Berlin - Die junge Frau an der Information bekommt große Augen, als sie nach Ausstellern mit veganen Produkten gefragt wird. Spontan fällt ihr nichts ein, die Suche auf der Grüne Woche-Webseite gestaltet sich mühsam. Dann findet sie doch etwas: sechs Aussteller von 1650, verteilt von Halle 1.2 bis 23.

Wir machen uns auf den Weg und kommen durch die Halle der Bundesregierung mit Informationen rund um Ernährung und Landwirtschaft. Das Thema „vegan“ ist nirgends zu finden. Beim Max Rubner-Institut, das „Forschung für eine gesunde Ernährung mit Genuss“ betreibt, winkt die Standmitarbeiterin ab: „Vegan ernährt sich nur 0,1 Prozent der Bevölkerung. Dafür stellen wir hier keinen Experten bereit.“

Die Lust am Essen

Die Dame von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung am benachbarten Stand wünscht sich ebenfalls, dass die Menschen sich „einfach normal“ ernähren, „wie es früher war“. Beim Thema „vegan“ fallen bei ihr viele Wenns und Abers. Ernährungsprofis und Kochkünstler könnten versuchen, trotz Verzicht auf Milchprodukte und Fleisch alle Nährstoffe zu sich zu nehmen. Leicht sei das aber nicht.

Die Messehallen füllen sich nach einem ruhigen Vormittag. Auf den Bühnen machen Musiker oder Conférenciers Stimmung. Die Besucher ziehen an den Ständen vorbei. An den Theken bilden sich Menschentrauben. Dort werden Bierkrüge geschwenkt, Käse und Wurststückchen auf Zahnstochern verspeist, Prospekte wandern unaufhörlich in Taschen. Die Grüne Woche ist eine Messe, auf der die Lust am Essen zelebriert wird. Die Besucher naschen allerorten, kaufen sich ihre Rucksäcke voll und beginnen schon den Morgen mit einem Gläschen.

Kleine Firmen, teure Stände

Bei „Schlagfix“, einem Hersteller pflanzlicher Milchersatzprodukte aus Unstrut im Burgenland, werden wir fündig. Hier ist es ruhig. Dabei weist sogar eine „Beachflag“, ein rotes Segel in Tropfenform, auf die Firma hin. Neben den Sahne-Ersatzprodukten „Gesüßte Schlagcreme“ und „Schlagfix Rapsöl mit Buttergeschmack“ hat das Acht-Mann-Unternehmen für die Messe nachgelegt: vegane Currywurst.

„Gestern sind die ersten Gläser gekommen“, sagt Mitarbeiterin Claudia Bader. Gemeinsam mit der Tierschutzorganisation Peta vermarktet Schlagfix die Currywurst, die auf Erbsenmehl und Rapskernöl basiert. Richtig warm sind weder die rote Sauce noch die Wurst selbst. Das Geschmackserlebnis ist lau.

Bader sagt, dass echte Veganer nicht zur Grünen Woche kommen. „Es gibt so viele spezialisierte Messen wie die Veggie-World“, sagt sie. Die Grüne Woche biete denen nicht genug. Es seien eher Menschen mit Lactose-Intoleranz, die sich ihre Produkte hier anguckten.

Nach „Schlagfix“ kommt lange nichts Veganes: Weinstand Vogel (Baden-Württemberg) und das Restaurant „Lunch Vegaz“ (Mecklenburg-Vorpommern) sind nicht da. Sie teilen sich den Stand mit anderen Unternehmen und sind an diesem Tag nicht vorgesehen. Die Stände sind teuer, kleine Unternehmen können nicht an allen neun Tagen der Messe anwesend sein, erklärt eine Mitarbeiterin des Baden-Württemberg-Stands entschuldigend.

„Berlin ist die Hauptstadt der Veganer“

Die Grüne Woche ist wirklich keine Messe für Veganer. Das wird immer klarer, je länger wir zwischen Salami aus aller Herren Länder durch die Hallen irren. Überraschenderweise findet sich in der Bayernhalle ein Stand mit veganem Essen, der sogar gut besucht ist. Der Knödelspezialist Burgis aus Neumarkt in der Oberpfalz propagiert diese Eigenschaft aber nicht sehr groß. Seit zwei Jahren ist Burgis zum Beispiel bei Rucki-Zucki-Bauernkartoffeln und –Bratkartoffeln auf vegan umgestiegen. „20 bis 30 Prozent der Kunden wollen das“, sagt Mitarbeiter Hildegund Burda. Ihre Gemüsepfanne mit Kartoffeln schmeckt gesund und gibt wieder Kraft für die Suche nach weiteren veganen Schätzen.

