Pläne um einen neuen Start-up-Campus gegenüber des Görlitzer Parks sorgen für Ärger: Nach Informationen der Berliner Zeitung will das Gründerzentrum Factory nach Alt-Treptow expandieren und in einem historischen Fabrikgebäude in der Lohmühlenstraße 65 am Landwehrkanal einen neuen Standort errichten.

Das Gebäude wurde von einem mit der Factory verbandelten Immobilienunternehmen gekauft, das auch in der Factory Berlin residiert. Atelier- und Bürogemeinschaften, darunter Grafiker und Übersetzter, wurde von dem neuen Besitzer bereits gekündigt. Die Mieter, die teilweise seit zehn Jahren in dem Gebäude arbeiten, sollen es nach Mieterangaben größtenteils bis zum 1. Oktober 2016 verlassen.

Bezirk ist nicht begeistert

Im Bezirk Treptow-Köpenick stoßen die Pläne für den neuen Start-up-Campus auf Kritik. Der für die Stadtentwicklung zuständige Bezirksstadtrat Rainer Hölmer (SPD) sagte der Berliner Zeitung zu der Entmietung der Gewerbetreibenden: „Da findet eine Verdrängung statt, die ich politisch scharf kritisiere.“

Es sei zwar verständlich, dass die alten Industriegebäude für die Start-up-Szene anziehend seien. „Doch es wäre wesentlich sinnvoller, wenn leerstehende Flächen genutzt werden – und gewachsene Gewerbe-Strukturen nicht zerstört werden.“ Baurechtlich seien derartige Pläne allerdings zumeist nicht zu verhindern, sagte Hölmer.

Die Factory Berlin wollte sich auf Anfrage zu den Planungen nicht äußern. Das Unternehmen hatte 2014 in der Rheinsberger Straße in Mitte seinen ersten Start-up-Campus eröffnet und treibt derzeit die eigene Expansion stark voran.

Ein zweiter Standort in Kreuzberg wurde bereits teilweise in Betrieb genommen, die offizielle Eröffnung soll bald folgen. Ein weiterer Standort soll in einem ehemaligen Postgebäude in der Palisadenstraße in Friedrichshain entstehen.

Ateliergebäude entmietet

Bereits der Kauf des Postgebäudes sorgte für Diskussionen in der Stadt: Denn dort müssen Künstler ihre Ateliers verlassen. Die Factory will dort aber mit den Künstlern zusammenarbeiten, um eine Lösung zu finden, damit diese nicht aus den innerstädtischen Bezirken vertrieben werden. Auch der Senat hat sich in die Gespräche eingeschaltet. Factory-Geschäftsführer Philipp Merlin Scharff sagte damals der Berliner Zeitung: „Wir wollen zeigen, dass es auch anders geht als wie Gentrifizierung sonst abläuft.“

Übersetzer und Therapeuten

Die Mieter in der Treptower Lohmühlenstraße hoffen, dass das auch für sie gilt. Bislang habe der neue Eigentümer aber nicht auf Gesprächsangebote reagiert, sagt Markus Kluger, der in dem ehemaligen Fabrikgebäude ein Büro für Infografik betreibt. Ansonsten sind verschiedenste Bürogemeinschaften und andere Gewerbe in dem Gebäude, darunter Wissenschaftler, aber auch eine Gemeinschaftspraxis von Psychotherapeutinnen. „Eine gemischte und gewachsene Struktur“, sagt Kluger.

Das Gebäude in der Lohmühlenstraße gehört zur ehemaligen Agfa-Fabrik am Landwehrkanal, wo bereits ab 1850 Farbstoffe und andere chemische Endprodukte hergestellt wurden. Die Nutzfläche wird mit 11.500 Quadratmetern angegeben. Das Gebäude wurde 1895 errichtet und steht unter Denkmalschutz. Einer Entkernung des Gebäudes, wie es offenbar durch die neuen Eigentümer vorgesehen ist, muss dies aber nicht entgegenstehen.