Berlin - Es war ein langwieriger, schmerzhafter Prozess. Bürger demonstrierten, Kommunalpolitiker stritten sich und die Fluglärmkommission musste zu vielen stundenlangen Sitzungen zusammenkommen. Fast 17 Monate dauerte es, bis Ende Januar 2012 die neuen Flugrouten für Berlin und Brandenburg fertig waren.

Diese Prozedur könnte sich wiederholen, wenn sich Flughafenchef Hartmut Mehdorn mit seinem Plan durchsetzt, Tegel weiter zu betreiben, auch wenn der Hauptstadt-Airport BER schon ans Netz gegangen ist. Denn ein Parallelbetrieb würde andere Flugstrecken erfordern als sie derzeit für den BER geplant sind, teilte die Deutsche Flugsicherung am Donnerstag mit.

„In diesem Fall müssten die Flugrouten neu konzipiert werden“, sagte ihr Sprecher Axel Raab. „Das würde wieder längere Diskussionen mit sich bringen.“ Wenn Tegel anders als bislang vorgesehen nun doch offen bliebe, müsste die Nutzung des Luftraums in der Region umgeplant werden, damit sich Flugzeuge nicht in die Quere kommen.

Vor 2015 keine Eröffnung möglich

Dies müsste nicht nur mit der Schönefelder, sondern auch mit der Tegeler Fluglärmkommission abgestimmt werden, so der Flughafenexperte Dieter Faulenbach da Costa. „Planung, Abstimmung und Veröffentlichung neuer Flugrouten nehmen mindestens zwölf bis 18 Monate in Anspruch.“ Vor 2015 würde Mehdorns Konzept keinen Flugbetrieb am BER erlauben, sagte er.

Hartmut Mehdorn hatte am Mittwoch erneut dafür geworben, den Flughafen schrittweise in Betrieb zu nehmen. Parallel dazu sollte Tegel weiter betrieben werden – bis 2018, hieß es. Der Flughafen werde gebraucht, wenn die künftige BER-Nordbahn wegen Sanierung neun Monate gesperrt werden muss. Die Piste soll erst 2017 und 2018 erneuert werden. Vorher seien die Flughafenleute mit der BER-Inbetriebnahme voll ausgelastet. Auch fehle im jetzigen, mit der Europäischen Kommission abgestimmten Budget das Geld, so Mehdorn. Die Flughafengesellschaft müsse sich die 100 Millionen Euro erst verdienen.

„Tegel wird spätestens sechs Monate nach der Eröffnung des BER geschlossen. Dabei bleibt es – im Interesse der Anwohner, die sich darauf verlassen“, entgegnete der Berliner SPD-Verkehrspolitiker Ole Kreins. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sehe dies genauso. „Herr Mehdorn verspielt den letzten Rest an Akzeptanz der Anwohner“, so Harald Moritz (Grüne).

Bürger drohen Klagen an

Die BER-Nordbahn ließe sich auch bei laufendem Betrieb nachts sanieren, sagte Alberto Gallego von der Bürgerinitiative gegen Fluglärm. Die nötigen Mehraufwendungen in zweistelliger Millionenhöhe wären ein „Witz“ im Vergleich zu den Milliardenkosten des BER. Das Tegeler Gelände werde dringend dafür benötigt, Wohnungen und Arbeitsplätze zu schaffen. Gallego kündigte an, dass Bürger vor Gericht ziehen werden, wenn Tegel offen bleibt.

Flugkapitän Thomas Kärger hält Mehdorns Konzept dagegen für einleuchtend. „So lange die Nordbahn saniert wird, wäre in der Region ohne Tegel nur noch eine Start- und Landebahn, die BER-Südbahn, betriebsbereit – früher gab es sechs“, sagte er. Bei einer Havarie wäre Berlin vom Luftverkehr abgeschnitten. Kärger erwartet, dass Lufthansa und Air Berlin gemeinsam zum BER ziehen, weil sie dort bessere Anlagen vorfinden. Der Lärm der verbleibenden Flugzeuge wäre gering.

Am Donnerstag versuchte Mehdorn, den Streit zu entschärfen. Zum Thema Tegel gebe es „weder einen neuen Erkenntnisstand noch eine neue Entscheidungslage“ .