Friedrichshain-Kreuzberg hat bereits mehr als 18 Spielstraßen in Berlin eingerichtet. Freiwillige betreuen sie. 
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BerlinCorona diktiert zurzeit Silke Gebels Leben, wie das aller Eltern in Berlin. Die Grünen-Fraktionschefin stemmt mit ihrem Mann die Betreuung für drei Kinder und arbeitet aus dem Homeoffice. Pressetelefonate beantwortet sie auch beim Baden der Kinder. Die Krise hat den Höhenflug der Grünen gestoppt: Sie haben in den letzten Umfragen an Zustimmung verloren, SPD und CDU hingegen legen zu. Wir treffen uns zum Interview in Gebels Kiez, auf der Außenterrasse des Restaurant Nola’s im Weinbergspark in Mitte, um über die Gefahren, aber auch die Möglichkeiten zu sprechen, die Corona für die Grünen und Berlin birgt.

Pop-up-Fahrradwege und temporäre Spielstraßen: Berlin macht in der Krise international Schlagzeilen mit grüner Verkehrspolitik – aber mit grüner Verkehrspolitik des Bezirks Friedrichshain-Kreuzbergs. Was wollen Sie davon auf Landesebene?

Die neuen Radwege kommen jetzt in ganz Berlin. Auch die temporären Spielstraßen wünsche ich mir für die ganze Stadt. Sie sind in der Corona-Krise besonders wichtig, da viele Familien kaum Orte haben, wo die Kinder draußen spielen können. Wenn Spielplätze überlaufen sind, schaffen die Spielstraßen zusätzlichen Raum. Deshalb freut es mich, dass immer mehr Bezirke wie Neukölln und Treptow-Köpenick nachziehen. Ich erwarte, dass es im Sommer in allen Bezirken solche Spielstraßen gibt.

Haben Sie als Grüne in der Regierung keinen Hebel für das ganze Land?

Die Zuständigkeit liegt auf Bezirksebene. Wir bereiten dennoch als Fraktion gerade einen Antrag vor, damit die Umsetzung schneller gelingt. Aber die Idee der temporären Spielstraßen lebt davon, dass sich Leute aus der Nachbarschaft bereit erklären, das gemeinsam zu organisieren. Das kann man nicht von oben diktieren.

Zur Person

Silke Gebel, 36 Jahre alt, ist seit 2016 Fraktionsvorsitzende der Berliner Grünen. Sie leitet die Fraktion gemeinsam mit Antje Kapek, sie bilden die einzige weibliche Doppelspitze. Seit 2003 ist Gebel Mitglied bei den Grünen, seit 2013 sitzt sie im Abgeordnetenhaus. Gebel ist in Koblenz aufgewachsen und hat Verwaltungswissenschaften studiert, seit 2005 lebt sie in Berlin. Sie ist verheiratet, hat drei Kinder – ein, fünf und sieben Jahre alt – und wohnt in Mitte.

Die Umsetzung solcher Projekte gelingt gerade auch, weil sehr wenig Verkehr herrscht – und sich wenige Autofahrer aufregen.

Das stimmt. Zeit erkannt, Stunde genutzt.

Was ist nach der Krise, wenn der Verkehr wieder steigt? Sollen die Spielstraßen bleiben?

Mein Lieblingsbeispiel: New York wollte den Broadway für Autos sperren – und alle haben gesagt: Ihr seid ja irre. Dann haben sie es gemacht – und niemand wollte mehr zurück. Kinder sind die verletzlichsten Menschen im Straßenverkehr. Ich bin sicher: Wenn die Berliner sehen, wie sie sich den Raum erobern, wie lebendig ein Kiez wird, dann wollen sie, dass die Spielstraßen bleiben.

Trotz dieser werbewirksamen Beispiele haben die Grünen in den Umfragen für Berlin zwei Prozent verloren. Sie wurden als stärkste Kraft abgelöst von Kai Wegners CDU. Wie sehr blutet Ihnen da als Grünen-Fraktionsvorsitzende das Herz?

Da bleibe ich entspannt. Wir hängen alle am Bundestrend. Und da profitiert die Berliner CDU einzig vom Merkel-Effekt. Wenn sich hier in Berlin der Wegner-Effekt einstellt, reden wir wieder über andere Zahlen. Aber ernsthaft: Die Zufriedenheit mit dem Krisenmanagement von Rot-Rot-Grün steigt. Wir machen unsere Politik nicht von Umfragen abhängig, sondern wollen mit Konzepten überzeugen.

