Großer Fahrplanwechsel in Berlin und Brandenburg: Wie war der erste Tag? 

Es war eine Umstellung, die mit Spannung erwartet wurde. Der dritte Advent war nun der erste Tag unter den neuen Bedingungen. DB und Odeg ziehen Bilanz.

Ein Doppelstockzug der Deutschen Bahn nach Cottbus hält am Gleis 1 des Bahnhofs Ostkreuz. DB Regio hat die Linie RE2 zum 11. Dezember von der Ostdeutschen Eisenbahn (Odeg) übernommen.
Ein Doppelstockzug der Deutschen Bahn nach Cottbus hält am Gleis 1 des Bahnhofs Ostkreuz. DB Regio hat die Linie RE2 zum 11. Dezember von der Ostdeutschen Eisenbahn (Odeg) übernommen.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Ein paar kleinere Pannen gab es schon. Doch unterm Strich ist der Regionalzugbetrieb in Berlin und Brandenburg nach dem Fahrplanwechsel gut angelaufen. „Wir sind zufrieden und wir haben den Eindruck, dass unsere Fahrgäste auch zufrieden sind“, berichtete Dietmute Graf von der Ostdeutschen Eisenbahn (Odeg) am Sonntag. „Es hat gut geklappt“, sagte Carsten Moll von der Deutschen Bahn (DB). Dabei war die Spannung groß: Der Fahrplanwechsel im Netz Elbe-Spree, eine der größten Umstellungen dieser Art, hat vielen der 17 Linien neue oder modernisierte Züge beschert. Die Kapazität ist um 30 Prozent gestiegen. 

„Das ist schon ziemlich schick hier“, sagt ein Reisender am Vormittag im Regionalexpress RE1 von Frankfurt (Oder) über Berlin und Potsdam nach Magdeburg. „Ich hoffe, dass das die Fahrgäste zu schätzen wissen.“ Der Fürstenwalder, unterwegs an die Ostsee, sitzt in einem der 29 fabrikneuen Doppelstockzüge von Typ Siemens Desiro HC, die auf der wichtigen Ost-West-Route die roten Fahrzeuge der DB abgelöst haben. Der Mann, der in der Baubranche tätig ist, lobte einige Fahrzeugdetails – etwa die Sonnenblenden, die man vor den Fenstern herunterziehen kann. Ob die Klapptische, die auf ihn allzu filigran wirken, überdauern: „Das wird man sehen, schön wär’s.“

Nach dem großen Linientausch im Netz Elbe-Spree ist nun die Ostdeutsche Eisenbahn (Odeg) auf der Linie RE1 unterwegs. Ein Zug von Frankfurt (Oder) nach Magdeburg hält im Bahnhof Berlin Ostkreuz.
Nach dem großen Linientausch im Netz Elbe-Spree ist nun die Ostdeutsche Eisenbahn (Odeg) auf der Linie RE1 unterwegs. Ein Zug von Frankfurt (Oder) nach Magdeburg hält im Bahnhof Berlin Ostkreuz.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Wegen einer Datenpanne wurden diese und andere Fahrten im Internet teilweise als ausgefallen angezeigt – aber sie fanden statt. „Achtung: RE1 fährt planmäßig!“, hieß es beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB). „Aktuell gibt es technische Probleme bei den Anzeigen zu den Fahrplanauskünften der Linie RE1 im DB-Navigator und der VBB-Fahrinfo.“ Die Probleme führten auch dazu, dass Züge von und nach Frankfurt bei der DB als Sonderzüge angekündigt wurden. Gegen 10.15 Uhr waren die Fehler behoben.

Abschied von der Linie RE1 mit belegten Brötchen und Kaffee

Bereits am Sonnabend fuhr die Odeg zum ersten Mal auf der Linie RE1 – dann noch im Auftrag der Bahn. „Um 22.34 Uhr ging es los vom Berliner Ostbahnhof nach Magdeburg“, so Graf. Am Gleis 6 sahen viele Bahn-Fans zu, als der Regionalexpress startete. Von dem Lokführer und der Servicemitarbeiterin gab der Zugbetreiber die Vornamen bekannt: Ahmad, 25 Jahre, und Carmen, 57 Jahre, beide aus Berlin. Für die Fahrgäste gab es Geschenke. Die Rückfahrt ab Magdeburg, laut Plan um 0.42 Uhr, war dann die erste Tour nach dem neuen Vertrag. Der Zug RE 73798 traf pünktlich um 3.54 Uhr in Frankfurt ein.

Zuvor hatte DB Regio die Linie RE1 mehr als 28 Jahre betrieben. „Mit dem Personal haben wir bereits im Sommer Abschiedsfahrten unternommen“, berichtet Moll. Kurz vor Schluss gab es dann belegte Brötchen und Kaffee in der DB-Meldestelle in Brandenburg an der Havel. Sie ist inzwischen geschlossen, die Mitarbeiter werden jetzt von Rathenow aus eingesetzt. Dort beginnt die Linie RE4. Die Bahn hat auch die wichtige Linie RE2, die sich nun zwischen Nauen, Berlin und Cottbus erstreckt, von der Odeg übernommen.

