Die Schülerzahlen steigen, die Gebäudesubstanz vieler Schulgebäude aber verschlechtert sich zusehends. Nun hat die Bildungsverwaltung offiziell eingeräumt, dass Grundschüler mitunter enger zusammenrücken müssen. Und das, obwohl das jahrgangsübergreifende Lernen und der gemeinsame Unterricht mit behinderten Kindern sogar zusätzliche Räume für kleinere Lerngruppen nötig machen.

Nun aber führt die Bildungsverwaltung interessante Rechenspiele vor: Bisher ist es offiziell so, dass ein neues Schulgebäude mit offenem Ganztagsbetrieb für einen Klassenzug, also von 1a bis 6a, statistisch 11,5 Räume zur Verfügung haben sollte. Die Horträume sind da schon mit eingerechnet. So ist es im sogenannten Musterraumprogramm für die Berliner Schulen festgelegt. Und nur dann werden Schulneubauten überhaupt genehmigt.

Nun teilte die Verwaltung aber den für Schulbauten zuständigen Bezirken folgendes mit: „Sofern aufgrund steigender Schülerzahlen Räume benötigt werden, könnte unter Berücksichtigung der konkreten Gebäudesituation, der Teilnahmezahlen am Ganztagsbetrieb und weiterer Gründe unterhalb des Faktors 11,5 Räume pro Zug organisiert werden.“ Mit weniger schulbürokratischen Worten ausgedrückt: Da können mal schnell ein, zwei Räume wegfallen.

Das ist auch schon passiert. Zum Beispiel im Märkischen Viertel, wie Andrea Schwarz, Vorsitzende des Reinickendorfer Bezirkselternausschusses, vorrechnete. Dort wurden die Grundschulen angehalten, mehr Schüler aufzunehmen. Insbesondere der frankophile Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) machte Druck: Er wollte verhindern, dass die dortige deutsch-französische Europaschule, die Märkische Grundschule, an den Stadtrand nach Heiligensee umziehen muss – weil diese Schulplätze für die im Märkischen Viertel wohnenden Schüler gebraucht werden.

Schüler aus ganz Berlin

An einer staatlichen Europaschule, wo Kinder zweisprachig unterrichtet werden, entscheidet nicht die Wohnortnähe, sondern die Fremdsprachenkenntnisse über die Aufnahme. Die Schüler kommen aus ganz Berlin. Deshalb stehen Europaschulzweige generell unter einem besonderen Druck. Denn die bezirklichen Schulplaner möchten zunächst die Schüler aus dem Einzugsbereich wohnortnah versorgt wissen.

Im Märkischen Viertel rechnete die Bildungsverwaltung kurzerhand vor, dass 10,5 Räume pro Klassenzug ausreichen und angeblich nur 85 Prozent der Schüler aus dem Stadtteil tatsächlich an den dortigen Schulen ankommen werden. In der Regel hat ein Grundschüler bisher Anspruch auf einen 65 Quadratmeter großen Klassenraum, bei in der Regel etwa 24 Schülern, also gut 2,7 Quadratmeter pro Kind. „Doch nun wird es eng in unseren Schulen“, sagt die Reinickendorfer Schulstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU). „Und für Neubauten gibt es kein Geld.“

Im kinderreichen Bezirk Pankow sind die Grundschulen jetzt schon mit Schülern überbelegt. Hier wie überall in Berlin kommen nun billige Containerbauten zum Einsatz, um zusätzliche Plätze zu schaffen. In Lichtenberg haben Grundschüler schon heute rechnerisch am wenigsten Platz. Ab dem Schuljahr 2014/15 wird es berlinweit einen Anstieg der Schülerzahlen geben. Lieselotte Stockhausen-Doering, neue Vorsitzende des Landeselternausschusses, warnt bereits vor „Käfighaltung von Schülern“. Denn nach den jüngsten Bevölkerungsprognosen soll die Schülerzahl bis 2030 um 64.000 Schüler wachsen.

Proteste gibt es auch an der Quentin-Blake-Grundschule, einer deutsch-englischen Europaschule in Zehlendorf. In dem Schulgebäude soll noch der Regelschulzweig der benachbarten Biesalski-Schule untergebracht werden, wodurch in den nächsten Jahren gut 150 Schüler hinzukämen. 2500 Unterschriften gegen diese Planungen sammelten die Eltern. Sie sehen das anspruchsvolle Konzept der Europaschule gefährdet.

An der Grundschule am Arkonaplatz in Alt-Mitte konnte eine Auslagerung des deutsch-französischen Europaschulzuges nach Schöneberg zur Jahreswende gerade noch abgewendet werden. Auch die Arkonaplatz-Schule ist rechnerisch überbelegt, das Hortangebot findet deshalb auch auf dem Schulflur statt.

Die Bildungsverwaltung betonte am Mittwoch, dass das Musterraumprogramm nur für Neubauten gelte, nicht aber für bereits bestehende ältere Schulgebäude. „Für Bestandsgebäude müssen Entscheidungen immer auf den konkreten Fall bezogen werden“, sagte Sprecherin Beate Stoffers.