Wünsdorf - Eigentlich ist das ganze Haus eine Botschaft. Wer zu dem Gebäude kommt, sieht zuerst ein Bild an der Hauswand: drei weiße Tauben, die in den blauen Himmel fliegen. Über einem Schuppen direkt neben den Gleisen weht eine regenbogenbunte Fahne mit der Aufschrift Peace – Frieden. Und am Zaun zum Bahnhof Wünsdorf (Teltow-Fläming) hängt die Losung: „Stoppt den Waffenhandel“. Das sind die weithin sichtbaren Botschaften von Christa Senberg. An der Tür ihres alten Bahnerhauses hängen zwei Aufkleber: „Freiheit für Fantasie – Fantasie für Freiheit“, und: „Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zu kämpfen.“

All diese Dinge erzählen viel über die Bewohner, besonders über Christa Senberg: Sie ist 70 Jahre alt, Alt-68erin, jahrzehntelang aktiv in der Friedens- und Umweltbewegung. Sie ist auch begeisterte Strickerin, aber sie fertigt nicht einfach Socken für ihre drei Enkel, sondern hat sich mit Christel Krömer zusammengetan: Auf ihrer gemeinsamen Visitenkarte steht „Knitting for peace“ – Stricken für den Frieden.

Aufklärung und Geschichtsunterricht

Die beiden fertigen eine Art Strickmantel für eine alte Diesel-Lok und wollen dies als eine Friedensaktion verstanden wissen. Christa Senberg wohnt seit zehn Jahren in Wünsdorf, jenem Ort, der von 1945 bis 1994 das Hauptquartier der sowjetischen und russischen Truppen war. „Heute ist es ein ruhiger und luftiger Ort“, sagt sie. „Aber er hat eine blöde militärische Vergangenheit.“ Christel Krömer ist 75 Jahre alt und wohnt im benachbarten Mellensee, sie erzählt, dass die gesamte Gegend seit mehr als 150 Jahren militärisch geprägt ist.

Da gab es den Schießplatz der Preußischen Armee in Kummersdorf, auf dem die Nazis später V2-Raketen bauten. Schon ab Ende des 19. Jahrhunderts brachte eine extra gebaute Militäreisenbahn Soldaten von den Kasernen in Berlin-Schöneberg zu den Truppenübungsplätzen in Jüterbog. „Die Militärbahnhöfe waren sogar schöner als die zivilen“, sagt Christel Krömer. Heute erinnern an die Vergangenheit nur Bunkerführungen und „Panzerfahren für die ganze Familie“.

Auf den Gleisen der Militärbahn fahren nun Ausflügler ganz friedlich mit Draisinen – und am Bahnhof Zossen steht diese alte Diesel-Lok aus DDR-Zeiten. Die beiden Strick-Aktivistinnen wollen genau diese Touristen mit ihrer Aktion erreichen. „Viele kennen die Historie der Orte nicht“, sagt Christa Senberg. „Wenn die Leute die knallbunt zugestrickte Lok sehen, fragen sie sich: Was soll das? Was hat das mit Frieden zu tun? Dann lesen sie daneben unsere Infotafeln und denken über Krieg und Frieden nach.“

Diese Form der Straßenkunst wird auch als „Guerilla Knitting“ bezeichnet. Doch die beiden Großmütter sind keine strickenden Untergrundkämpferinnen, sondern fertigen den Mantel für die Lok mit Erlaubnis des Besitzers.

Erste Anprobe im April

Christel Krömer lässt einen roten Wollfaden durch ihre Finger und ihre Nadeln laufen. „Ich stricke nur rechts“, sagt sie. „Ohne Muster, nur geradeaus.“ Christa Senberg sitzt ihr gegenüber und häkelt Luftmaschen. „Es sollen nur ganz einfache Muster sein. Etwas, das jeder kann. Hauptsache richtig schön bunt.“

Christa Senberg sagt, sie würde ganz allein für die gesamte Lok ein halbes Jahr benötigen, Christel Krömer behauptet mutig, sie bräuchte nur zwei Monate. Aber auf dem Küchentisch stapeln sich schon viele fertige Stücke. Etwa 20 Leute stricken mit oder haben alte Wolle geschickt. Gestrickt werden viele kleine – also 20 mal 20 Zentimeter große – Quadrate, die zum Schluss zusammengenäht werden. „Unsere Männer haben die Lok für uns vermessen und sie werden unser buntes Kunstwerk dann auch an der Lok anbringen“, sagt Christa Senberg.

„Im April soll die erste Anprobe sein“, erzählt Christel Krömer. „Wir hoffen, dass dann alles am 1. Mai fertig ist und unserer Werk einen Sommer lang hält.“

Beide sind der festen Überzeugung, dass sogar die Handarbeit an sich schon ein Friedensdienst ist. „Wer strickt, hat Nadeln in der Hand und kann nicht schießen“, sagt Christa Senberg und lacht. Sogar ihre Mutter sei von der Aktion begeistert und macht mit, erzählt die 70-Jährige. „Und das mit 91 Jahren.“

Wer die Friedensstrickerinnen unterstützen will, kann Wolle oder Strickstücke senden an: C. Senberg, 15806 Zossen-Wünsdorf, Am Bahnhof 5 (Tel. 033702/20974)