nehmen. Sie muss der Opposition die Möglichkeit geben, sich stellvertretend für jene zu artikulieren, die einer großen Koalition müde waren. Und das waren viele. Im besten Fall schafft es eine kleine große Koalition, den 17 Millionen Oppositions-Wählern nicht den Eindruck zu geben, ihre Stimme verwirkt zu haben.

Warum das wichtig ist? Weil Demokratie davon lebt, dass man sich vertreten fühlt, auch wenn es die eigene Partei nicht geschafft hat. Weil es ansonsten in vier Jahren noch schwieriger werden wird, eine Regierung in Deutschland zu bilden. Weil es dann selbst die größten unter den kleinen Parteien nicht mehr schaffen werden, eine einfache Mehrheit herbeizukoalieren.

Extreme werden attraktiv

Wenn die neue Regierung ihre Basis in den kommenden Jahren nicht an ihren parlamentarischen Rändern weiter verbreitet, wird dieses Land weiter zersplittern, werden Extreme attraktiv. Das zu verhindern, sollte eigentlich im Koalitionsvertrag stehen.
Und wenn nicht zumindest der Gedanke daran sondiert wurde, dann kann der Bundespräsident, der die Parteien in diesen Zeiten zusammenredet und zusammenbringt, die Regierenden beizeiten mit einer guten Rede darin erinnern, dass es ihre Aufgabe ist, auch Politik für die 32 Millionen Deutschen zu machen, die sie nicht gewählt haben. Für die Nicht-Wähler, ja auch für die 15 Millionen, und vor allem für die genannten 17 Millionen Wähler der Parteien, die nun in einer großen Opposition sind. Es sind zu viele, um sie zu vernachlässigen.