Anders als bei der privaten Konkurrenz meldete die Bahn am Sonntag Ausfälle wegen kurzfristiger Krankmeldungen. So fuhr die RB24 zwischen Eberswalde und Bernau nicht. „Dafür hielten die Züge der Linie RE3 außerplanmäßig an den betroffenen Unterwegsbahnhöfen“, erklärte Carsten Moll. Dass die RB32 nur zwischen Oranienburg und Lichtenberg verkehrte, werde in den kommenden Wochen so bleiben, sagt Moll.

Flughafen BER von Berlin aus jetzt rund um die Uhr per Zug erreichbar

Ursprünglich sollten die beiden neuen Strecken zum Bahnhof Flughafen BER Terminal 5 führen. Doch der ehemalige Flughafen Schönefeld ist dauerhaft für den Linienflugverkehr geschlossen. Wer tatsächlich zum Flieger muss, hätte dort zum Flughafen Bahnhof BER Terminal 1–2 umsteigen müssen. Die vielen anderen Verbindungen zum Hauptstadt-Flughafen, der nun rund um die Uhr per Regionalzug erreichbar ist, wären aber ohnehin meist günstiger gewesen. So war die erwartete Fahrgastnachfrage am Bahnhof Terminal 5 ohnehin gering, hieß es bei der DB. Dort wird nun geprüft, die Station umzubenennen, wie ein Sprecher bestätigte.

Zum Fahrplanwechsel gab es aber nicht nur gute Nachrichten. Wie berichtet sind Pendler auf wichtigen Strecken länger unterwegs. Bisher brauchte der RE1 vom Berliner Hauptbahnhof nach Brandenburg an der Havel zwischen 47 und 56 Minuten. Seit Sonntag sind es 50 bis 59 Minuten. Zuletzt nahm die Fahrt von Nauen zum Hauptbahnhof Berlin 30 bis 42 Minuten in Anspruch – ab dem 11. Dezember 37 bis 48 Minuten. Zwischen Berlin und Cottbus ist ebenfalls mehr Fahrzeit einzuplanen. „Mit immer höherer Belastung des Netzes durch die zusätzlichen Angebote im Nah- und Fernverkehr braucht jeder Zug etwas mehr Fahrzeitreserven“, erklärte der VBB.

Protest vor der letzten Regionalbahnfahrt zwischen Joachimsthal und Templin

Ein 26 Kilometer langer Abschnitt einer Regionalbahnlinie wurde sogar ganz eingestellt. Am Sonnabend fuhr die RB63 zum letzten Mal zwischen Joachimsthal und Templin Stadt. Weil die Nachfrage nicht den erwarteten Wert von 300 Fahrgästen pro Tag erreicht hat, wurde der Probebetrieb nach vier Jahren auf Betreiben des Landes Brandenburg eingestellt. Nach der letzten Triebwagenfahrt sperrte der Streckenpächter die Anlage. Seit Sonntag verkehren Busse, am Wochenende alle zwei Stunden, sonst im Stundentakt.

Zuvor hatten sich Berliner und Brandenburger auf vielfältige Art von diesem Teil der Schorfheidebahn, auf der Ende 2006 schon einmal der Betrieb beendet worden war, verabschiedet. Ingmar Arnold, Mitbegründer und Vorsitzender der Berliner Unterwelten, fuhr mehrere Male hin und her. „Zutiefst traurig“, wie er berichtete. Am Sonnabend gab es Protestaktionen unter dem Motto „RB63 bleibt!“ – unter anderem im Bahnhof Ringenwalde sowie zur vorletzten Fahrt um 17.25 Uhr ab Bahnhof Joachimsthal.

„Wir wollen unbedingt erreichen, dass die RB63 wieder fährt. Der Bund würde über das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz 90 Prozent der Finanzierung übernehmen“, sagte Clemens Rostock, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Landtag. „Dies setzt aber eine Nutzen-Kosten-Untersuchung voraus. Wir konnten erreichen, dass im Doppelhaushalt für 2023/24 Mittel für eine solche eingestellt sind.“

„Dass für die RB63 zwischen Templin Stadt und Joachimsthal innerhalb der Koalition keine Mehrheit für eine nahtlose Anschlusslösung auf der Schiene zustande kam, ist für uns Bündnisgrüne eine politische Niederlage. Und das schmerzt“, so Carla Kniestedt, Grünen-Abgeordnete aus Lychen in der Uckermark. „Aufgeben oder die Dinge auf sich beruhen lassen, gehört jedoch nicht zu meinen Stärken. Wir werden auf allen Ebenen für eine Perspektive der Schiene als Rückgrat des ÖPNV im ländlichen Norden kämpfen.“