Eine Schöneberger Grundschulleiterin zieht die Schülerlotsen ab, weil sich Autofahrer draußen vor der Schule das Leben der Kinder gefährden. Im konkreten Fall ist ein Autofahrer an einem Morgen kurz vor Weihnachten offenbar ohne seinen Fuß vom Gaspedal zu nehmen zwischen zwei mit gelber Warnweste gekleideten Schülerlotsen hindurchgefahren, obwohl diese ihn bereits mit erhobener roter Kelle zum Halten aufgefordert hatten.

Zum Glück hätten gerade keine Schüler die Straße überquert, sagte Sabine Schirop, Leiterin der Werbellinsee-Grundschule. „Ich muss vor allem an die Sicherheit der Schüler denken, die jeden Morgen auf der Kreuzung stehen und diesen Gefährdungen ausgesetzt sind.“ Die Polizei bestätigte am Freitag, dass ein Auto- und ein Radfahrer sich im Dezember in der Luitpoldstraße durch die Schülerlotsen hindurchgeschlängelt hätten, ohne auf Haltezeichen zu achten. In beiden Fällen ermittele man wegen Nötigung.

Anzeige gegen Autofahrer

Aus Sicht der Bildungsverwaltung ist es ein bisher beispielloser Vorgang, dass Schülerlotsen wegen mangelnder Verkehrssicherheit komplett ihren Dienst einstellen. Allerdings gibt es an vielen Schulen Probleme mit Rasern sowie mit Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen und dabei die Schülerlotsen bedrängen. „Es gibt immer wieder Klagen“, bestätigte Thorsten Metter, Sprecher der Bildungsverwaltung. Ein Lotse sei aber noch nie zu Schaden gekommen.

Mehr als 1000 Schülerlotsen sind in Berlin derzeit morgens im Einsatz. Den Schülerlotsendienst gibt es bereits seit 1953. In der Regel sind es heutzutage Fünft- und Sechstklässler, die zuvor eine gut zweiwöchige Theorie- und Praxisausbildung bei den Verkehrssicherheitsberatern der Polizei absolviert haben. Sechstklässlerin Nuria steht nun jeden Dienstag mit einer weiteren Schülerlotsin vor der Grundschule am Arkonaplatz. „Wir rufen beide ’frei’, dann heben wir die Kelle und gehen auf die Straße“, erzählt sie. Derart flankiert können die meist jüngeren Mitschüler an dieser Stelle die Straße überqueren. „Das macht mir Spaß, weil das eine wichtige Aufgabe ist“, sagt Nuria. Einmal ist auch sie schon in eine brenzlige Situation gekommen. „Da hat ein Auto den Rückwärtsgang eingelegt und mich beinahe angefahren.“

Auch an vielen anderen Schulen hat man Erfahrung mit rücksichtlosen Autofahrern gemacht – zum Beispiel an der Adolf-Glaßbrenner-Grundschule in Kreuzberg. Schon vor ein paar Jahren hatte die damalige Schulleiterin einen Autofahrer angezeigt, der zu dicht an den Lotsen vorbeigefahren sei. Die Gesamtelternvertretung hatte in Rundschreiben das morgendliche Verkehrschaos vor der Schule kritisiert. Eltern würde in der zweiten Reihe parken und Schülerlotsen die Sicht auf die Straße nehmen. Heutzutage übergeben die Lotsen den Falschparkern kleine „Strafzettel“, berichtet Schulleiter Peter Rahrbach.

In dem Schreiben werden die Autofahrer darum gebeten, ordentlich zu parken – und nicht etwa in der Feuerwehrzufahrt. Um überhaupt Schülerlotse zu werden, müsse ein Schüler sich freiwillig melden und natürlich sollten die Eltern zustimmen. „Er muss zudem pädagogisch geeignet, also zuverlässig sein“, sagte Rahrbach. An der Kreuzberger Reinhardswald-Grundschule richtete der Bezirk nun berlinweit einmalig sogar zwei „Elternhaltestellen“ ein . Dafür wurden eigens Schilder montiert. An gut zehn Parkplätzen stoppen Eltern nun zwischen sieben und neun Uhr morgens und lassen ihre Kinder dort aus dem Auto. „So nach dem Motto Kiss and go!“, sagt Erzieher Axel Clemens.

Die Parkplätze sind nicht direkt am Schultor, so dass die Kinder noch gut 100 Meter durch die frische Luf laufen. Auch hier sind die „Elterntaxen“ als Problem bekannt. Inzwischen kämen aber die meisten Schüler mit Fahrrad, Roller oder zu Fuß. „Vor allem Eltern, die weiter weg wohnen, bringen ihre Kinder mit dem Auto“, berichtet der Erzieher. Ein Kind könne generell schon ab der zweiten Hälfte des ersten Schuljahres zu Fuß zur Schule gehen, wenn der Weg vorher mit den Eltern eingeübt worden sei.

CDU-Politiker kommen vor Ort

Nach Angaben der Unfallkasse Berlin verunglückten im Jahr 1822 Schüler im Straßenverkehr – bei etwa 300.000 Schülern an allgemein bildenden Schulen. Nähere Aufschlüsselungen konnte die Unfallkasse, die bei sämtlichen Unfällen in der Schule oder auf dem Schulweg einspringt, auf Anfrage zunächst nicht machen.

Das Thema Verkehrssicherheit auf dem Schulweg ist auf jeden Fall zurück auf der politischen Tagesordnung. CDU-Fraktionschef Florian Graf und sein Parteifreund Burkard Dregger wollen sich die Situation an der Werbellinsee-Grundschule am Montagmorgen ab 7.30 Uhr persönlich anschauen. Aus dem Hause von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hieß es, man müsse die Einrichtung eines Zebrastreifens dort prüfen.