Einer findet sich in der Street Food-Halle. Zwischen Fischstand und mobilem Café hat Susanne Jecht ihr „Kontor Eismanufaktur“ aufgebaut. In einem nostalgischen Eisgefährt in zartem Orange bietet sie Eis in den Sorten Crazy Peanut, Apfel-Quitte, Mozart-Kugel, Mango und Schokolade an. „Berlin ist die Hauptstadt der Veganer“, sagt die ehemalige Mitarbeiterin der Fluggesellschaft Swiss, die vor einigen Jahren aufs Eismachen umgestiegen ist.

Bis vor Kurzem war sie im beschaulichen Ostwestfalen selbstständig, doch sie suchte die Herausforderung und kam in die Hauptstadt, wo sie an der Danziger Straße ein Eiscafé eröffnete. Hier lernte sie die Szene der Veganer neu kennen, sagt sie. Die Veganer in Berlin seien „entschlossen“ und auch manchmal „eng“. Schon kleine Abweichungen vom veganen Pfad würden in den sozialen Medien sanktioniert.

Jechts Eis schmeckt frisch und leicht. „Davon kann man mehr essen, als von normalem Eis“, erklärt sie. Die tierischen Fette lägen schwerer im Magen als Soja-, Kokos-, Hanf-, Hafer- oder Mandelmilch, die sie wechselweise verarbeitet. Alles bei ihr ist handgemacht. Die Quitten stammen aus dem eigenen Garten, den sie in Karow pflegt. Viel Betrieb ist an ihrem Stand aber nicht.

Schmalz ohne Schwein

Ein selbsternanntes Urgestein der veganen Esskultur in Deutschland findet sich schließlich in der Bio-Halle 1.2. Der „Lebe Gesund-Versand“ pflegt seit mehr als zwei Jahrzehnten die Produktion von veganen Frischkräuter-Pestos, Brotaufstrichen, Suppen, Soßen, Brot und vielem mehr. An dem ovalen Stand arbeiten acht Frauen und Männer. „IBI-Räuber. Das Schmalz ohne Schwein“ ist der Renner. Der weiße Aufstrich besteht unter anderem aus Zwiebeln, Äpfeln und Majoran. Tatsächlich ist da ein Hauch von Schmalz, der auf der Zunge zergeht. Gewürze sind scheinbar alles.

Das beweist auch der Erfolg des Brots, das Guiliani Bertuzzi an einer Ecke des Stands röstet und mit Lebe Gesund-Würzfee bestreut. Die Gemüsebrühen-Mischung („tierfreundlich, vegan“) ist salzig und voller Aromen. Wer einmal angefangen hat, kann nicht aufhören. Das sieht man an den Kundinnen, die „hmm – lecker“ rufen und wieder und wieder in die Körbchen greifen, in die Bertuzzi die Brotkrumen wirft.

Oder liegt es an dem strammen Messeverkäufer, der mit seinen strahlend blauen Augen die Kundinnen auch mal fröhlich anflirtet. Kommt er auf das Tierwohl zu sprechen, wird er aber schnell ernst. „Tiere wollen vor allem leben“, sagt er. „Tiergerechte Haltung und Pflege“ seien Schlagworte, die den Kühen am Ende nicht die Schlachtung ersparen.

Sein Idealismus bleibt im Ohr, besonders wenn man weitergeht. In der Nachbarhalle stellt ein Anbieter einen Milchroboter vor, um den herum ein Gehege mit einigen Kühen aufgebaut ist. Diese wanken unsicher über den Boden, die Euter prall gefüllt. Eine Maschine soll ihren Tagesablauf regeln, propagiert ein Vertreter des Herstellers. Kühe und Messebesucher glotzen sich an. Wir haben alle veganen Stände besucht und sind weiter hungrig. Aber nicht auf Fleisch.