Grüne Stadt: Berlin bekommt andere Bäume

Berlin - Jedes Jahr verliert Berlin etwa 1500 Straßenbäume. Die meisten werden gefällt, weil sie in keinem stabilen Zustand mehr sind und die Sicherheit von Menschen gefährden könnten. Doch nicht für jeden gefällten Baum wird ein neuer gepflanzt. „Aber die Verluste sind geringer geworden“, sagte am Donnerstag Christian Hönig, der Baumexperte des Bundes für Umwelt und Naturschutz BUND, Landesverband Berlin.

Vor einigen Jahren habe Berlin noch 1800 Bäume pro Jahr verloren. Die Bezirke Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg können sogar eine positive Baumbilanz vorweisen. Viele Bezirke näherten sich der „grünen Null“, so Hönig, was bedeutet, dass dort ebenso viele Bäume gepflanzt werden wie man fällt. All dies geht aus dem 3. Baumreport des BUND hervor, den Hönig vorstellte.

Senat verspricht 10.000 Bäume

Zwischen den Jahren 2005 und 2011 hat Berlin 10.359 Straßenbäume verloren. „Aber im Moment hat es den Anschein, als sei sich die Politik der Bedeutung der Bäume für Stadt und Mensch bewusst geworden“, sagt Hönig. Ein Hinweis darauf sei die im Koalitionsvertrag beschlossene Stadtbaumoffensive, in der sich der Senat verpflichtet hat, in den nächsten zwölf Jahren 10.000 Straßenbäume zu pflanzen. Bis 2013 werden zunächst 200 Bäume pro Bezirk gepflanzt. Die ersten drei Jahre übernimmt der Senat auch die Pflege dieser Bäume.

Wieviele Bäume es in Berlin gibt, weiß niemand genau. Laut Hönig sind es zwischen 430.000 und 480.000. Bald wird es genaue Zahlen geben, denn die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat angeordnet, dass der Berliner Baumbestand erfasst werden muss. Es sind viele Linden unter den Berliner Bäumen, aber auch Spitzahorn und Eichen. Die Rosskastanie ist ebenfalls häufig in Berlin. Sie hat in den vergangenen Jahren unter der Miniermotte gelitten, die bewirkte, dass die Bäume schon im August ihre Blätter abwarfen. Nach Angaben von Hönig wird das so bleiben. Aber die rotblühenden Kastanien sind gegen den Schädling resistent. Diese würden nun verstärkt gepflanzt.

Wegen des Klimawandels kann sich die Zusammensetzung des Baumbestands allmählich ändern. Hönig sagt, dass es künftig mehr Hainbuchen, Ulmen und Feldahorn geben wird. Sie können die Wärme besser vertragen.

Zu wenig Platz für Baumwurzeln

Straßenbäume tun viel für ihren Standort. Sie verbessern die Luftqualität, sie spenden Schatten, sie machen Berlin zu einer grünen Stadt. „Aber eine Straße ist der ungünstigste Standort für einen Baum“, sagt Hönig. Hier gibt es zu wenig Platz für die Wurzeln, zu wenig Licht, stattdessen werden sie von Hundeurin traktiert und im Winter von Streusalz. Auf Baumscheiben parkende Autos zerdrücken die feinen Wurzeln, so dass die Bäume Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme bekommen.

An Bäume gelehnte Fahrräder beschädigen oft die Rinde, in die offene Stelle können Pilze eindringen. Der Zustand der Straßenbäume ist entsprechend. Ein weiterer Grund für die Schwäche vieler Straßenbäume ist ihr Alter. „Wenn ein Baum 60 Jahre alt ist, braucht er mehr Pflege“, so Hönig. Dass das für eine große Zahl Berliner Bäume gilt, hat historische Gründe. Viele fielen dem Krieg zum Opfer, in der Nachkriegszeit wurde Brennholz aus ihnen gemacht. Anfang der 50er-Jahre wurde neu gepflanzt. Würden die Bäume kontinuierlich gepflegt, könnten sie noch älter werden. Doch das geschieht laut Hönig nicht.

Fällen als billigste Lösung

Ein Grund dafür ist die schlechte finanzielle Ausstattung der Grünflächenämter. In Charlottenburg-Wilmersdorf etwa stehen statt der benötigten 80 Euro pro Baum und Jahr nur etwas über 50 Euro zur Verfügung. „Die Bäume werden deshalb schneller krank“, sagt Marc Schulte (SPD), Stadtrat für Stadtentwicklung. „Wir treiben Raubbau an unserer Substanz.“ Und Hönig sagt: Ist ein Baum erst einmal in einem schlechten Zustand, sei Fällen die billigste Lösung.