Großmarkt Beusselstraße: Entsteht in Moabit eine zweite Markthalle 9 nach Kreuzberger Vorbild?

Eigentlich war sich das Bündnis der gut 100 Händler des Berliner Großmarkts in Moabit seiner Sache ziemlich sicher. Die Initiative war angetreten, um den landeseigenen Umschlagplatz für Obst, Gemüse, Fleisch und Blumen an der Beusselstraße zu übernehmen, fortan genossenschaftlich zu betreiben und „zukunftsfähig“ zu machen.

Zur Monatsmitte machte die Senatswirtschaftsverwaltung jedoch klar, dass sie davon nichts hält. Allerdings soll jetzt geredet werden. Denn es seien interessante Denkanstöße zur Weiterentwicklung des Großmarktes aufgezeigt worden, sagt Ramona Pop, die grüne Wirtschaftssenatorin. „Wir starten einen Zukunftsdialog“.

Schon in den nächsten Tagen würden die Einladungen an alle Beteiligten rausgehen, heißt es in der Verwaltung. Außerdem sei alles offen, es gehe um den Markt, und tatsächlich ist der Wille zum Reden schon ein großer Fortschritt für jenes landeseigene Unternehmen, dessen Name zwar so bekannt ist wie Funkturm und Alexanderplatz, das für viele aber doch nur im Unbekannten existiert.

Großmarktchef Peter Stäblein, den das Händlerbündnis quasi um seinen Job bringen will, erfuhr jedenfalls von dem Ansinnen der Händler nur indirekt. Ein Journalist hatte ihn angerufen. „Im Urlaub“, sagt Stäblein.

Dass es im letzten Sommer so lief, wie es lief, sagt einiges über die Befindlich- und Begehrlichkeiten im „Bauch von Berlin“. Waren im Wert von insgesamt einer Milliarde Euro werden von dort jährlich in Restaurantküchen und Ladenauslagen der Stadt gepumpt. Ja, man handelt viel, gern und mit großer Leidenschaft auf dem traditionsreichen Moabiter Großmarkt westlich der Beusselstraße. Mit dem Reden dagegen ist das dort so eine Sache. Zumal zwischen alteingesessenen, nach Unabhängigkeit trachtenden Großhändlern und dem Vermieter von der anderen Seite der Beusselstraße.

Heißes Terrain

Dort, am Westhafen, sitzt Peter Stäblein im Konferenzraum der Halle eins, einem alten Speicher aus den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts, der zu einem schicken Bürogebäude umgebaut wurde. Hier begann vor 14 Jahren die Berliner Zeit des Großmarkt-Chefs Stäblein.

2004 kam er von Frankfurt am Main in die Hauptstadt, um hier die ebenfalls landeseigene Berliner Hallen- und Lagerhausgesellschaft, kurz: Behala, zu führen, was ihm mit einigem Erfolg gelang. 2016 wurde ihm dann vom Land Berlin zusätzlich noch die Geschäftsführung des benachbarten Großmarkts übertragen. Synergien heben und Doppelausgaben reduzieren, lautete die Vorgabe des Eigentümers an seinen neuen Marktvorsteher und Obervermieter, während sich auf dem Markt Händler zusammenrauften, um dem Eigentümer ein Kaufangebot zu unterbreiten. Das war vor zwei Jahren. Stäblein, heute 50 Jahre alt, agierte von Anfang an auf heißem Terrain.

Da aus dem Kauf seinerzeit nichts wurde, folgte der zweite Versuch. Diesmal soll die Übernahme des Großmarkts per Erbpachtvertrag gelingen. Eigentumsähnliche Verhältnisse sind das Ziel, und wie in der Vergangenheit steht wieder der zentral gelegene Fruchthof an der Spitze der Moabiter Unabhängigkeitsbewegung.

Erbpachtvertrag soll die Übernahme ermöglichen

Das bereits 1949 gegründete Unternehmen ist Hauptmieter auf dem Großmarkt und zugleich Vermieter für etwa 100 Händler, aus denen sich denn auch maßgeblich die „Interessengemeinschaft Lebensmittel und Frischecluster“ rekrutiert, die den Großmarkt – so der Plan – in den nächsten 40 Jahren per Erbpachtvertrag in Eigenregie betreiben will.

Kopf, Initiator und Sprecher der Bewegung ist Dieter Krauß, ein freundlicher, weißhaariger Herr von Anfang 60. Krauß gilt auf dem Markt als eine Institution. Seine Eltern haben bereits an der Beusselstraße mit Obst und Gemüse gehandelt, und er selbst bringt es auch auf vier Jahrzehnte Berufserfahrung. Nun will er aus dem Großmarkt ein „modernes Innovations- und Kompetenzzentrum für Frischeprodukte und Lebensmittel“ machen.

Dem dem Senat vorgelegten Übernahmekonzept zufolge will die künftige Genossenschaft einmalig 22 Millionen Euro für die Gebäude und jährlich 2,5 Millionen Euro als Pacht zahlen. Was nun zumindest bei der Senatswirtschaftsverwaltung auf Ablehnung stieß, ist für Krauß ein „seriös finanzierter schlüssiger Plan“.

