Missbrauch (Symbolbild)
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BerlinDie Grünen werfen der Senatsbildungsverwaltung in der Aufarbeitung des großen Missbrauchsskandals in der Jugendhilfe vor, zu langsam vorzugehen. „Frau Scheeres ist die ganze Zeit zu zögerlich“, sagte Marianne Burkert-Eulitz der Berliner Zeitung am Dienstag. Ein neuer Bericht bestätige, was man schon lange ahnte, so die Grünen-Abgeordnete: „Das waren und sind Netzwerke. Und die gibt es noch immer.“ Es gelte, jetzt entschieden aufzuklären – auch die politische Verantwortung. Das sei für Parteien nicht einfach. „Doch es muss sein.“

Der grüne Berliner Landesverband hat diese Aufarbeitung bereits einmal hinter sich: In der Alternativen Liste, der Vorläuferorganisation der Grünen, hat es massiven sexuellen Missbrauch von Kindern gegeben. Es sei sehr schwer, sich einzugestehen, dass man Teil einer „Täterorganisation“ sei, so Burkert-Eulitz. Um das System des Missbrauchs zu durchbrechen, sei dieses Eingeständnis aber unabdingbar. Auch Parteien wie SPD und FDP, die in dem mehr als 30 Jahre währenden Skandal  Regierungsverantwortung trugen, müssten sich dem jetzt stellen.

Eine Forschergruppe hatte am Montag ein Gutachten zum Skandal um den Sozialpädagogik-Professor Helmut Kentler vorgestellt. Kentler war Abteilungsleiter beim vom Senat eingerichteten Pädagogischen Zentrum, ließ Pflegestellen bei pädophilen Männern einrichten und verkaufte den Missbrauch als „Experiment“. Die Experten zogen das Fazit: Es habe ein großes Netzwerk aus Mitwissern und Unterstützern in Verwaltung, Jugendämtern, Politik, Freier Universität und Max-Planck-Institut gegeben. Zahlen und Namen aber kenne man kaum, das Netzwerk habe zum Teil die Hoheit über die Akten besessen. Noch heute lagerten Akten aus dem Landesjugendamt unaufgearbeitet bei der Verwaltung.

Die 1000 Akten aus dem Verwaltungskeller müssten schnellstmöglich ausgewertet werden, forderte Burkert-Eulitz. Die Bildungsverwaltung teilte mit, man arbeite daran. Allerdings seien die Akten nur alphabetisch sortiert – und reichten von 1990 bis in die 50er-Jahre zurück. Es gebe keine systematische Erfassung nach Jahrgängen oder Unterbringungsorten, die Datenschutzbestimmungen seien für die Kinder- und Jugendakten hoch.

Parallel will die Verwaltung beginnen, mit den beiden Betroffenen, die den Skandal erst maßgeblich aufgedeckt haben, über Entschädigungen zu verhandeln. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) bezeichnete es am Montag als großen Erfolg, dass sich Senatsbildungs- und -finanzverwaltung nach langen Diskussion einigten, eine Zahlung des Landes zu ermöglichen.

Sven Kohlmeier, rechtspolitischer Sprecher der SPD, sagte der Berliner Zeitung, es müsse eine stattliche Entschädigungssumme fließen. Es sei allzu oft unwürdig, wie in Deutschland mit Opfern umgesprungen würde, das habe schon die Diskussion um Entschädigungen für die Opfer des Breitscheidplatz-Attentates gezeigt. „Es darf da nicht um ein paar Hundert Euro gehen“, so Kohlmeier. „Diese Leute sollten so viel Geld erhalten, dass sie sich den Rest ihres Lebens sehr gut und ohne Sorgen gestalten können.“