Berlin - Cléo Mieulet muss lauter sprechen, als sie ihre Was-wäre-wenn-Brille aufsetzt. So nennt sie es, wenn sie von einer besseren Zukunft spricht. Im Hintergrund lachen Kinder, auf dem Rollfeld ziehen Skaterinnen ihre Bahnen, jemand schaltet eine Soundanlage ein. Die Geräusche des Sommers auf dem Tempelhofer Feld – an einem Tag im März, einem viel zu warmen.

Ein Dutzend Zuhörer steht im Kreis um sie herum. Cléo Mieulet, 49 Jahre alt, trägt einen „Berlin4Future“-Button am Mantel, ihre Ohrringe pendeln beim Sprechen hin und her. Hinter ihrer imaginären Brille, sagt sie, sehe sie begrünte Fassaden, Solaranlagen auf Dächern, Urban Gardening auf den Straßen. Und in den sieben Hangars – sie dreht sich um und zeigt auf das Flughafengebäude, das in der Ferne hinter Hochbeeten, Wimpeln und einer selbst gebauten Windkraftanlage zu sehen ist – bekomme diese Zukunft einen starken Antrieb. Manche der Zuhörerinnen schließen die Augen und lächeln. Es sind Vertreter der umliegenden Gemeinschaftsgärten dabei und eine Gruppe junger Wissenschaftlerinnen aus Brasilien und Indien.

Vision für Tempelhof: ein „Transformationszentrum für alle“

Cléo Mieulet und Judith Pape, die neben ihr steht, sind gekommen, um Verbündete zu finden. Für ihren Plan, den sie mit der Was-wäre-wenn-Brille auf der Nase entwickelt haben – und in die Tat umsetzen wollen. Ihr Ziel ist es, das in Teilen leer stehende Flughafengebäude und das Feld in einen „Bildungs- und Begegnungsort für eine klimaneutrale und sozial gerechte Gesellschaft“ zu verwandeln. „Transformation Haus & Feld“ (TH&F) heißt ihre Kampagne, für die sie seit Ende 2020 ein Bündnis auf die Beine stellen, dem sich bislang 25 Initiativen und Institutionen sowie mehr als 30 Freiwillige angeschlossen haben. Bis zum Herbst soll ein Konzeptentwurf vorliegen. Das Vorhaben stellten sie am Donnerstag auf einer Pressekonferenz vor.

Ihre Vision nennen sie „Transformationszentrum für alle“. Ein Name, der ahnen lässt: Mit kleinen Lösungen will sich diese Kampagne nicht zufriedengeben. Am Neuköllner Rand des Feldes wirkt der Airport-Komplex an jenem Tag weit weg mit seinen 7260 Räumen, dem enormen Sanierungsstau und der dort ansässigen Tempelhof Projekt GmbH (TP), einer landeseigenen Gesellschaft, die im Auftrag des Senats die Nachnutzung des Flughafens entwickelt und an der kein Bündnis vorbeikommt.

Seit die FDP mit Blick auf die Abgeordnetenhauswahl im September ihre Unterschriftenkampagne für einen Volksentscheid reaktiviert hat, der eine Wohnbebauung am Rand ermöglichen soll, wird wieder über die Zukunft des Feldes gestritten. Die CDU fordert ebenfalls ein Referendum, auch Teile der SPD sind offen dafür. Da Grüne und Linke am Tempelhof-Gesetz festhalten, das 2014 nach dem Volksentscheid gegen eine Bebauung in Kraft trat, dürfte das Feld zum Wahlkampfschlager werden.

Sebastian Höhn
Der Flughafen Tempelhof, heute das größte Baudenkmal Europas.

