Bettina Jarasch, die Parteivorsitzende, holte sich gleich mal Beistand aus den höheren Sphären der Moralphilosophie, als sie das Ergebnis begründete. „Das ist Verantwortungsethik statt Gesinnungsethik“, sagte die 45-Jährige auf dem Parteitag der Grünen am Wochenende. Sie habe kein Problem mit dem Ergebnis und schlafe ruhig.

Soeben hatten die Delegierten im Saal der Kreuzberger Jerusalemkirche darüber abgestimmt, wie sie mit dem Volksentscheid zum Tempelhofer Feld umgehen wollen. Beschlossen wurde mit großer Mehrheit, wenn auch einigen Gegenstimmen, dass die Hauptstadt-Grünen die Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ nun doch unterstützen.

Sie werben damit für ein Ja zu der Forderung, dass es auf dem ehemaligen Flughafengelände keinerlei Bebauung geben soll. Also auch keine Wohnbauten, wie vom Senat geplant und vom Abgeordnetenhaus in einem eigenen Gesetzestext am 25. Mai zur Auswahl gestellt.

Dabei wollen die meisten Grünen eigentlich etwas anderes als ein einfaches Ja, nämlich einen „dritten Weg“, wie die Co-Fraktionsvorsitzende Antje Kapek den Delegierten einmal mehr erklärte. Dieser Weg ließ sich in Verhandlungen aller fünf Fraktionen für einen gemeinsamen Text aber nicht durchsetzen.

Es ging den Grünen unter anderem um eine größere Freifläche als die vom Senat geplanten 230 Hektar, um feste Quoten für Sozialwohnungen und um mehr Mitbestimmung bei der künftigen Randbebauung. Dies alles steht nun auch in dem Leitantrag des Landesvorstands, doch beim Volksentscheid spielt der grüne Vorschlag keine Rolle. „Wir wollen eine Gestaltung des Feldes, aber nicht gegen die Stadt, sondern mit der Stadt“, sagte Kapek. Der Masterplan von Stadtentwicklungssenator Michael Müller, mit seinen bis zu zehngeschossigen Häusern an den Rändern im Westen, Süden und Osten des Feldes, müsse aufgeknackt werden.

Kapek: Das Wort sozial tauche im Koalitionstext nicht auf

Kapek warf vor allem den Sozialdemokraten aus der rot-schwarzen Koalition vor, dass ein Allparteien-Entwurf gegen die Nullbebauungsinitiative gescheitert sei. Die SPD habe sich in ihrer unsäglichen Arroganz keinen einzigen Millimeter bewegt, fasste Kapek die gescheiterten Verhandlungen zusammen – die beteiligten Sozialdemokraten stellen das übrigens anders dar.

Doch Kapek legte durchaus noch nach. Die SPD wolle gar kein soziales Bauen, denn das Wort „sozial“ tauche im Koalitionstext gar nicht auf. „Das ist ein Beleg für die Verlogenheit der Sozialdemokraten“, rief Kapek unter Applaus. „Der Betrug am Volk muss endlich ein Ende haben.“

Nicht alle Redner tönten so schrill. Andreas Otto, Bauexperte der grünen Abgeordnetenhausfraktion, gab zu bedenken, dass die Grünen nicht als Wohnungsverhinderer dastehen dürften, wenn sie ein Ja zur Initiative empfehlen. „Wir brauchen mehr sozialen Wohnraum auch im Neubau auf dem Tempelhofer Feld.“ Otto warnte, wenn die Nullbebauung beim Volksentscheid durchkomme, sei für diese und die nächste Wahlperiode erst einmal Schluss mit Bauen. „Wenn wir die Partei sind, die Wohnbauten verhindert, dann werden wir nie eine Wahl gewinnen“, sagte Otto.

Auch der grüne Ex-Stadtrat Dirk Jordan aus Kreuzberg warb dafür, nur den Senatsentwurf abzulehnen, die Initiative aber nicht zu unterstützen. Man könne kein Ja empfehlen für einen Entwurf, den man nicht wolle. „Ich bin für Klarheit, aber vor allem für Wahrheit“, sagte Jordan.

Zum Ausgleich sprang schnell noch die Fraktionsvorsitzende Ramona Pop zum Rednerpult und sprach von einer „schwierigen Entscheidung“. Ein dritter Weg sei am ehesten mit einem Ja zu erreichen. Man brauche mehr Ja-Stimmen als der Senat. Die Delegierten entschieden sich am Ende für Klarheit.