Herr Kalbitzer, macht Großstadtleben krank?
Das ist zurzeit, auch unter Wissenschaftlern, ein beliebtes Thema und hat meiner Meinung nach vor allem mit einer irrationalen Romantisierung des Landlebens zu tun. Wissenschaftlich ist das schwer festzumachen. Die Lebenserwartung in Deutschland ist zum Beispiel, sieht man sich die Bundesländer an, in den Stadtstaaten Berlin, Hamburg oder Bremen höher als in fast allen Bundesländern, wo die Städte kleiner sind, oder mehr in dörflichen Strukturen gelebt wird.

Woran liegt das?
Ein wichtiger Faktor ist die medizinische Versorgung, die in großen Städten sehr gut ist. Zum einen findet man schneller einen Arzt und zum anderen gibt es hier mehr hoch qualifizierte Kräfte als auf dem Land. Ein anderer Faktor ist die Fußläufigkeit. Fußläufige Erreichbarkeit der Dinge, die man im Alltag braucht, ist ein wesentlicher Faktor für die Gesundheit, weil man dann öfter zu Fuß geht. Menschen, die in Innenstädten leben, wo man mal eben zu Fuß in den Supermarkt geht statt mit dem Auto zu fahren, wie es in vielen Vororten oder auf dem Land nötig ist, leiden deutlich seltener an Übergewicht und den damit verbundenen Erkrankungen, wie beispielsweise Diabetes und Bluthochdruck. Eine sehr besorgniserregende Entwicklung ist deshalb die, dass die Innenstädte von Großstädten zunehmend von wohlhabenderen Menschen bevölkert werden. Nehmen Sie allein den Wedding oder Kreuzberg, wo es sehr innenstadtnah vor einer Weile noch sehr günstigen Wohnraum gab, man vieles fußläufig erreichen konnte und es nicht weit zu Ärzten war – da steigen die Wohnungspreise gerade sehr. Wir verdrängen Menschen, die wenig Geld haben, nun in die Außenbereiche der Städte und erhöhen damit durch die schlechtere Fußläufigkeit und weniger starke medizinische Versorgung die Risikofaktoren für Krankheiten bei den sozial Schwachen.

Diese Landlust, die sie erwähnten, dieses Gestresst-Sein von der Stadt. Woher kommen diese Phänomene?
Das Land und das damit verbundene, vermeintlich ursprüngliche Leben werden von uns immer romantisiert. Das hat insbesondere in Berlin viel damit zu tun, dass sich die Struktur der Stadt sehr schnell verändert und dass es eine Zunahme der Unberechenbarkeit in unserem Lebensalltag gibt.

Welche Unberechenbarkeit meinen Sie?
Menschen brauchen für ihr Umfeld auch eine gewisse Berechenbarkeit im Alltag. Gibt es diese Stabilität, sind sie wesentlich entspannter als Menschen, die sie nicht haben. Viele Menschen in Berlin konkurrieren um nicht ganz so viele Jobs und Wohnungen. Da kommt die Landlust ins Spiel – wir sehnen uns nach einfachen Lösungen, die wir auf dem Land vermuten.

Aber die Menschen in der Stadt sind doch einer größeren Umweltbelastung ausgesetzt als die auf dem Land. Ich laufe in der Stadt vielleicht mehr, atme aber auch mehr Feinstaub ein.
Feinstaub ist sicherlich ein krankmachender Faktor. Die großen, ortsunabhängigen krankmachenden Faktoren unserer Zeit sind aber Übergewicht, Stress, Bewegungsmangel. Ich will damit die Abgasbelastung in Berlin nicht relativieren, aber es gibt in der Stadt eine Menge Faktoren, die dies aufwiegen. Es gibt Vorteile in der Stadt und es gibt Vorteile auf dem Land – dieses romantische, einfache und gesunde Landleben ist aber eine Mogelpackung.

Menschen sagen doch aber oft: „Diese Stadt macht mich krank“. Ist das eine etwa hysterische Einbildung?
Andersherum: Wir könnten in Berlin sicherlich noch gesünder leben, noch älter werden, wenn wir Probleme wie die Abgase und aktuell die abrupten sozialen Verschiebungen besser in den Griff bekommen und ein paar wesentliche Grundregeln einhalten würden. Es gibt eine spannende Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, die zeigt, dass es in Berlin deutlich mehr sehr, sehr alte Menschen gibt, als in vielen anderen Gegenden Deutschlands. Diese Menschen zeichnet interessanterweise aus, dass sie sehr nah an ihrem Geburtsort gestorben, also offenbar wenig umgezogen sind in ihrem Leben. Wir deuten das so, dass insbesondere in Berlin stabile soziale Netze und ein bekanntes Umfeld – kombiniert mit der guten medizinischen Versorgung – gesund halten. Durch die „Manhattisierung“ Berlins werden diese für die Gesundheit guten sozialen Strukturen gefährdet.

