Berlin - Viele angehende Grundschulpädagogen an der Freien Universität (FU) sind erbost. Denn fast 40 Prozent von ihnen sind durch eine Klausur im Pflichtbereich Mathematik gefallen, auf die sie sich mit großem Zeitaufwand vorbereitet haben. „40 von 108 Studierenden haben die Mindestpunktzahl nicht erreicht“, heißt es in einem offenen Brief der Studierenden. 90 Minuten seien viel zu wenig Zeit gewesen, außerdem seien andere Aufgaben abgefragt worden als angekündigt.

Betroffene denken über Studienabbruch nach

„Hätte die Dozentin nicht im Nachgang eine Aufgabe komplett gestrichen, wären sogar 80 von 108 Studierenden durchgefallen“, sagte Studentin Neele R., eine der Betroffenen, der Berliner Zeitung. Einige Studierende würden jetzt darüber nachdenken, das Studium abzubrechen.

Der Vorgang ist besonders heikel, weil in Berlin Grundschullehrer dringend gesucht werden – und das auch in den kommenden Jahren so bleiben wird.

Bereits jetzt kommen an den Grundschulen verstärkt Quereinsteiger, pensionierte Lehrer oder Studienräte zum Einsatz, die eigentlich für das Gymnasium ausgebildet worden sind. Gerade erst wurde die Anzahl der Studienplätze für das Grundschullehramt deutlich aufgestockt. In der Senatsbildungsverwaltung sieht man Klärungsbedarf. „Wir haben die FU aufgefordert, uns die Klausur zukommen zu lassen und werden uns das genau anschauen“, sagte Sprecher Ilja Koschembar am Donnerstag.

Deutsch und Mathe sind Pflicht

Die Klausur, die nach der grundlegenden Änderung des Lehrkräftebildungsgesetzes 2014 nun erstmals geschrieben wurde, fand im 4. Semester des Bachelorstudiums statt. Zwei Semester hatten sich die Studierenden darauf vorbereitet, nahezu wöchentlich Übungszettel mit Mathe-Aufgaben bearbeitet. Das alles geschah im Rahmen des Moduls „Mathematisches Professionswissen 1 + 2“. Aufgrund des neuen Lehrerbildungsgesetzes müssen alle angehenden Grundschulpädagogen seit dem Wintersemester 2015/16 innerhalb ihres Studiums zwingend Deutsch und Mathematik studieren. So soll der Grundschulunterricht in diesen Kernfächern besser werden.

Studentin Neele R. und andere Studierende sagen indes, dass die mathematischen Anforderungen für angehende Grundschullehrer deutlich zu hoch seien. „Gerade in Hinblick auf Arbeitsaufwand und Schweregrad.“ Der Stoff, der in dem Modul behandelt werde, komme in den Grundschule so gut wie gar nicht vor.

Von den Dozenten sei auch gesagt worden, dass man hier aussieben wolle, berichten Studierende. Leider habe man mit der Dozentin keine Einigung erzielen können. Studentin Neele R. betont, dass durch einen Fehler in der Studienordnung noch einmal mehr Zeit als ohnehin üblich für das Mathe-Modul vorgesehen war. „In dem gesamten Jahr hatten wir das Gefühl, wir opfern unser komplettes Leben nur für Mathe auf“, sagte sie. Dabei sei ihnen vollkommen klar, dass man Mathematik so durchdrungen haben müsse, dass man es Grundschülern vermitteln kann.

FU kündigt Evaluierung an

Auch die FU-Spitze gab sich am Donnerstag konziliant. Die Prüfung sei erstmals durchgeführt worden. „Der Veranstaltungszyklus wird im Anschluss regulär evaluiert“, teilte Goran Krstin, Sprecher des FU-Präsidenten Peter-André Alt, mit. Selbstverständlich würden hierbei auch Hinweise und Kritik der Studierenden berücksichtigt, um den Studiengang weiter zu verbessern.

„Bereits im Sommersemester haben sich Prüfungsausschuss und Ausbildungskommission mit den Hinweisen befasst“, sagte Krstin. Das alles werde auch in die anstehende Überarbeitung der Studienordnung einfließen. Die angehenden Grundschulpädagogen verweisen hingegen darauf, dass die Durchfaller-Quote an der Universität Potsdam nicht wie an der FU bei 40 Prozent, sondern lediglich bei 20 Prozent gelegen habe.

Nun ist das ja in Berlin immer so eine Sache: Gerade beklagten sich Lehrer, dass die diesjährige Abiturprüfung in Mathe viel zu simpel gewesen sei, nun monieren angehende Lehrer, ihre Prüfung sei viel zu schwer.

Allerdings schlagen die Grundschulpädagogen nun akut eine Lösung vor. „Die Prüfungsleistung der Klausur soll durch die bereits erfolgte Abgabe der wöchentlichen Übungszettel ersetzt werden.“ Ansonsten drohen sie der FU, die umstrittene Klausur juristisch anzufechten.