Berlin - Die vom autonomen Quartiersmanagement (QM) Grunewald organisierte Fahrradsternfahrt in das Villenviertel Grunewald ist aus Sicht der Veranstalter ein voller Erfolg: Die Polizei bestätigt der Berliner Zeitung, dass am 1. Mai etwa 10.000 Personen an der Demonstration teilgenommen haben. Frauke Geldher vom QM Grunewald sagt, sie bedauere, dass die Polizei die geplante Veranstaltung am Hagenplatz nicht genehmigt habe. So konnten im Grunde inhaltliche Themen nicht fokussiert vorgetragen werden. Den Aktivisten geht es darum, dass Immobilienspekulanten enteignet und das Wohneigentum der Stadt vergesellschaftet werden solle. Zu diesem Zweck ziehen die Aktivisten seit einigen Jahren am 1. Mai in das Villenviertel Grunewald, um ihrer Forderung nach Enteignung des Großkapitals im Immobiliensektor Nachdruck zu verleihen.

Auffallend in diesem Jahr ist die Disziplin der Teilnehmer im Hinblick auf die Befolgung der staatlichen Hygienekonzepte – eine Haltung, die bei Anarchisten und Linksextremen in der Theorie auf Widerstand stoßen könnte, weil es sich um staatlichen Zwang handelt. Doch die Teilnehmer der Demo in diesem Jahren sind, so bestätigen Polizisten am Hagenplatz und am Roseneck, „ganz normale, friedliche Leute“, gegen die „ein aggressiver Einsatz absolut nicht notwendig“ sei. Tatsächlich tragen so gut wie alle Fahrradfahrer ihren Mund-Nasen-Schutz akribisch nach Vorschrift. Es herrscht eine ungeheure Disziplin. Die Teilnehmer sind bemüht, durch geschicktes Balancieren sogar den Mindestabstand einzuhalten. 

Zwar trägt kaum jemand einen Fahrradhelm. Doch nur ganz vereinzelt sind Personen ohne Maske zu sehen. Teilnehmer, die während der Fahrt trinken, setzen umgehend die Maske wieder auf. Am Roseneck verliert eine junge Teilnehmerin ihre FFP-2-Maske: Sie bremst, der Kollege hinter ihr bleibt rücksichtsvoll stehen, steigt ab, und hebt die FFP-2-Maske mit zwei Fingern von der Straße auf. Er reicht sie der Kollegin, die sich bedankt und die Maske sofort wieder vor den Mund bindet, um den Hygienevorschriften Genüge zu tun. Alle anderen warten rücksichtsvoll, bis sich der Zug wieder in Bewegung setzen kann.

Einziger Nachteil der Masken: Die vereinzelt angestimmten Kampfrufe der Antifa können sich nicht zur vollen Lautstärke entfalten und sind wegen des Dämpfers vor dem Mund auch nur schwer verständlich. Die Polizei betont, dass sie das Verhalten der Demonstranten für vorbildlich hält. Sie hat nichts zu tun. Die Polizisten lehnen ohne Helm, fast gelangweilt, an den Absperrungen oder ihren Einsatzwagen. Fahrrad-Polizisten eskortieren mit ihren schicken Polizei-Fahrrädern den Protestzug durch die Straßen.

Die Demonstration ist absolut gewaltfrei und friedlich. Einige Teilnehmer haben Plakate dabei. Darauf stehen Wünsche wie: „Hummer, Austern, Kaviar – hätte ich auch gern im nächsten Jahr“, oder: „Die fetten Jahre sind vorbei“, oder: „Let the rich pay for the crisis“, oder: „Bike statt Benz“. Einige halten eine Antifa-Fahne in die Höhe, die Präsentation hat choreographischen Charakter. Ein kleines Kind hat auf seinem Rad eine riesige Regenbogenfahne angebracht. Aus der Demonstration sind vorwiegend deutschsprachige Slogans zu vernehmen. Nur selten hört man aus der Gruppe türkische, englische oder italienische Sprachfetzen. Die meisten der Teilnehmer sind junge Erwachsene.

Klassenkämpferische Töne sind kaum zu vernehmen. Aus einem Lautsprecher ist zu hören: „Wir schauen schon mal, welche Villa uns am besten gefällt. Wir kommen wieder.“ Applaus. Ein Mann spricht einen Passanten an, der den Demonstrationszug vom Gehsteig aus beobachtet. Der Zuschauer hält seine Hände tief in den Mantel vergraben. Der Demonstrant ruft: „Na, hast wohl lauter Geldscheine versteckt?“ Der Mann erschrickt, öffnet seinen Mantel, dreht sich zum Demonstranten und sagt: „Nein, das ist mein Schal.“ Der Demonstrant: „Kaschmir, wa?“ Der Mann: „Nein, C&A.“ Der Demonstrant macht eine wegwerfende Handbewegung und radelt weiter. Ein Demonstrant klebt etwas verschämt hinter dem Rücken der Polizei einen Sticker gegen die Kohle-Industrie auf ein Klingelschild.

Viele Villenbesitzer haben es sich auf ihren Balkonen gemütlich gemacht, winken den Demonstranten zu. Diese winken freundlich zurück. Die meisten haben ihre Autos hinter die Gartenzäune verschafft, wie es ihnen die Organisatoren im Vorfeld geraten hatten. Frauke Geldher sagt, es hätte sich dieser Tage ein Vermögender bei ihr gemeldet, er wolle die Sache unterstützen. Es ist ein harmonischer 1. Mai beim Enteignungsmarsch durch das Villenviertel Grunewald. Nur selten blitzt Aggression auf: Am Roseneck flucht der Fahrer eines goldenen Bentley-Cabrios laut über die Polizeisperre, die den Verkehr aufhält. Verärgert dreht er rechts ab in die Miquelstraße, ballt die Faust, und fährt davon.

Berliner Zeitung/Volkmar Otto
Auf dem Weg in den Grunewald