Der Flughafen ist Europas größtes Baudenkmal 

Um die künftige Nutzung des Flughafengebäudes, ein 1230 Meter langer Koloss aus der Nazizeit, heute größtes Baudenkmal Europas, war es zuletzt ruhiger geworden. Zurzeit wird der Kopfbau West samt Tower-Gebäude saniert, auf dessen Dach 2022 eine Aussichtsplattform eröffnen soll. Die zwei Hangars darunter werden für den möglichen Umzug des Technik- und des Alliiertenmuseums vorgehalten. Auf den Dächern könnten einem Konzept der TP zufolge Solarmodule installiert werden, die 4.100 Megawattstunden Strom produzieren, ein Großteil des Energiebedarfs des Gebäudes. Voraussetzung sei, dass der Denkmalschutz zustimme.

Ein erster Beteiligungsprozess für die Gebäudeentwicklung startete Ende 2017 und wurde 2019 abgebrochen. Zwischen der TP und beteiligten Initiativen kam es zu Konflikten. Zeitgleich wurde festgestellt: Der Zustand des Flughafens ist noch schlechter als vermutet. Allein die Sanierung der Hangars soll mehr als 130 Millionen Euro kosten. Im August 2020 dann ein erneuter Schritt: Der Senat beschloss ein Entwicklungskonzept, demzufolge aus dem Flughafen „ein zukunftsweisender, beispielhafter und gemeinwohlorientierter Begegnungs- und Austauschort für Berlin, Deutschland und die Welt“ werden soll. Für Teile der künftigen Nutzung werde dann erneut ein Beteiligungsprozess angestoßen.

Kann das TH&F-Bündnis dort andocken und die Debatte neu entfachen? Und wer sind die Frauen hinter der Kampagne überhaupt?

Eine ehrgeizige Vision in Zeiten von Corona- und Klima-Krise

Ein Wintertag Ende Januar. Judith Pape braucht beide Arme, um ihr schneeverklebtes Fahrrad über die Wiese vor den Hangars zu schieben. Die zu langen Ärmel ihrer verwaschenen Winterjacke hat sie hochgekrempelt, ihre blonden Haare trägt sie als Dutt. „Dieses Projekt gibt mir total Wind unter den Flügeln“, sagt sie. In den Tagen zuvor hatten Pape und Mieulet Videokonferenzen mit Abgeordneten, Ökonomen aus der Postwachstumsforschung, einem TU-Professor und Mitgliedern der „Architects for Future“. Es deutet sich an, dass ihre Vision zu einem Vollzeitjob wird.

„Was wir machen, hätte schon längst passieren müssen“, sagt Pape. Es ist noch nicht lang her, dass sie zum ersten Mal über das Tempelhofer Feld gelaufen ist. Die 32-Jährige ist vor einem Jahr aus dem Breisgau nach Berlin gekommen. Im ersten Lockdown sei sie buchstäblich hier gestrandet, erzählt sie. Als Klimaaktivistin, die durch die Republik reisen wollte, um die Bewegung zu mobilisieren, die große Pläne hatte für einen Sommer des Protests, größer noch als 2019. Doch daraus wurde nichts.

Dann, beim Eisessen mit Cléo Mieulet, die sie aus der Klimabewegung Extinction Rebellion kennt, sei die Idee entstanden. Zuerst war es eine staatlich geförderte Permakultur-Schule auf dem Tempelhofer Feld, dann wurde mehr daraus. Eine ehrgeizige Vision als Antwort auf den Stillstand der Corona-Krise. Nie zuvor hat sich Pape mit einem so großen Vorhaben beschäftigt. Sie hat eine Banklehre gemacht und später Soziologie studiert, eine erfahrene Projektmanagerin ist sie nicht. Woher nimmt sie den Mut?

Wer Pape in den Videokonferenzen sprechen hört, erlebt eine Frau, die verbal umarmt, die blitzartig merkt, wenn andere sich unwohl fühlen. Und zugleich ist da immer eine Dringlichkeit. Zum Beispiel, wenn sie am Beginn Sätze sagt wie: „Die Klimakrise wartet nicht.“

Auf dem Tempelhofer Feld spricht sie darüber, was sie und Mieulet antreibt. Ihre Antwort lässt sich auf drei Worte reduzieren: Fassungslosigkeit, Verzweiflung, Hoffnung. Fassungslosigkeit über die klimapolitische Untätigkeit der Regierung, Verzweiflung angesichts von Prognosen, die nichts weniger als ein Ende der Zivilisation für möglich halten, Hoffnung, dass es noch nicht zu spät ist. Während sie das sagt, hüpft ein kleiner Hund über die verschneite Wiese, als hätte er Sprungfedern unter den Pfoten.