Also doch das Dorf?
Nein, denken Sie an die Vorteile der Stadt. Gerade Menschen, die sich durch ihre Ideale, Wünsche, sexuelle Orientierung oder Hautfarbe von ihrem sozialen Umfeld unterscheiden, haben in kleinen Dörfern mit einer sehr homogenen Bevölkerung eher mal Probleme. In Berlin sind Sie damit nur einer von vielen vielfältigen Menschen. Das ist für die Psyche sehr hilfreich, gut gegen Stress, gut für die Gesundheit.

Das bedeutet, Anonymität macht gesund?
Nein, Diskriminierung macht krank. Sowohl soziale als auch kulturelle Diskriminierung. Sich als Fremdkörper zu empfinden macht krank. Aber eben auch, wenn Menschen aus ihren gewachsenen, schutzgebenden Milieus verdrängt werden. Das ist ein großer Stressfaktor.

Wie schlägt sich das körperlich nieder?
Zum einen durch erhöhte Stresshormone im Blut, die wiederum dazu führen, dass der Körper mit Infekten weniger gut umgehen kann. Und die Stresshormone wirken auf den Fettstoffwechsel, wir setzen ungesundes Bauchfett an. Und sie wirken auch vielfältig im Gehirn: Wir grübeln mehr, erinnern uns nicht mehr so gut  und schlafen schlechter. Und schlechter Schlaf kann dann auch wieder zu Gewichtszunahme führen ...

Stecken wir also in einer Art Teufelskreis?
Ja, aber diesen Kreislauf durchbrechen wir nicht, indem wir aufs Land ziehen. Wir müssen die Städte erwartbarer machen und uns gemeinsam mehr an Regeln halten, die uns Verlässlichkeit geben, um diesem Stress entgegenzuwirken.

Halten wir uns denn nicht an die Regeln?
Ich spreche jetzt erstmal nicht von Gesetzen, sondern von den sehr unterschiedlichen alltäglichen Vorstellungen, die Menschen in einer Großstadt vom Zusammenleben haben.

Aber machen diese Unwägbarkeiten Großstädte nicht schon immer aus?
Ja, aber momentan eskaliert das in Berlin etwas. Nur ein Beispiel: Die Vermietung von Wohnungen als Ferienwohnungen wird aktuell von immer mehr Menschen als Bedrohung empfunden, denn ihr Wohnraum weckt Begehrlichkeiten und ist nicht mehr sicher.  Das schafft Probleme.

Inwiefern?
Als noch nicht alle nach Berlin wollten,  hätte man sich über die Besucher aus aller Welt in Berlin sicher viel mehr gefreut. Jetzt werden die Touristen als Ärgernis empfunden, wir beschweren uns über sie und der Nachbar, der über Airbnb vermietet, wird angezeigt. Der beschwert sich dann im Gegenzug bei der Hausverwaltung über unsere lauten Kinder oder Gegenstände, die auf dem Flur stehen. Das tun wir nicht, weil wir plötzlich keine Kinder oder Touristen mehr mögen oder mehr Spaß an Rechtsstreitigkeiten haben, sondern weil wir durch die Konkurrenz um Wohnraum gestresst sind. Wenn wir das Gefühl haben, dass das Zusammenleben gut funktioniert und genug für alle da ist, sind wir toleranter. Dafür brauchen wir wieder mehr Respekt und Regeln im Umgang miteinander. Prinzipiell bin ich dafür, sowas auf lokaler Ebene direkt miteinander auszuhandeln. Aber wenn das nicht klappt, dann ist durchaus auch der Gesetzgeber gefragt.

Ist der Großstädter vielleicht auch ein wenig zu sehr mit sich und seinen Problemen beschäftigt? Hören wir zu intensiv in uns hinein?
Ich sehe das positiv: Die Kriege, Fluchten, Unterdrückung durch Überwachungsstaaten und die radikalen Veränderungen durch die Wende haben viel verändert in den Lebensläufen der Familien, die in Berlin leben oder auch aus Krisenregionen hierherkommen. Wenn wir nun in der Großstadt Berlin die Ressourcen haben, uns mit den Spuren, die die Katastrophen über Generationen in unserer Psyche hinterlassen haben, auseinanderzusetzen, dann ist das eine großartige Entwicklung. Und dann nehmen Sie noch die Beschäftigung mit der Ernährung, der Erziehung und beispielsweise  Yoga dazu. Wir beurteilen das immer alles so negativ,  dabei kann man es auch so sehen: Wir haben einfach endlich die Zeit, uns vernünftig mit unserer Gesundheit zu beschäftigen. In einer Stadt, die die Möglichkeiten dazu bietet.

Das Großstadtleben ist also ein positives?
Absolut!

Das Gespräch führte Marcus Weingärtner.