Großtrappen rüsten sich zur Balz

BAITZ - Hier ist Sperrgebiet – zumindest für Autos. Gleich hinter dem Dörfchen Baitz stehen an allen Wegen sehr gut sichtbar die leuchtend gelben Schilder: „Naturschutzgebiet“. Durchfahrt verboten, denn hier leben ganz, ganz seltene Vögel: Großtrappen – immerhin die größten flugfähigen Vögel Europas, die vor 20 Jahren in Deutschland fast ausgestorben waren.

Doch in den Belziger Landschaftswiesen und in zwei weiteren Gebieten in Westbrandenburg leben sie noch. Bei Baitz führt der Europaradweg R1 direkt am Rande des Schutzgebietes vorbei. Auf einem Hügel ist auch ein Aussichtspunkt. Nun, da die Männchen anfangen, um die Weibchen zu balzen, kann jeder versuchen, die großen, aber extrem scheuen Tiere zu sichten.

Dem Laien fällt das sehr schwer, denn die braunen Vögel tarnen sich gut. Doch Steffen Bohl, der Chef des Naturparks Hoher Fläming, sagt ziemlich schnell: „Da sind welche.“ Zwischen dem endlosen Grün der Wiesen und dem Braun der Erde sieht der Laie nur ein paar weiße Punkte, etwa einen Kilometer entfernt. Bohl schaut durchs Fernglas und fragt: „Sind das Schwäne oder Silberreiher? Höckerschwäne. Aber auch Großtrappen.“ Er zählt: „1,2,3,4,5...“ Mit jeder Zahl steigt seine Freude. Erst bei 19 ist Schluss.

Weiter massiv bedroht

Durchs Fernglas sind sie gut zu erkennen. Jene Vögel, die inzwischen auch Märkische Strauße genannt werden. „Bei uns leben nicht nur die einzigen Großtrappen Deutschlands, sondern ganz Mitteleuropas“, sagt Bohl. Es gibt noch Bestände in Spanien, in Ungarn und ganz weit im Osten Österreichs, an der Grenze zur Slowakei.

Mitte der 90er-Jahre, als auch in Brandenburg der Tiefpunkt für diese Population erreicht war, wurden nur noch 57 Tiere gezählt. „Aktuell sind es 232“, sagt Bohl. „Das ist die höchste Zahl der vergangenen zwei Jahrzehnte. Aber die Trappen sind trotzdem noch vom Aussterben bedroht, denn erst bei mehr als 1000 Tieren würde die Population als stabil gelten.“

Dass der seltene Vogel überlebt hat, liegt allein am Menschen. Aber er ist auch Schuld daran, dass er fast ausgestorben ist. „Im 17. und 18. Jahrhundert zahlte der Staat noch Abschussprämien, weil Großtrappen überall verbreitet waren und als Landplage galten“, erzählt Bohl.

Der Bestand sank aber immer weiter, 1939 wurden noch 3 400 Tiere in der Mark Brandenburg gezählt. Der Grund für den massiven Rückgang war die Intensivierung der Landwirtschaft und der Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln, sagt Bohl. „Durch die Pestizide sank die Zahl der Insekten dramatisch.“

Die Trappen brauchen aber sehr viele Insekten für die ersten Lebenswochen ihrer Jungtiere. Doch sie fanden einfach zu wenige. Genau wie andere Vögel, etwa Feldlerche, Raubwürger oder Neuntöter. Bohl erklärt, dass wissenschaftliche Untersuchungen ergeben haben, dass auf den intensiv genutzten Futterwiesen der modernen Landwirtschaft zehn Mal weniger Insekten leben als auf einer Naturwiese.

Deshalb wurden schon in der DDR einige Trappenschongebiete eingerichtet. Drei Schutzareale sind es heute. In den Kernzonen dürfen die Bauern keine Pflanzenschutzmittel einsetzen und ihre Wiesen nur mähen, wenn keine Trappe brütet. „Dafür bekommen die Bauern extra Ausgleichszahlungen“, sagt Bohl. „Die Zusammenarbeit von Landwirten und Naturschutz klappt sehr gut. Einige Bauern verzichten in den Randzonen der Schutzgebiete sogar freiwillig auf Pestizide.“

Teuerster Vogel der Welt

Die Großtrappe erlangte Anfang der 90er Jahre bundesweite Bekanntheit durch den Neubau der ICE-Strecke Berlin–Hannover. Die Trasse führte durch eines der drei letzten Brutgebiete, das Havelländische Luch. Damals wurde auch diskutiert, ob dieses Brutgebiet der letzten Großtrappen für 250 Millionen Euro untertunnelt werden soll. Doch es kam anders: Auf sechs Kilometern Länge wurden links und rechts der Strecke sieben Meter hohe Dämme aufgeschüttet.

Dadurch sind die Trappen nun gezwungen, beim Überqueren der Gleise hoch zu fliegen und werden nicht überfahren. Kosten: zwölf Millionen Euro. Kritiker dieser Art von Tierschutz schimpften, dass die damals knapp 60 Trappen damit die teuersten Vögel der Welt seien. Tierschützer sagten hingegen, dass die Summe vergleichsweise klein sei bei Baukosten von 2,6 Milliarden Euro.

„Wichtig ist, dass diese Schutzmaßnahme funktioniert und der Bestand wächst“, sagt Bohl. Denn Deutschland habe mit seinen letzten Brutgebieten nun mal international eine enorm hohe Verantwortung, da die Art global gefährdet sei.

„Es sind genau 69 Tiere.“

Ein Stück weiter stehen am Radweg neben den weiten Feldern zwei Frauen vom Förderverein Großtrappenschutz. Große Fernrohre stehen auf Stativen, die Frauen schauen über die weite platte Landschaft. „Wir haben alle gezählt“, sagt Astrid Eisenberg. „Es sind genau 69 Tiere.“ Ein Tier mit Sender sei vergangene Woche noch in dem anderen Schutzgebiet gesichtet worden. „Wir wollen nachweisen, wie oft die Tiere ihre Reviere wechseln“, sagt sie. Das sei auch deshalb wichtig, weil immer wieder Windräder auf der Flugstrecke geplant sind.

Noch ein letzter Blick durchs Fernglas – und tatsächlich: Ein Männchen rüstet sich zum Balztanz. „Wir sagen: Er holt die Unterwäsche raus“, erzählt Steffen Bohl. Denn der Hahn plustert sein Federkleid extrem auf, so dass die sonst unsichtbaren weißen Unterfedern zu sehen sind. Wenn er dann richtig schön fett aussieht stolziert er an den Weibchen vorbei. „Die Balz der Trappen beginnt“, sagt Bohl. „Es wird Frühling in Brandenburg.“