Sebastian Höhn
Cléo Mieulet (l.) erläutert vor kleinem Publikum ihre Vision von der Zukunft des Areals. Judith Pape hört. 

Ausbildung in Tempelhof für klimagerechte Jobs

„Wir alle haben ein Recht auf einen klimagerechten Job“, sagt Pape. Auf eine Arbeit, die im Einklang stehe mit einer nachhaltigen Lebensweise. Das Transformationszentrum solle ein Ort werden, in dem solche Berufe erlernt werden könnten. Zum Beispiel ginge es um Fachkräfte für Solartechnik, die für die Energiewende schon heute dringend gesucht werden, um Entwicklerinnen für neue Lastenradmodelle, Reparatur-Experten, die defekten Elektrogeräten ein neues Leben schenken.

Eine, die sich schon seit Jahren mit dem Flughafen und solchen Ideen beschäftigt, ist Heike Aghte von THF.Vision. Die Initiative hatte sich 2017 gegründet und ein Zukunftsbild für das Gebäude entworfen, das fast wörtlich dem der TH&F-Kampagne gleicht. Aghte ist dankbar für die neue Dynamik. „Ich finde die Frauen total stark, und ich glaube, das geht in eine Richtung, die uns nur nutzen kann“, sagt sie. Bei THF.Vision und anderen Gruppen hätten sich viele Aktive zurückgezogen, nachdem das erste Partizipationsverfahren gescheitert war.

Im Februar nimmt das TH&F-Bündnis Fahrt auf, es gründen sich erste Fachgruppen. Mieulet und Pape haben täglich mehrere Videokonferenzen mit Politikern, Wissenschaftlerinnen, Initiativen in Berlin wie dem Bündnis vom Haus der Statistik, den Prinzessinnengärten und sogar mit Projekten in Cleveland und Chicago. „Wenn Corona nicht wäre, würden wir nicht so schnell vorankommen“, sagt Mieulet. In jeder dieser Runden stellt sich die Deutsch-Französin, die früher Schauspielerin und Theaterregisseurin war, als dreifache Mutter vor, die aus Verantwortung handelt. Es ist ein Gewissensappell. So werben sie und Pape unermüdlich um das Vorhaben. Und hören anderen zu, von denen sie lernen wollen.

Von Nicole Hartmann zum Beispiel, die in einer der Videoschalten auftaucht. Judith Pape sieht schlecht aus an diesem Abend, mit müden Augen und zerzausten Haaren. Medien haben berichtet, dass die Erde 28 Trilliarden Tonnen Eis seit 1994 verloren hat. Pape: „Wir sind auf dem Worst-Case-Pfad.“. Hartmann nickt, ihr gehe es auch nicht gut, sagt sie.

Was sie davon abhalte, sich der Verzweiflung hinzugeben, sagt Hartmann, sei das Engagement für die Initiative Donut4Berlin. Die Donut-Ökonomie ist ein Modell der britischen Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth, die den frittierten Kringel als Schablone für ein nachhaltiges und gerechtes Leben nutzt. Die Außenkante des Donuts steht für die planetaren Grenzen, nach innen ist der Handlungsspielraum durch die sozialen Grundbedürfnisse begrenzt. Als erste Stadt der Welt hat Amsterdam 2020 verkündet, bis 2050 komplett auf Kreislaufwirtschaft nach dem Donut-Prinzip umzustellen. Ein Schritt, der einer ökonomischen Revolution gleichkommt, bricht er doch radikal mit der Wachstumslogik.

