BerlinBernd Müller gehört zu den wenigen Berliner Ureinwohnern. Er ist geboren und aufgewachsen im alten Nikolaiviertel. 50 Jahre arbeitete er in Ostberlin als Schornsteinfeger: „Ruß, Asche, Gase und Staub jeschluckt und trotzdem über 88 Jahre alt“, sagt er über sich selbst und seinen „schönen, schmutzigen, gefährlichen und schweren Beruf“. Heute sieht man die Männer in schwarzer Kluft mit Eisenkugel und Kehrbesen nur selten. Am Knopf der Schornsteinfegeruniform zu drehen, bringe Glück - sagte man. Schornsteinfegermännlein tauchen nach wie vor als Glücksbringer in der Silvesterdekoration auf. Seit Bernd Müller nicht mehr auf den Berliner Dächern herumklettern kann, hat er sich aufs Schreiben verlegt: „Damit nich allet vajessen wird, habe ick ville uffgeschrieben. Wenns jefällt, ist jut. Wenn nich, is och jut und deshalb keene Feindschaft nich!“ Hier sein Text. (Maritta Tkalec)

Zu meiner Zeit wurde fast nur mit Kohlen geheizt, egal ob Kraftwerke, Lokomotiven, Dampfer, Fabriken, gewerbliche Betriebe oder der Waschkessel auf dem Dachboden, die Kachelkochherde in den Küchen, die Badeöfen in den Badezimmern, in Brauereien die Malzdarren, in Bäckereien die Backöfen, in der Industrie die Flammrohr- oder Siederohrkessel, die großen Wohn- oder Industriekomplexe oder Krankenhäuser mit Batterien von Zentralheizungskesseln oder Haushalte mit privaten Heizungsanlagen. Es qualmte und stank, rußte und staubte überall. Kein Mensch regte sich darüber auf, es war eben so – aus und fertig. Egal ob im Erzgebirge, in Bitterfeld, Rüdersdorf oder im Ruhrgebiet.

Es ist absehbar, wann die letzte mit Kohlen beheizte Feuerstätte verschwindet. Heute ist der Schornsteinfeger in erster Linie Umweltschützer, Messtechniker und Energieberater. Nach Aussagen von Wissenschaftlern kommt 2020 noch die Hälfte aller Emissionen aus Haus und Haushalten. Da es kaum noch Feuerstätten für feste Brennstoffe gibt, werden Schornsteinbrände statistisch nicht mehr erfasst.

Als die Schlote rauchten

In den 1950er-Jahren waren im VEB Fleischwaren in Weißensee zum Beispiel noch Holzschornsteine zugelassen, obwohl die seit der Feuerordnung vom 15. Juli 1672 in Berlin verboten sind. Die besagten Schornsteine gehörten zu Kalträucherkammern, die im Erdgeschoss und im 1. Obergeschoss standen. Die Decke zum ersten Obergeschoss bestand aus Gitterstäben. Hier sollte der Rauch durchziehen, um die in Eisenkäfigen eingehängte Fleischware zu räuchern. Die Wände bestanden aus Mauerwerk, und das Dach war aus Beton. Was sollte schon passieren? Hätte man die Räucherkammern stillgelegt, wäre es zu einem Engpass in der Belieferung der Bevölkerung mit Räucherwaren gekommen. Ging also nicht. Bei einem Räucherkammerbrand wären dann eben auch die Holzschornsteine auf dem Dach mit abgebrannt – hätte auch keine Rolle mehr gespielt.

Foto:  Sammlung Bernd Müller
Es war einmal: Bernd Müller als Schornsteinfegermeister in Aktion auf einem Dach in Mahlsdorf.

Andererseits: Wie freuten wir uns im Mai 1945, als die ersten rauchenden Fabrikschlote ihre Fahnen in den Wind pusteten; sie bedeuteten Arbeit und Linderung der Not. Vom Abschmelzen der Pole oder Auftauen der Kältesteppen in der Tundra hörte man damals nichts, obwohl dichter Qualm und Aschewolken über den Planeten zogen. (Der Zementstaub aus Rüdersdorf war noch an der Ostsee nachweisbar.)

Aber nun zu meiner Arbeit als Schornsteinfeger: Vorbei, vorbei. Vorbei die stundenlange, schwere Arbeit auf steilen Dächern mit verfaulter oder fehlender Laufbohlenanlage, bei Wind und Wetter, Hitze und Kälte, niedrigem Lohn, auf hohen, schwankenden, rußenden, heiße Abgase ausstoßenden Schornsteinen, die alle ohne Schutzanlagen bestiegen wurden. Gesundheits- und Arbeitsschutz? Ein Märchen. Handschuhe? Fehlanzeige. Sicherheitsgurte, Schutzhelm, Staubmaske? Unbekannt. Eine Windel war unser Atemschutz. Gleitfeste Arbeitsschuhe gab es auch nicht. Mit einer bis zu 30 Meter langen Leine, Kehrapparat und Kugel galt es, täglich etwa 200 bis 250 Schornsteine zu reinigen.

Nur die Harten blieben dabei

Trotzdem haben wir Schornsteinfeger es geschafft, den Gesundheits- und Brandschutz zu sichern und die Bevölkerung vor Gefahren durch schadhafte Feuerstätten und Schornsteine zu schützen. Bei den meisten Facharbeitern war im Alter von 45 Jahren „die Luft raus“, sie wechselten die Arbeit. Von den „Jungfacharbeitern“ hielten maximal 50 Prozent durch; nur die „Harten“ blieben im erlernten Beruf.

