Die Start-up-Szene in Berlin wächst und wächst, immer mehr internationale Kapitalgeber investieren hier in der Hauptstadt in die aufstrebenden Sprinter-Firmen. Jetzt strecken auch altgediente Institutionen als Newcomer in diesem Markt ihre Fühler aus – wie die Berliner Volksbank. Die Genossenschaftsbank gab Ende letzten Jahres bekannt, dass sie in den Markt der Beteiligungsfinanzierung von Start-ups einsteigt. Dafür wurde eine eigene Gesellschaft gegründet, die Berliner Volksbank Ventures. Die soll sich sowohl als Lead- oder auch Co-Investor an jungen Unternehmen beteiligen, die „innovative Technologien für den Mittelstand und die Finanzwirtschaft“ entwickeln.

20 Millionen Euro für derartige Beteiligungen hat die Gesellschaft für die nächsten vier Jahre zur Verfügung, sagt Geschäftsführer Andreas Laule im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Wir wollen noch in einer frühen Phase in die jungen Firmen reingehen“, sagt er, „da tun sich andere Geldgeber schwer“. Was aber den Vorteil hat, relativ preiswert zu sein. Denn später, wenn die Firmen sich schon in den Dunstkreis großer Risikokapitalfonds geraten, werden deutlich höhere Summen für Beteiligungen fällig. „Wir sind in den frühen Phasen mit maximal einer Million Euro dabei“, betont Laule.

„Das Ohr an der Masse“

Er geht davon aus, dass sich die Gesellschaft vorerst an 15 bis 20 Firmen beteiligt. Das verfügbare Kapital von 20 Millionen soll auch nicht sofort in Gänze eingesetzt werden: „Wir wollen uns auch noch etwas Pulver trocken halten. Wenn ein Unternehmen besonders gut läuft, wollen wir die Möglichkeit haben nachzulegen.“

Aber warum steigt die grundsolide Volksbank, die mehr als 156 000 Mitglieder hat, in das Risikokapitalgeschäft ein?

Geschäftsführer Laule nennt drei Ziele. Zum ersten wolle die Volksbank damit Möglichkeiten der Digitalisierung auch für ihre Kunden erschließen. So hat sich die Ventures-Gesellschaft an der Inventorum GmbH beteiligt, das erste Engagement des Volksbank-Ablegers überhaupt. Inventorum ist ein Anbieter für iPad-basierte Kassensysteme, die insbesondere kleine, lokale Einzelhändler bei der Kassenabwicklung, Kundenverwaltung, Buchhaltung und Bestandsverwaltung unterstützen und dabei gleichzeitig für die digitalen Anforderungen aus dem E-Commerce bereitmachen. Das will die Volksbank mit dem klassischen Kontogeschäft verbinden.

Zum zweiten will die Volksbank mit diesen Beteiligungen etwas „strategisch für das eigene Kerngeschäft“ tun. Vereinfacht gesagt: Vielleicht wird gerade die Bank 4.0 erfunden, und da möchte die Volksbank nah dran sein beziehungsweise „das Ohr an der Masse haben“. Intern räumt man in der Volksbank ein, dass viele Start-ups, die sich im Bereich der Finanzwirtschaft tummeln, die sogenannten Fintechs, ihre Sache ganz gut machten. „Wollen klassische Banken auch in Zukunft bestehen, müssen sie sich weiterentwickeln und neue Wege gehen.“ Weise Worte vom Vorstandschef der Berliner Volksbank, Holger Hatjes. Banken, so die Einschätzung, müssen bei den Umstrukturierungen und den Veränderungen dabei sein.

Erwirtschaften von Überschüssen wird schwieriger

Bleibt der dritte Grund. Und der heißt einfach Geld verdienen. Laule nennt als Fixpunkt für die Beteiligungsgesellschaft eine Rendite von acht Prozent auf das eingesetzte Kapital. Das ist mehr als die Bank im klassischen Kreditgeschäft erwirtschaftet, zugleich deutlich weniger als die Zielvorstellungen, mit denen die großen Geldgeber kalkulieren. Im normalen Geschäft wird es nicht nur für die Berliner Volksbank immer schwieriger, Überschüsse zu erwirtschaften. Zwar schwimmen die Banken derzeit im Kundengeld, aber die risikoarmen Anlagemöglichkeiten fehlen ihnen ebenso wie dem normalen Kunden, wenn Bundesanleihen im Prinzip kein Geld mehr abwerfen. Und das wird sich voraussichtlich in den kommenden Jahren kaum oder nur langsam ändern.

Nun sind direkte Beteiligungen in Firmen natürlich immer mit Risiken verbunden – gerade im Frühstadium, wenn sich gerade entscheidet, ob eine Firma wirklich durchstartet. Als Faustregel in der Start-up-Szene gilt, dass von zehn Beteiligungen eine richtig Gewinn bringt und bringen muss. Volksbank Ventures agiert wesentlich vorsichtiger. Internes Ziel ist: Bei der Hälfte der Firmenbeteiligungen muss es gutgehen. Das heißt auch, dass der Auswahl der Firmen eine scharfe Analyse vorausgeht und sie nach strengeren Kriterien als sonst in der Szene üblich erfolgt.

Auf der Suche nach Beteiligungen

„Wir wollen schon Umsätze sehen“, sagt Laule, der zuvor mehr als zehn Jahre als Abteilungsleiter im Kreditbereich tätig war. Mehr als 100 Start-ups hat sich das vierköpfige Team der Volksbank-Tochter bislang angesehen, zu dem mit Timo Fleig ein zweiter Geschäftsführer sowie mit Marco Bruns und Stefan Wernicke zwei Analysten gehören.

Davon kämen vielleicht zwei oder drei für weitere Beteiligungen in Frage. Die Beteiligungshöhe reicht in der Regel bis etwa zehn Prozent des Firmenwertes. Es geht auch nur um Firmen, die zum Profil der Volksbank passen. Start-ups aus dem Bereich Biotech oder Healthcare beispielsweise haben also bei der Volksbank keine Chance.

Anfang Juni meldete Volksbank Ventures die zweite Beteiligung: flexperto. Das Unternehmen bietet eine internetgestützte Softwarelösung, mit der Unternehmen beratungsintensiver Branchen ihre Leistungen auch online vertreiben und durchführen können, auch als Videoberatung. Damit arbeiten bereits einige der größten deutschen Versicherungsgesellschaften, Banken und Gesundheitsdienstleister.