Der Fruchthof-Chef verspricht sich Handlungsspielraum, den er als reiner Mieter nicht hat. Die Händler würden ebenso profitieren wie die Kunden, die Stadt Berlin, sagt Krauß und denkt sogar an Stäblein. Der könne sich dann ganz um die Behala kümmern.

Doppel-Geschäftsführer Stäblein nimmt die Idee zur Kenntnis und lässt er sich nicht dazu hinreißen, seinem größten und wichtigsten Mieter einen Putsch vorzuwerfen. „Herr Krauß setzt sich für seine Interessen ein, und das schätze ich eher als ich es verurteile“, sagt er. Allerdings versteht er nicht, was das Bündnis mit dem Großmarkt machen könnte, was nicht auch jetzt schon mit seiner Gesellschaft möglich wäre. Diese Frage habe ihm bislang keiner beantworten können, sagt Stäblein.

Neuerungen angeschoben

Zugleich weist er Vorwürfe zurück, er habe als Vermieter nur Geld eingetrieben und nicht investiert. Rund drei Millionen Euro seien jährlich in die Infrastruktur geflossen, sagt er. 2017 habe er auf dem Markt die Verlegung eines Glasfaserkabelnetzes für schnelles Internet ebenso angeschoben wie die Installation von Videokameras. Die Pläne seien fertig. Die Ausschreibung hält er nun zurück, weil er nicht weiß, was wird. Auch eine neue Fleischmarkthalle sei geplant. „Ich habe keine Investitionen verhindert“, sagt Stäblein.

Dann wird der Großmarkt-Chef grundsätzlich: „Wenn man dem Angebot der Interessengemeinschaft folgt, gibt man den unmittelbaren Einfluss auf die Geschehnisse auf dem Großmarkt aus der Hand.“ Auch Erbpachtvertrag und Genossenschaft änderten daran nichts. „Das ist nichts anderes als eine Privatisierung“, sagt er. Schließlich sei eine Genossenschaft auch eine Ansammlung privater Unternehmen. In der Senatswirtschaftsverwaltung sieht man das ganz genauso.

Tatsächlich bildet die sich selbst als basisdemokratisch empfehlende Genossenschaft nur einen kleinen Teil der Händlerschaft ab. Denn von den „mehr als 100 Händlern“, die sich laut Krauß in dem aufbegehrenden Bündnis zusammengefunden haben, sind derzeit nur 30 – allesamt Fruchthof-Händler – ordentliche Genossenschaftsmitglieder und somit stimm- und entscheidungsberechtigt. 30 von insgesamt rund 300 Händlern auf dem Großmarkt.

Bäckereien und Brauereien

Klar, dass das nicht so bleiben muss. Schließlich kann jeder Händler der Genossenschaft beitreten. Für 48.000 Euro gibt es die Mitgliedschaft samt einer Stimme. Allerdings bestimmt am Ende doch das Kapital die Mitbestimmung. Wer weitere 48.000 Euro investiert, bekommt auch eine weitere Stimme, was keineswegs nur theoretisch möglich ist. „Das Mitglied mit den zurzeit meisten Stimmen hat neun Stimmen“, sagt Krauß.

Außerdem sollen neue Mieter auf den Großmarkt kommen. Die Betreiber der Kreuzberger Markthalle 9 haben den Großmarkt in Moabit für sich entdeckt und eine Allianz mit der Fruchthof-Spitze geschmiedet. An der Beusselstraße sollen auch Kleinbetriebe des Lebensmittelhandwerks angesiedelt werden. Bäckereien ebenso wie Brauereien. Tatsächlich prallen nun Visionen aufeinander. Gesprächsbedarf.

Während Stäblein, der Logistiker, auf digital gesteuerten Warenumschlag setzt und den Markt zu einem modernen citynahen Verteilzentrum für frische und hochwertige Lebensmittel ausbauen will, wo Berliner Händler und Gastronomen online ordern und schnell beliefert werden, denkt das Kraußsche Frischecluster neben dem klassischen Marktbetrieb auch an Eventgastronomie und Manufakturwirtschaft.

Markthalle statt Verteilzentrum

Von Food-Campus ist die Rede und „neuer Berliner Ernährungsstrategie“, und längst haben die forschen Kreuzberger Markthallenbetreiber ihr Netzwerk aktiviert, um bei der Wirtschaftssenatorin um Unterstützung für den „neuen Markt“ zu bitten. Bei der landeseigenen Tourismusagentur Visit Berlin etwa träumt man schon davon, an der Beusselstraße einen touristischen Magneten zu bekommen, der es mit den Fisch- und Gemüsemärkten in Tokio und Hongkong aufnehmen kann.

Stäblein hält davon nichts. Nach seiner Einschätzung werde der Bedarf für Warenumschlag an der Beusselstraße eher noch zunehmen. Brot backen sei nicht das Geschäft eines Großmarkts, sagt er. Das könne man auch woanders. „Ich weiß nicht, warum das nun gerade auf einem Großmarkt passieren soll.“

Darüber wird zu reden sein.