Aber Klima und Umwelt sind gerade total aus dem Fokus geraten, auch Fridays for Future darf ja nicht mehr protestieren. Wie wollen Sie die Aufmerksamkeit der Menschen wieder für Ihre Themen fangen?

Das stimmt so nicht. Umfragen beweisen, dass die Klimakrise Menschen genauso beunruhigt wie Corona. Die Corona-Krise zeigt: Die Gesellschaft ist in der Lage, auf die Wissenschaft zu hören. Ich wünsche mir, dass wir das ebenso beim Thema Klima tun. Und auch wenn Fridays for Future derzeit nur eingeschränkt demonstrieren kann: Die Klimakrise bleibt! Wir erleben gerade im dritten Jahr in Folge eine Dürreperiode. Die Bäume sterben, es wird heißer. Ich denke, die Berlinerinnen und Berliner werden nach diesem Sommer erkennen: Es muss sich etwas ändern.

Der Senat hat angekündigt, dass bis zum Sommer alle Kinder wieder in Kitas und Schulen sein sollen. Irgendwie. Aber Forderungen werden lauter, Kitas und Schulen schneller wieder komplett zu öffnen. Auch Familienministerin Franziska Giffey (SPD) erwägt das. Ist Berlin zu zögerlich?

Da schlagen mehrere Herzen in meiner Brust. Als Mutter weiß ich natürlich, wie sehr Kinder darunter leiden, nicht in Kita und Schule zu dürfen. Aber ich denke, wir müssen bis zur Sommerpause den eingeschlagenen Weg gehen. Dann erwarte ich aber ein Konzept, wie spätestens nach den Sommerferien alle Kinder und Jugendlichen mindestens während der Kernarbeitszeiten wieder Kitas und Schulen besuchen können.

Wie sollen berufstätige Eltern diese Zeit bewältigen?

Ich sehe zwei Szenarien nach den Sommerferien: Entweder gibt es dann Forschungsergebnisse, die beweisen, dass Kinder unter 10 Jahren nur eine geringe Rolle für das Infektionsgeschehen spielen – oder dass es sich durch die Teststrategie zumindest gut in den Griff kriegen lässt. Dann können Schulen und Kitas zum Vor-Corona-Betrieb zurückkehren. Wenn sich diese Hoffnung aber zerschlägt, brauchen wir dringend ein Konzept, wie wir trotzdem zu mehr Schul- und Kitaalltag kommen. Für diese beiden Szenarien muss die Bildungsverwaltung jetzt Fahrpläne vorlegen.

Die Kritik an der Arbeit der Bildungsverwaltung unter Sandra Scheeres (SPD) ist groß, auch bei den Grünen. Was muss die Verwaltung liefern?

Es geht nicht um Kritik, wir unterstützen Sandra Scheeres seit Wochen bei allen anstehenden Entscheidungen. Aber wir brauchen trotzdem ein Einschulungskonzept für das nächste Schuljahr, und zwar noch diesen Monat. Die Einschulungsuntersuchungen sind ja seit März ausgefallen. Wir wissen zum Teil nicht einmal, welche Kinder überhaupt schulreif sind. Die Einschulung ist einer der einschneidendsten Schritte in diesem Alter. Wenn die Kinder in die Schule kommen, dann brauchen sie eine Gruppe, in der sie sich wohlfühlen. Da für Sicherheit zu sorgen, für Kinder und Eltern, ist extrem wichtig.

Viele Eltern, die im Homeoffice arbeiten und Kinder betreuen, fordern mehr Unterstützung, um ihre Arbeitszeit reduzieren zu können. Unterstützen Sie das Corona-Elterngeld?

Absolut. Wer glaubt, dass Kinderbetreuung, Homeschooling und Homeoffice zusammengehen, den lade ich gern zu mir zum Praktikum ein. Ich sage Ihnen: Das ist ein modernes Märchen. Dass es Lohnersatz aktuell nur gibt, wenn der Arbeitgeber Homeoffice nicht erlaubt, ist ein Unding. Ich erwarte vom Bund, dass da nachgeliefert wird. Da kann unsere Familienministerin Frau Dr. Giffey beweisen, was sie für ein Familien- und Frauenbild hat.