Wie heizte man früher? Es begann mit dem Holzfällen im Wald, später gab es Braunkohlenbriketts, die der Kohlenhändler entweder in den Keller oder einfach auf den Bürgersteig kippte. Die Briketts wurden im Keller gestapelt und bei Bedarf bis vier Treppen hoch getragen. Ging es in die Waschküche, dann auch bis ins fünfte Geschoss. Dort, im Dachgeschoss, konnte man die nasse Wäsche gleich auf dem Boden zum Trocknen aufhängen. Bevor man Feuer unter dem Waschkessel machte, war die alte Asche zu entsorgen. Die durfte man nicht in alten Marmeladenpappeimern wegtragen.

Im Keller wurde öfter mit Kerzen hantiert, was verboten war. Der Paragraf 368 im Strafgesetzbuch lautete: „Wer Keller oder Böden mit offenem Feuer oder Licht betritt, wird mit 150 Mark Geldstrafe oder 14 Tagen Haft bestraft.“ Verboten war es auch, das Feuer mit einem Fidibus (gefaltetes Zeitungspapier) zu entzünden oder glühende Kohle auf einer Schaufel von einer Feuerstätte zur anderen zu tragen. Funken sind bei Tageslicht schlecht sichtbar. In der DDR war die gesetzliche Feuerstättenschau alle fünf Jahre durch den Schornsteinfegermeister kostenfrei durchzuführen. Jetzt geschieht das kostenpflichtig alle dreieinhalb Jahre.

Im Jahr 2020 - ein Berliner Schornsteinfeger auf einem Schornstein mit Sicherheitsgitter. Foto: Imago Images/Christian Ditsch
Schornsteinfegersprüche

Alltag: Ich habe Kunden „bekehrt“, musste arbeiten, bis ich „schwarz“ wurde, habe mein Geld mit dem (Kehr-)Besen zusammengefegt, konnte keiner Hausfrau etwas „weiß“ machen und stieg allen meinen Kunden „aufs Dach“. 

Zunft: Wenn sich Bäcker und Schornsteinfeger streiten – wer bekommt Recht? Der Bäcker, denn er kann es schwarz auf weiß beweisen.

Tod: Was steht auf dem Grabstein vom Schornsteinfeger? Er „kehrt“ nie wieder.

Weißheit: Was ist, wenn ein Schornsteinfeger in den Schnee fällt? Antwort: Winter.

Wollte die Großmutter im Back- und Bratofen des Kachelkochherds den Sonntagsnapfkuchen backen, waren Kohlen aus dem Keller zu holen, der Backofen mit Kleinholz und Kohlen anzuheizen, der Teig in der Kuchenform reinzustellen. Auch die Weihnachtsgans wurde im Ofen gebraten.

Früher wurde länger und härter gearbeitet - 48-Stunden-Woche, zuzüglich Überstunden, am Anfang zwölf Tage Urlaub, später 14. Die Hälfte des Einkommens wurde für Lebensmittel benötigt, heute braucht man noch 20 Prozent. Auslandsurlaub konnte ich mir nicht leisten. Eine 14-tägige Reise zur Ostsee war eine liebe und lange Erinnerung. Ich kannte keine Frau, die mehr als drei Paar Schuhe im Regal hatte. Kleidung und Möbel waren im Verhältnis zu Arbeitszeit und Verdienst billiger: Ein Liter Bier entsprach früher einer Stunde Arbeitszeit, eine Tafel Schokolade Hildebrand zwei Stunden Arbeitszeit, ein einfacher Holzküchenstuhl zwölf Stunden.

Die Menschen waren eher verbraucht und hatten eine geringere Lebenserwartung als heute. Nach meiner Meinung waren sie anspruchsloser und sparsamer. Theodor Fontane sagte: „Eine Griessuppe, eine Schlafstätte und keine körperlichen Schmerzen, das ist schon sehr viel.“

Heute gibt es Gas und bis 2026 noch Öl - die Epoche des Heizens mit fossilen Brennstoffen geht rapide dem Ende entgegen. Um die Zeugen dieser Zeit zu bewahren, habe ich zirka 700 alte Feuerstätten vom Jahr 1580 an gesammelt – und nicht nur die, sondern auch Kohle-, Ruß- und Aschesorten, ferner Schornsteine aus Holz, Stein, Beton, Krögalith, Gipskarton und Metall. Volksgut wird meist dann entdeckt, wenn es schon fast verschwunden ist. Wer sammelt schon alte Öfen, Kamin- und Takenplatten, Kochherde, Waschkessel, Leimöfen, zentnerschwere Heizungskessel mit Schlackezangen, Kohlekarren, Schürstangen, Räucherkammern, Badeöfen? Muss doch ein Bekloppter sein, der sein ganzes Vermögen für Schrott ausgibt. Aber wir Bekloppten sind das Salz der Erde!

In Berlin hatte leider niemand Interesse, die Sammlung kostenlos zu übernehmen. In Sachsen, im Bergbaumuseum in Knappenrode, wurde sie dankbar angenommen.

Bernd Müllers Bücher: „Zukunft ist ohne Vergangenheit nicht möglich“, 2015, Berlin Story Verlag, und „Der Mythos vom Feuer und die Geschichte des Schornsteinfegers“, 2020, Eigenverlag