Der 12. August dieses Jahres hätte ein Tag der Erleichterung sein können für die Bewohner des Hauses Grunewaldstraße 87 in Schöneberg. Es war der Tag, an dem die letzten Roma das Haus verlassen haben. Und es zumindest eine Aussicht gab, dass aus dem früheren „Horrorhaus“ wieder ein ganz normales Wohnhaus werden könnte. Doch es gibt keine Erleichterung. Zu schlimm sind immer noch die Bedingungen in der vernachlässigten Immobilie. Dazu kommen der laute Verkehr vor der Tür und der Dreck in den Grünanlagen nebenan. Damit sich an dem tristen Gesamtpaket endlich etwas ändert, sind die Anwohner aktiv geworden.

Forderungen an das Bezirksamt

Rund ein Dutzend Nachbarn hat sich am Montagabend auf dem Bürgersteig vor der Nummer 87 versammelt. Warnwesten in Leuchtfarben werden verteilt, Transparente ausgerollt. Tempo 30 für die an dieser Stelle schmale, baumlose und deshalb besonders laute Grunewaldstraße wird gefordert. Nur wenige Passanten laufen vorbei. Vom Zebrastreifen aus, der die Grunewaldstraße kreuzt, werden die Autofahrer aufmerksam gemacht. Die Resonanz bleibt recht mau an diesem kalten Abend.

Das ist nicht so schlimm, schließlich hat die Initiative in den vergangenen drei Monaten bereits mehr als 600 Unterschriften für die Tempo-30-Zone gesammelt. Ähnlich viel Zustimmung gibt es für weitere Forderungen an das Bezirksamt, die ganz unmittelbar mit den Erfahrungen der vergangenen Monate zu tun haben. Wie berichtet, hatten in dem Haus ein dreiviertel Jahr lang etliche Roma-Familien in unwürdigen Verhältnissen gelebt und damit auch das Leben der Alt-Bewohner zum Horror gemacht: Nun fordern die Anwohner eine Grundreinigung des umliegenden Kleistparks und des Kurt-Hiller-Parks. Dort campierten im Sommer viele Roma aus dem Haus, ihre Hinterlassenschaften sind bis heute nicht beseitigt. Außerdem soll der Bezirk künftig Notunterkünfte für Roma bereitstellen.

Tatsächlich nämlich herrscht im Haus noch immer auch Mitgefühl mit den temporären Mitbewohnern. Der Zorn richtet sich gegen den Hauseigentümer. Dieser, so klagt Bewohner-Sprecherin Marija Kühn-Dobos, habe die Roma einquartiert, „um uns loszuwerden“. Das sei Strategie gewesen. Und auch nach deren Auszug sei nichts passiert. Noch immer haben einige der früheren Roma-Wohnungen keine Fenster, behebt niemand die Wasserschäden, sind die Treppenhäuser verwahrlost, gibt es Toiletten auf halber Treppe. Mittlerweile, so berichtet Marija Kühn-Dobos, sind auch mehrere der Stahltüren aufgebrochen worden, mit denen die freigewordenen Wohnungen einst gesichert worden waren. „Geht alles wieder von vorne los?“, fragt sie.

Claudia Daseking wohnt nebenan. Sie macht sich Sorgen um die „G87“, wie das Haus jetzt manchmal heißt, und ist deshalb eine der treibenden Kräfte der Initiative. „Die Bewohner sind extrem belastet.“ Sie fürchtet, dass von den verbliebenen 19 Mietparteien weitere ausziehen, dass das Haus bald leer wäre, saniert und die Wohnungen in Eigentum umgewandelt würden. Damit es nicht so weit kommt, wollen sie gemeinsam die unmittelbare Nachbarschaft wenigstens etwas angenehmer gestalten, sagt sie.