Judith Pape hat die Vorstellung aus ihrem Tief gerissen. Sie lächelt.

Die transformativen Prozesse, so scheint es, werden vor allem von Frauen vorangetrieben. Männer sind, wie in der Klimabewegung allgemein, bei den virtuellen Treffen in der Unterzahl. So auch bei einem Gespräch mit dem Wandelwerk in Köln. Die Initiative verfolgt einen ähnlichen politischen Anspruch. In einem ehemaligen Autohaus haben sie ein „urbanes Transformationszentrum“ erschaffen, mit Werkstätten für Tiny Houses, Upcyling, Indoor-Gardening, Co-Working, einem Hub für Kreislaufwirtschaft und nachbarschaftlicher Einbindung. Nicht Konkurrenz und Profitdenken stehen dort im Mittelpunkt, sondern Kooperation und das Teilen von Wissen.

Solche Orte brauche es überall, sagt Judith Pape. Und das müsse politisch und systematisch angegangen werden. Berlin habe viel Potenzial dafür. „Das kann hier ein Leuchtturm für ganz Deutschland werden.“

Vieles ist noch vage. Woher soll das Geld kommen? Wer sollte sich dort ansiedeln? Konkrete Lösungen könnten sie nicht allein erarbeiten, sagt Pape. Ihre Rolle sei es vor allem, zu vernetzen und Strukturen aufzubauen, bei der Umsetzung seien Fachleute vieler Bereiche gefragt. Das große Ziel sei es, das Wissen und die transformativen Praktiken, die es bereits gebe, an einem Ort zusammenzubringen.

Reaktionen von Berliner Politikern auf die Pläne

Über Monate wächst das Bündnis weitgehend im Verborgenen. Bei der Tempelhof Projekt, gewissermaßen der Torhüterin des Flughafens, stellen sich die Frauen erst in der vergangenen Woche vor. Konkret will sich die TP zu der TH&F-Kampagne noch nicht äußern, nur allgemein zur öffentlichen Beteiligung. „Die TP begrüßt eine vielfältige und bunte Entwicklung des Standorts, dabei sollten auch zivilgesellschaftliche Akteure berücksichtigt werden“, sagt Aljoscha Hofmann, Teamleiter Strategische Standortentwicklung bei der TP. Allerdings sei eine kooperative Entwicklung von politischen Entscheidungen und der Sanierung abhängig, die eine bestimmte Reihenfolge habe. Zudem zeigten Erfahrungen mit ähnlichen Projekten – so etwa beim Haus der Statistik –, dass die Umsetzung insgesamt sechs bis acht Jahre brauche, so Hofmann.

Was sagen Politiker der Koalitionsparteien zu der Vision? Abgeordnete der Linke-Fraktion wollen sich dafür einsetzen, dass das Transformationszentrum in ihr Landeswahlprogramm geschrieben wird. Georg Kössler, Sprecher für Klimaschutz in der Grünen-Fraktion, rät: „Nehmt Ausbildung und Fachkräftemangel in den Fokus.“ Fraktionskollege Turgut Altug meint, ein Volksentscheid zur Nachnutzung des Flughafengebäudes könne möglicherweise helfen. Dann eine Überraschung, als die Bundes-SPD am 1. März ihr Wahlprogramm vorstellt. „Transformationszentren als Werkstätten des Wandels“ wolle man fördern, heißt es darin. Ein Trojanisches Pferd aus Tempelhof? In gewisser Weise schon, sagt Pape. Es habe ein Gespräch mit SPD-Leuten dazu gegeben, die am Wahlprogramm mitgewirkt hätten.

In den vergangenen Wochen ist für Pape und Mieulet das Pensum auf eine 60-Stunden-Woche angewachsen. Fragt man Mieulet, was wäre, wenn sich ihr Traum nicht umsetzen ließe, wirkt sie, als hätte man ihr einen Knüppel zwischen die Beine geworfen. „Das wäre heftig“, sagt sie nach langer Pause. „Aber ich könnte nicht aufgeben.“