Berlin - Die 700 geladenen Gäste mussten am Freitag über eine Metalltreppe tief hinabsteigen, um dabei zu sein, wenn die Investoren in 17 Metern Tiefe den Grundstein legen für das größte private Bauvorhaben, das es zurzeit in der Hauptstadt gibt. Mit den Ausgaben dreier Tageszeitungen, darunter die Berliner Zeitung, den Grundrissen des künftigen Gebäudes und einem kompletten Satz Euro-Münzen wurde die Schatulle im Beton versenkt.

500 Millionen Euro investiert der Unternehmer Harald G. Huth (Gropiuspassagen, Das Schloss) in sein Projekt Leipziger Platz 12. Ein neues Stadtquartier wird dort bis 2014 entstehen, mit einem großen Einkaufszentrum, Wohnungen, Hotels, Büros sowie einer Tiefgarage mit Platz für 1000 Autos. „Was wie hier erleben, ist nichts Alltägliches“, sagte Michael Müller (SPD), Berlins Senator für Stadtentwicklung. So viel Geld für ein neues Stadtquartier auszugeben, das sei eine „herausragende Investition.“ Zwar werden die 270 Wohnungen, die dort entstehen, „keine mietpreisdämpfende Wirkung haben“, sagte Müller, „aber jede neue Wohnung ist wichtig für die Stadt.“ Manche Wohnung in dem neuen Viertel ist 400 Quadratmeter groß.

Wertheim war einst Topadresse

Man muss die Geschichte dieses Grundstücks am Leipziger Platz kennen, um die Begeisterung der Politiker, Architekten und Bauleute zu verstehen. 1896 begann Georg Wertheim mit dem Bau des legendären Kaufhauses am Leipziger Platz. 1897 eröffnete es. Vom Warenangebot sollten sich auch die Besserverdienenden angezogen fühlen. Das Konzept funktionierte, das Warenhaus galt als Topadresse. Der Architekt Alfred Messel musste das Haus ständig erweitern, es wurde zum größten Warenhaus Europas. Nach 1933 ließen die Nazis den Wertheim-Konzern arisieren und nannten das Unternehmen fortan Allgemeine Warenhandels-Gesellschaft (AWAG).

Die Wertheim-Erben bekamen das Grundstück vor wenigen Jahren zurück und verkauften es. An die Glanzzeiten des Wertheim-Kaufhauses und die Bedeutung des Platzes wollen die Investoren und Architekten anknüpfen. Der bekannte Architekt Sergej Tchoban sagte: „Dieser Ort hat wie kein anderer auf der Welt die Architekten beschäftigt.“ Es gab mehrere Planungen, wie man die Gebäude nach historischem Vorbild mit hochwertigen Fassaden und Kolonnaden neu gestalten könnte, um die Vielfältigkeit des Platzes wiederzugeben. Nun werde „ein lebendiges Stadtquartier“ entstehen.

Täglich 200 Lkw voller Erde

Und so verschwindet auch die letzte große Brache am Leipziger Platz. Das Wertheim-Grundstück ist 20 600 Quadratmeter groß, es soll später bis zur Wilhelmstraße reichen und misst dann 32 000 Quadratmeter. 270 Shops wird es im neuen Einkaufscenter geben und 30 Restaurants. „Für den Handel wird das ein wichtiger Impuls sein“, sagte Nils Busch-Petersen, Geschäftsführer des Handelsverbandes Berlin/Brandenburg. Das neue Einkaufszentrum bilde eine Brücke zwischen Potsdamer Platz und Friedrichstraße.

Noch ist von all dem nichts zu sehen. Die Baugrube ist gigantisch, doch ein Bauzaun verhindert die Sicht darauf. Doch sitzt man im Bus M48 oder 200 im Oberdeck, sieht man die Dimensionen des Erdloches. 200 Meter lang, 100 Meter breit, bis zu 24 Meter tief. Täglich haben die Bauleute 200 Lkw-Ladungen Erde fortgefahren, insgesamt waren es 28 000 Fuhren. Aneinandergereiht waren das 560 Kilometer, das ist eine Strecke von Berlin nach München.

Schon beim Ausheben der Baugrube gab es Hindernisse. Das Grundwasser liegt nur drei Meter unter Geländeniveau, es wurde während der Erdarbeiten abgesenkt, damit die Baugrube nicht voll Wasser läuft. Für festen Halt sorgen nun 2 000 Stahlpfähle und 1 260 schräg verlaufende Anker. Sie sichern die Seitenwände.

Ende März brach Grundwasser auf der Großbaustelle ein. Weil ein U-Bahntunnel über die Baustelle führt, stellte die BVG den Betrieb auf der Linie U 2 an dieser Stelle vorübergehend ein. Insgesamt anderthalb Monate war die Linie zwischen Mohrenstraße und Potsdamer Platz gesperrt.