Eigentlich steht längst fest, was auf der Brachfläche des früheren Rangierbahnhofs Pankow gebaut werden soll. Der Berliner Möbelhändler (Höffner, Sconto) und Eigentümer des Geländes, Kurt Krieger, hat sich nach jahrelangen Debatten und etlichen Streitereien mit dem Senat und dem Bezirksamt Pankow auf eine Bebauung geeinigt.

Auf dem 45 Hektar großen Gelände zwischen dem Pankower Zentrum und dem S-Bahnhof Heinersdorf soll ein neues Viertel mit 1000 Wohnungen errichtet werden – ein Teil davon zu sozialverträglichen Mieten. Hinzu kommt ein großes Einkaufszentrum am S-und U-Bahnhof Pankow sowie mehrere Möbelfachmärkte mit vielen Parkplätzen und zwei Schulen für bis zu 1600 Schüler. Grund- und Sekundarschulen werden in diesem Teil von Pankow dringend gebraucht, viele Menschen sind dorthin gezogen. Krieger will etwa 500 Millionen Euro in das neue Stadtquartier investieren. Dieses Bauprojekt gehört zu den größten Vorhaben in Berlin. Seit September 2016 liegt ein städtebaulicher Vertrag vor, es geht noch um die Endabstimmung, etwa um die Größe der Einkaufszentren und die genauen Standorte der Schulen.

In dieser Phase schlägt der Architekt und renommierte Stadtplaner Wolfgang Christ aus Darmstadt nun überraschend vor, das Konzept komplett zu überdenken. Vor allem das mit 30.000 Quadratmetern Verkaufsfläche geplante Einkaufszentrum bezeichnet Christ als „amerikanische und stadtfeindliche Typologie von Einkaufszentren der 1960er Jahre.“

Bisherige Planung überholt

Die bisherige Planung mit zwei großen Möbelhäusern sei „städtebaulich überholt“ und ein „Investment in eine untergehende Fachmarktstruktur“. Im einem bisher unveröffentlichten Gutachten, das der Berliner Zeitung vorliegt, schreibt Wolfgang Christ: „Die Pläne für das Pankower Tor setzen auf eine monofunktionale Großfläche mit knapp 3000 Parkplätzen, abgeschottet vom Herzen Pankows und seiner historisch gewachsenen Struktur.“ In Auftrag gegeben hat die 50-seitige Untersuchung die Deutsche Immobilien (DI) Gruppe aus Düren, die in Berlin bereits das Rathaus Center Pankow und das Forum Köpenick betreibt.

Vor allem die Betreiber des Rathaus Centers in der nahe gelegenen Breiten Straße lehnen die Planung auf dem bekanntermaßen Krieger-Gelände ab, die neuen Einkaufszentren wären eine unliebsame Konkurrenz. In diesem Sinne scheint die von Christ formulierte Ablehnung der bisherigen Planung durchaus nachvollziehbar. „Alles auf Anfang“ fordert dann auch DI-Geschäftsführer Helmut Jagdfeld. Pankow müsse eine bessere Entwicklung nehmen als bislang geplant. Die Umsetzung des städtebaulichen Konzepts von Krieger und dem Land Berlin „wäre eine Verschandelung des Bezirks auf Jahrzehnte“, so Jagdfeld.

Der dafür engagierte Gutachter hat in der Branche einen guten Namen. So hat Wolfgang Christ an der Bauhaus-Universität Weimar Entwerfen, Städtebau und Europäische Urbanistik gelehrt, er führt das Urban Index Institut Darmstadt und berät Städte, Kommunen und die Bundesregierung in Fragen moderner Stadtentwicklung.

Neubauviertel mit 4000 Wohnungen 

Für das Pankower Tor schlägt Christ jetzt vor, ein Neubauviertel mit 4000 Wohnungen zu errichten. Etwa 10.000 Menschen könnten in dem Quartier leben, eine Straßenbahn soll durch das Viertel führen. „Eine vitale Pankower Mitte wäre garantiert“, so Christ.

Ihm gehe es darum, weitere Fehler der Stadtplanung aus der Erfahrung der vergangenen 30 Jahre zu vermeiden. Berlin dürfe den Druck nach neuen Wohnungen nicht an den Stadtrand verlagern, der Autoverkehr dürfe im Viertel nicht dominieren. „Stadtentwicklung nach innen“ nennt er seine Maxime. Bei seinem „Planspiel für Pankow“ orientiere er sich an Neubauprojekten in Städten wie München, Köln, Düsseldorf und Augsburg.

Allerdings ist fraglich, ob die Pläne des Wissenschaftlers die bisherige Planung noch beeinflussen können. Für Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) hat die Brachfläche „eine zentrale Bedeutung für die städtebauliche Entwicklung in Pankow“, sagt ihre Sprecherin Katrin Dietl. Man habe sich nach einem „intensiven Planungsprozess“ auf die vereinbarte Form der Bebauung geeinigt: auf das Einkaufszentrum, 1000 Wohnungen sowie Möbelfachmärkte und zwei Schulen. Wo diese errichtet werden, soll derzeit eine Machbarkeitsstudie herausfinden.

Doch tatsächlich weiß im Moment niemand, wie es auf der Brache weitergeht. Pankows Stadtrat für Stadtentwicklung Vollrad Kuhn (Grüne) sagt, eine konkrete zeitliche Planung gebe es nicht. Kurt Krieger äußert sich auf Anfrage nicht.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Stadtplaner Wolfgang Christ schlage vor, 5000 Wohnungen zu bauen. Es sind aber 4000. Wir bitten für den Fehler um Entschuldigung.