Wie übereilt eingeführte Reformen den Schulen Schaden zufügen, wird im Falle des Jahrgangsübergreifenden Lernens besonders deutlich. Die Bildungsverwaltung hatte JüL – wie es allgemein genannt wird – im Jahr 2005 verpflichtend für alle Schulen eingeführt. Gleichzeitig wurden die umstrittene Früheinschulung ab fünfeinhalb Jahren etabliert und die Vorklassen abgeschafft.

Erst- und Zweitklässer, nicht selten auch Drittklässler wurden nun weitgehend gemeinsam unterrichtet, die älteren Schüler sollten den jüngeren beim Lernen helfen und dabei selbst angelerntes Wissen vertiefen. Die Schüler sollten in der Freiarbeit mit ihren Arbeitsbögen selbstbestimmt umgehen. Sitzenbleiben war abgeschafft, jetzt hieß es, die Schüler verweilen. JüL galt der Verwaltung nach dem Pisa-Schock als Allheilmittel, auf eine Lehrerfortbildung verzichtet man weitgehend, auch die ursprünglich zugesagte Personalausstattung kam nicht zustande.

JüL an Brennpunkt Schulen unangemessen

Der JüL-Zwang unter solchen Bedingungen sorgte für Unmut. Der damalige Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) erlaubt es den Schulen vor bald drei Jahren wieder, auf JüL zu verzichten. Gesetzlich gilt es in Berlin weiter als Regelform. Doch die Wirklichkeit sieht mittlerweile anders aus.

Nach der neuesten Statistik der Bildungsverwaltung bieten nur noch 152 von knapp über 370 Schulen zu Beginn ausschließlich JüL an, 137 Schulen sind inzwischen zum jahrgangsbezogenen Lernen (JabL) zurückgekehrt, unterrichten also in herkömmlichen Jahrgangsklassen. In Neukölln, Lichtenberg, Pankow und Reinickendorf ist das bereits die Mehrheit, obwohl jede Schule dadurch etwa eine halbe Lehrerstelle verliert. 89 Schulen bieten zudem Mischformen an. So wie die Jeanne-Barez-Grundschule in Französisch Buchholz. Doch auch dort hadern Lehrer und Erzieher, berichtet Schulleiter Thomas Emrich. „Die Pädagogen müssen sich für JüL besonders gut vorbereiten, doch die Effekte etwa bei den Vergleichsarbeiten in der 3.Klasse sind kaum zu merken“, sagt Emrich, eigentlich ein JüL-Fan. Leider gelinge es oft nicht, dass zwei Pädagogen zugleich in einer JüL-Klasse seien.

In den Schulen wird um die Fortführung von JüL teils heftig gestritten. Mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit kann die Abkehr von JüL beschlossen werden. Inge Hirschmann vom Grundschulverband bedauert die Entwicklung. „Der Umgang mit einer vielfältigen Schülerschaft wird immer wichtiger“, mahnt sie und erkennt dennoch drei Gründe, wieso viele Schulen sich von JüL abwenden. An Brennpunkt-Schulen, wo viele Schüler Rechtschreib- und Rechenprobleme hätten, hielten Lehrer JüL für unangemessen, weil es auf selbstständig arbeitende Schüler setze. „Oft fehlen an Schulen auch Räume, um auch kleinere Lerngruppen zu bilden“, sagt Hirschmann, Leiterin der Kreuzberger Zille-Grundschule. Obendrein sei JüL für Lehrer besonders arbeitsintensiv. „JüL befindet sich auf geordnetem Rückzug“, sagt Hirschmann. Zum kommenden Schuljahr sollen aber nicht mehr so viele weitere Schulen die Abkehr von JüL beschlossen haben, betonte die Verwaltung.