Berlin - Es hat schon viele Knopfdrücke von Politikern in der deutschen Geschichte gegeben. Nicht alle haben wirklich etwas verändert. Unvergessen etwa, was 1987 nach dem Knopfdruck des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU) im Kraftwerk Buschhaus passierte: Nämlich nichts. Albrecht wollte die, wie er sie nannte, „umweltfreundlichste Rauchgasentschwefelungsanlage, die es zur Zeit auf der Welt gibt“, einschalten. Später kam heraus, dass die Anlage nie in Betrieb gegangen ist.

Das zumindest konnte Michael Müller (SPD) am Montag nicht passieren. Als der Regierende Bürgermeister zur Mittagszeit den Knopf für den „Start der letzten Gründungsarbeiten für das House of One“ an der Gertraudenstraße in Mitte drückte, liefen die Arbeiten für alle Anwesenden auf der Baustelle laut hörbar bereits. 

Das 35 Meter tiefe Loch für den 71. und letzten Pfahl, der in den bekannt schwierigen Untergrund nahe der Spree gerammt werden soll, wurde seit den Morgenstunden ausgehoben. Eines steht aber auch schon fest: Mit Müllers Knopfdruck sind längst nicht alle Hürden für das House of One beseitigt.

House of One in Berlin: Im Herbst 2020 soll Baubeginn sein 

Das House of One, ein gemeinsames Gotteshaus für Christen, Muslime und Juden, ist ein Haus mit langer Vorgeschichte. Verwaltungsdirektor Roland Stolte erinnerte daran, dass der erste Antrag für die Einrichtung bereits vor zehn Jahren von der Leitung der evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien beschlossen wurde. „Jetzt kann man sagen, dass es tatsächlich begonnen hat.Das House of One wird kommen – daran gibt es keinen Zweifel.“

Der weitere Zeitplan steht fest: Am 14. April 2020 soll der Grundstein gelegt werden. Das Datum soll an die Uraufführung „Nathan der Weise“ am selben Tag des Jahres 1783 erinnern. Lessings Ringparabel wirbt bekanntlich dafür, allen Religionen Achtung und Toleranz entgegenzubringen. 

Im Herbst 2020 soll Baubeginn sein. Gestützt auf 71 Pfählen soll in Berlins historisch mittigster Mitte ein imposantes Ziegelbauwerk entstehen, das nicht nur inhaltlich, sondern auch architektonisch Zeichen setzen soll. Nun rückt ein Termin wenigstens deutlich näher. Architekt Wilfried Kuehn von Kuehn Malvezzi Architects, der vor sieben Jahren den Wettbewerb gewonnen hat, sprach von einem „prozessualen Projekt“, bei dem man sich „fast im Wochenrhythmus“ mit den Bauherren getroffen habe. Nun soll es neben Schulungszimmern drei Gebetsräume geben – für jede Religion einen.

Außerdem ist ein Raum für Anders- oder Nichtgläubige vorgesehen. So viel Inklusion muss schon sein. Das nach derzeitiger Planung 47,2 Millionen teure Haus – jeweils 10 Millionen Euro kommen von Bund und Land, rund 600.000 Euro vom Bundestag, weitere 3,4 Millionen Euro von Städtebauprojekten von Bund und Land, der Rest sind Spenden – soll Ende 2023 fertig sein.

All die schönen Worte und Ausblicke ändern nichts daran, dass das House of One unverändert ein Problem mit der Legitimität hat. Im Präsidium sitzt neben Stiftungsratschef Rabbiner Andreas Nachama und Pfarrer Gregor Hohberg von der evangelischen St. Petri-St. Marien-Gemeinde auch Imam Kadir Sanci. Er gehört der transnationalen religiösen und sozialen Bewegung des türkischen Geistlichen Fethullah Gülen an, die in der Türkei Repressalien insbesondere durch die Partei AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ausgesetzt ist.

House of One: Michael Müller ist Vorsitzender des Kuratoriums 

Tausende Angehörige der Bewegung sitzen in Gefängnissen, weil sie als vermeintlich Verantwortliche des Putschversuchs 2016 identifiziert wurden. Auch hierzulande wird sie von anderen muslimischen Verbänden und Moscheevereinen als Partner abgelehnt. In Berlin spricht die Gülen-Bewegung nach eigenen Angaben rund 6000 Gläubige an. Auf Nachfrage bestätigte Imam Sanci, dass er und seine Kollegen an fünf Moscheen in der Stadt Freitagsgebete abhalten – die Orte wolle er nicht nennen. 

Nun steht das House of One nach eigenen Angaben von Anfang an im Kontakt zum Bundeskriminalamt, schließlich wird diese Art der interkonfessionellen Zusammenarbeit nicht nur Anhänger finden. Dennoch wirft ein Bündnis mit der umstrittenen und in Berlin offenbar eher kleinen Gülen-Bewegung, die als sektenartig gilt, ein eher schummriges Licht auf die gut gemeinte Unternehmung. Aber andere Vertreter der sehr heterogenen islamischen Gemeinden in Berlin haben sich offenbar nicht gewinnen lassen.

Erst im März hatte sich mit Unternehmerin Catherine Dussmann eine namhafte Unterstützerin des Projekts zurückgezogen. Sie könne kein Projekt unterstützen, das „anstelle Verständigung und Dialog zwischen und innerhalb der Religionen zu fördern, neue Konflikte erzeugt“.

Wohl dem, der in solchen Fällen einen Andreas Nachama an seiner Seite hat. Angesprochen auf die Mühen, auch auf muslimischer Seite eine angemessene Beteiligung zu erzielen, sagte Nachama: „Wenn’s einfach wäre, bräuchte es uns nicht.“

Und auch Knopfdrücker Müller, der zum Vorsitzenden des Kuratoriums berufen wurde, wollte das Gülen-Thema nicht wegwischen. „Wir gehen offen miteinander um“, sagte er am Montag. Es gebe Grundlagen für eine Zusammenarbeit mit der Bewegung. „Wenn diese Basis gegeben ist, kann man sich auch offen begegnen und zusammenarbeiten“, sagte er. 

Insgesamt sieht Müller jedoch ohnehin eher die Chancen: „Berlin ist der richtige Ort. Hier begegnen sich die Kulturen. Aber es ist auch der Ort, bei dem man von außen besonders hinguckt.“