Schon wieder gab es in der Grunewaldstraße 87 in Schöneberg einen Polizeieinsatz. Bei einem Streit wurde am Mittwochmorgen eine Frau verletzt. Die Alt-Bewohner beschweren sich seit Monaten über unzumutbare hygienische und bauliche Zustände, seit dem dort zeitweise bis zu 200 Rumänen der Volksgruppe der Roma in dafür völlig ungeeigneten Wohnungen leben.

Gegen 4.30?Uhr wurden Polizei und Feuerwehr zu dem Gebäude mit seinen zwei Hinterhöfen alarmiert: Ein 44-jähriger Mann und eine 48-jährige Frau schlugen sich. Die Frau musste mit Verdacht auf Armbruch ins Krankenhaus gebracht werden. Der Mann wurde festgenommen, er hatte einen Atemalkoholwert von 2,8 Promille. Nach ambulanter Behandlung konnte die Frau die Klinik verlassen.

Aus Gründen der Eigensicherung rückte die Polizei zu dem Einsatz mit mehreren Streifenwagen und mehreren Mannschaftstransportern an. „Bei diesem Haus kann man nicht wissen, was man vorfindet“, sagte ein Beamter. „Deshalb fuhren alle verfügbaren Kräfte hin.“

Nahezu jeden Tag kommt es zu Einsätzen im Haus, immer wieder werden dabei auch Polizisten bedroht. Vor einigen Tagen erging eine polizeiinterne Weisung, dass kein Funkwagen mehr allein zur Grunewaldstraße fahren solle. Auch die Feuerwehr hat um Begleitschutz der Polizei gebeten.

Schon in der Nacht zu Dienstag war die Polizei mit einem Großaufgebot angerückt. Zwei rivalisierende Roma-Familien hatten gestritten. Ein Spezialeinsatzkommando nahm einen 26-Jährigen fest und fand dabei auch ein Messer. Am Mittwochvormittag wurde die Polizei erneut gerufen: Jemand soll die Wohnung des zuvor Festgenommenen aufgebrochen haben.

Mehr als 300?Einsätze hat es in den vergangenen vier Monaten in dem Haus gegeben, das längst seinen Ruf als „Horror-Haus“ weg hat. Anlass waren Einbrüche, Ruhestörungen und Schlägereien. Nach Erkenntnissen der Polizei werden zudem Frauen aus dem Haus zur Prostitution gezwungen. Die Fäden ziehe eine arabische Großfamilie, die das Haus unter Kontrolle habe, sagt ein Beamter.

Einbrüche und Ruhestörungen

Von diesen Vorgängen weiß Marija Kühn-Dobos nichts. Aber sie hat Anzeigen wegen der Einbrüche und Ruhestörungen erstattet. Seit 2007 wohnt die Rentnerin in der Grunewaldstraße 87. Zusammen mit den Altmietern aus zehn verbliebenen Wohnungen kämpft sie dagegen an, dass der Eigentümer das Haus offenbar unbewohnbar machen und die Altmieter mit ihren günstigen Mietverträgen rausgraulen wolle. In diesem Kampf fühlen sich Marija Kühn-Dobos und ihre Mitstreiter von vielen Behörden im Stich gelassen. Außer von der Polizei: „Die kommen, wenn man sie braucht.“

Das Lob gelte insbesondere nicht für das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, sagt Nicole Unverzagt, die seit zwölf Jahren nebenan einen Friseurladen betreibt. „Ich erwarte, dass die Bezirkspolitik sich mit aller Kraft für uns einsetzt“, sagt sie. Es müsse dafür gesorgt werden, „dass Eigentümer nicht tun dürfen, was sie wollen. Missbrauch und Entmietung muss verboten werden.“

Keine Ersatzvornahme

Gar nicht so einfach zu realisieren, zumal die Bezirke wenig Geld haben. So hat die Bau- und Wohnungsaufsicht nur eine Stelle. Diese Person sei jeden Tag in dem Haus, beteuert Sibyll Klotz (Grüne), Stadträtin für Stadtentwicklung. „Immer wieder fordern wir den Eigentümer auf, etwa die Abflüsse zu reinigen oder den Müll aus Treppenhäusern und Höfen zu beseitigen. Er macht das dann auch. Aber das hält nicht lange an, da so viele Menschen auf engem Raum leben.“

Auch die Idee einer Ersatzvornahme, bei der der Bezirk selber Bauaufträge vergibt, findet Klotz unrealistisch. „Wir haben das Geld nicht – und würden es vom Eigentümer auch nie zurückbekommen.“ Lieber setze man auf Reduzierung der Neu-Bewohner. Mit Erfolg, wie sie sagt. Nach Klotz’ Angaben leben statt 200 Roma nur noch etwa 100 im Haus.

Für die Politikerin spielt aber auch ein humanitärer Aspekt eine Rolle. Unter den neuen Bewohnern seien viele Frauen mit Kleinkindern und sogar Säuglingen. „Ich werde nicht das Haus räumen lassen und diese Leute auf die Straße setzen.“