Berlin - Zerrupfte Hühner in Legebatterien, kranke Schweine und Kühe in viel zu engen Ställen, Pestizide wie Glyphosat als legales Pflanzenschutzmittel. Wie weit darf die Lebensmittelindustrie gehen? Für Jochen Fritz steht fest: Die Grenze ist schon lange überschritten.

Der Landwirt und Agrarwissenschaftler kämpft seit Jahren für eine bäuerlich-ökologische Landwirtschaft, für gesundes Essen und artgerechte Tierhaltung. Das nächste Mal am 20. Januar, wenn er mit Zehntausenden Menschen durch Berlin zieht und gegen Machenschaften und Arbeitsweisen der Agrarindustrie demonstriert.

An diesem Tag hat Jochen Fritz seine Arbeit fast erledigt. Der 43-Jährige leitet das Organisationsteam für die „Wir-haben-es-satt“-Demo. Seit einem halben Jahr bereitet er diesen Protestmarsch vor. Es ist die größte Demo in Europa, die sich gegen die herrschende Agrarpolitik wendet. Aus dem gesamten Bundesgebiet kommen die Teilnehmer: Bauern mit Traktoren, Umwelt- und Tierschützer in Kostümen, Entwicklungshelfer, Gentech-Gegner, Vegetarier, Tierhalter, Imker. Den meist jungen Leuten geht es um eine gesunde Ernährung und um gutes Essen für alle. 20.000 bis 50.000 Menschen nehmen jedes Jahr an der Demo teil.

Immer zur Grünen Woche

Der Zeitpunkt der Demo ist kein Zufall, denn in Berlin findet an dem Wochenende die Grüne Woche statt, gleichzeitig tagen die Landwirtschaftsminister vieler Länder in der Hauptstadt. Ohne Jochen Fritz würde es die Protestdemo wohl nicht geben. Dafür hat der 43-Jährige vor acht Jahren sein Landleben aufgegeben, deswegen verließ der schwäbische Landwirt Süddeutschland. Und er hat sich an das Leben in der Großstadt immer noch nicht gewöhnt. „Ich bin ein Landmensch“, sagt Jochen Fritz.

Am Donnerstagmorgen sitzt er in einem Café nahe der Friedrichstraße in Mitte und spricht über seine Arbeit. „Essen ist politisch“, sagt er. „Und gesunde Ernährung ist längst ein gesellschaftlich anerkannter Trend geworden. Das Gute ist, jeder kann sofort persönlich etwas ändern.“ Jochen Fritz ist ein zurückhaltender Mann, er spricht leise und nachdenklich. Seine Kleidung ist praktisch und leger. Neben ihm liegen sein Rucksack und sein Hut. Als wolle er gleich wandern gehen.

Neben dem Café befindet sich das kleine Büro der Kampagne „Meine Landwirtschaft“. Dort bereitet Jochen Fritz mit acht Kollegen die „Wir-haben-es-satt“-Demo vor. 50 Organisationen beteiligen sich. Tausende Flyer und Plakate wurden gedruckt, die Bühne und die Werbung musste finanziert werden, ebenso das Organisationsteam. Für Jochen Fritz ist diese Arbeit längst ein richtiger Job. Ein Büro-Job.

Dabei wollte er mal Bauer werden. In der Nähe von Tübingen führten seine Eltern ein Geschäft als Raumausstatter, doch Jochen Fritz folgte ihnen nicht. Er studierte Agrarwissenschaften, wollte Entwicklungshelfer im Ausland werden bis er merkte, dass man gegen Hunger und Elend in der Dritten Welt auch im eigenen Land etwas tun kann. „Ich fand es besser, hierzubleiben“, sagt er. Und arbeitete auf Bauernhöfen. Er lernte Landwirte kennen, die ihre Tiere gut hielten. Er wollte nicht nur an der Universität weiterlernen und ließ sich neben dem Studium zum Landwirtschaftsgehilfen ausbilden.

Erster Protest auf der Grünen Woche

Jochen Fritz wurde Berater für ökologischen Landbau. Er besuchte Landwirte, organisierte für sie Fachseminare, nannte sie Striegeltage und Ackertage. Das gefiel den Bauern. Bio Fritz nannten sie ihn, manche auch einen Spinner. „Doch es gab damals schon viele Landwirte, die sich politisch engagierten“, sagt er. Er riet ihnen, Hofläden einzurichten, die Produkte zu fairen Preisen zu verkaufen und sich regional zu vernetzen. Bauern, Metzger, Bäcker. „Nur in solchen Erzeugergemeinschaften haben kleine Betriebe eine Perspektive“, sagt Jochen Fritz. Und dafür kämpft er heute noch: Gegen die Vertreibung von Kleinbauern, gegen die Allmacht der Konzerne, gegen das Höfesterben. So steht es auch im Aufruf zur Demo.

Im Jahr 2010 protestierten Tierschützer und Umweltaktivisten erstmals auf der Grünen Woche, doch ihr Protest ging unter im Trubel der vollen Messehallen. Die Berliner Aktivisten riefen Jochen Fritz an, der zu dieser Zeit auf einem Bioschweinehof in Hohenlohe in Württemberg arbeitete. „Sie sagten, sie brauchen mich“, erzählt Jochen Fritz, der zuvor schon große Demos gegen Gentechnologie organisiert hatte.

Jochen Fritz entschied, mit seiner Familie nach Berlin zu kommen. Unter einer Bedingung. Nicht in Berlin zu wohnen. In Werder kauft er mit einer befreundeten Familie einen Hof von Obstbauern. Dort leben heute auch 18 Wasserbüffel und 400 Hühner. Es gibt Kirschbäume, eine Streuobstwiese. Jochen Fritz hat vier Kinder, sie sind zwischen 12 und zwei Jahren alt. Einer ernährt sich vegetarisch, einer will jeden Tag Fleisch. „Wir diskutieren ständig über Ernährung“, sagt er. Und will doch niemandem das Fleischessen verbieten. „Essen muss Spaß machen“, sagt er.

Er liebt schwäbische traditionelle Kost: Spätzle, Linsen, Saitenwürstle. Und manchmal einen Sonntagsbraten. Jochen Fritz will in Sachen Ernährung tolerant sein. „Es geht beim Essen nicht um Verbote.“ Nur in einem Fall ist er rigoros. Massentierhaltung. Geht gar nicht.