Wie soll der Verkehr in einem der  größten und wichtigsten Bauprojekte der Stadt künftig geregelt werden? Das ist eine wichtige Frage. Eine, die immer noch ungeklärt ist. Weil die beauftragten Gutachter sie gar nicht gestellt haben.

Es geht um das Stadtviertel Pankower Tor, das mehr als 40 Hektar große Brachgelände des früheren Güter- und Rangierbahnhofs Pankow. Dort will der Berliner Möbelunternehmer Kurt Krieger für 500 Millionen Euro ein Quartier mit 1000 Wohnungen errichten, 250 davon sollen  mit 6,50 Euro pro Quadratmeter sozial gefördert werden. Im neuen Viertel wird  es ein großes Einkaufscenter am U- und S-Bahnhof Pankow geben, Kitas und Schulen sowie Möbel- und Fachmärkte.

Vor neun Jahren hat Krieger (Höffner, Kraft, Sconto) diese Brachfläche gekauft, seit sieben Jahren verhandelt der 69-jährige Unternehmer mit dem Bezirk Pankow und dem Senat über die Bebauung des Geländes. Doch die Planung stagniert, wieder mal.

Neue Straßenbahnlinie geplant

Es gibt immer noch viele ungeklärte Dinge, viel Streit und offene Fragen. Die wichtigste ist, wie der gesamte Verkehr in dem neuen Viertel mit öffentlichen Verkehrsmitteln abgewickelt wird. Eine neue Straßenbahnlinie parallel zur Granitzstraße ist geplant, sie würde Alt-Pankow und Heinersdorf bis nach Weißensee verbinden. Das ist eine langjährige Forderung der Bezirkspolitiker.

Genau um diese Straßenbahn sollte es in dem Gutachten gehen. Doch die Münchner Experten haben die Straßenbahn in ihrer Verkehrsprognose komplett weggelassen. Ein Kollege habe die abgestimmten Eingangsparameter „bewusst“ nicht verwendet, heißt es in einem Brief des Unternehmens an das Bezirksamt.

Gutachten hat Krieger bezahlt

Der Brief liegt der Berliner Zeitung vor. Das Unternehmen zog seinen Zwischenbericht Ende Juli zurück. Die Verordneten sind verärgert. „Was wir in Auftrag gegeben haben, wurde nicht erfüllt“, sagt einer. „Wir sind jetzt wieder auf dem Stand wie vor zwei Jahren.“

Ein finanzieller Schaden sei dem Bezirk aber nicht entstanden, sagt Vollrad Kuhn (Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung, denn das Gutachten hat Krieger bezahlt. Doch die fehlende Verkehrsprognose führe nun zu weiteren Verzögerungen, sagt Kuhn.

Das ist nicht das einzige Problem. Seit Jahren ist ungeklärt, wie groß das Einkaufscenter sein darf, das Krieger am U- und S-Bahnhof bauen will. Eine etwa 30 000 Quadratmeter große Shopping Mall will er bauen, darauf hat er sich mit dem Bezirk seit langem geeinigt. Schließlich ziehen immer mehr Menschen in den Bezirk, die Kaufkraft sei hoch, ein neues Center sei eine „notwendige Bereicherung“, argumentiert der Bezirk. Doch der Senat lehnt diese Planung rigoros ab.

Ein Einkaufszentrum in dieser Größe sei „nicht mehr zeitgemäß“, hingegen liege ein Einkaufszentrum mit bis zu 15.000 Quadratmetern „im Trend aktueller Entwicklungen“, steht in der aktuellen Stellungnahme der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung an das Bezirksamt Pankow.

Der denkmalgeschützte Rundlokschuppen

Genervt stellt die zuständige Abteilungsleiterin fest, dass „viele der aktuell – leider erneut – zu kritisierenden Punkte“ bislang „nicht hinreichend und teilweise gar nicht korrigiert“ wurden. Von „widersprüchlichen Darstellungen“ ist die Rede, von Rechenfehlern, und „irreführenden Aussagen“. Im Bezirk nimmt man die Haltung des Senats widerwillig zu Kenntnis. Drei Untersuchungen gab es bereits. „Wir müssen mit der Planung immer wieder von vorn anfangen“, heißt es.

Einig sind sich Bezirk und Senat dann aber doch, dass auf dem Areal dringend neue Schulen gebaut werden müssen: eine Grundschule am U- und S-Bahnhof Pankow und eine weiterführend an der Prenzlauer Promenade, nahe der Autobahnauffahrt. Über einen genauen Standort des Schulkomplexes dort wird noch verhandelt und auch wieder gestritten. Auf dem Gelände, das auch Krieger gehört, steht ein denkmalgeschützter Rundlokschuppen. Für die Grundsicherung des verfallenen Gebäudes ist aus Sicht des Bezirks Krieger zuständig. Das lässt der Bezirk nun gerichtlich prüfen.

Vertrag ohne Unterschriften

Es gab eine Zeit, da war das Projekt Pankower Tor recht weit vorangeschritten. Im September 2016, kurz vor den Wahlen, hatten sich Bezirksamt, Senat und Investor Krieger in einem städtebaulichen Vertrag geeinigt. Der damalige Senator für Stadtentwicklung, Andreas Geisel (SPD), sagte, im Herzen von Pankow entstehe ein neues Stück lebendige Stadt, das eine große Bedeutung für ganz Berlin haben werde.

Kurt Krieger sprach von einer „stabilen Basis für den Fortgang des Verfahrens“. Alle waren zufrieden. Nur die Unterschriften fehlten. Die neu gewählten Landes- und Bezirkspolitiker sollten den Vertrag unterschreiben. Sie haben es bis heute nicht getan. In der neuen Koalition sei das Konzept „erneut diskutiert und weiter gedacht“, sagt eine Sprecherin von Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke). Es gehe um Verkehr und Einzelhandel.

Im Bezirk drängen die Verordneten auf die Unterschriften. „Der Abschluss des Rahmenvertrages muss jetzt politisch entschieden werden“, sagt Wolfram Kempe (Linksfraktion), Vorsitzender im Verkehrssauschuss. Stadtrat Kuhn lässt bis Ende 2017 ein „städtebauliches Leitbild“ entwickeln, aber nur für einen Teil des Geländes. Denn noch weiß niemand, wie das neue Viertel aus architektonischer Sicht überhaupt einmal aussehen soll.