Berlin - Das war ja zu erwarten: Jetzt gibt sich Klaus Wowereit wieder als der große Berlin-Werber, als der Weiße Ritter, der internationalen Glamour und „Zukunftsprojekte“ in die Stadt holt. Wowereit braucht keinen markigen Marketing-Chef, das kann er selbst am besten. Eilfertig kabelte er nach New York, dass das BMW Guggenheim Lab in Berlin natürlich hochwillkommen sei.

Die Anti-Gentrifizierungsaktivisten, die das temporäre Denklabor zur Zukunft des städtischen Lebens durch ihre Drohungen zumindest in Kreuzberg gründlich vermasselt haben, stellt der Regierende Bürgermeister und praktizierende Kultursenator in die Ecke kleingeistiger Chaoten und provinzieller Verhinderer. Ins gleiche Horn bläst der Koalitionspartner Frank Henkel.

BMW und Guggenheim, das sind doch genau die Global Player, die wir in Berlin brauchen, ihrem Projekt müsse man „den roten Teppich ausrollen“ – so funktioniert der Stadtmanager Wowereit. Weltoffenheit hieß schon unter seiner rot-roten Regierung: Unternehmen, Investoren und andere Möchtegern-Berlin-Gestaltern aus der großen weiten Welt anlocken, koste es was es wolle.

Im vorauseilenden Gehorsam wurden da möglichst alle Barrieren weggeräumt, etwa die lästigen Befürchtungen der Kiez-Bewohner, die sich spießigerweise um ihre Wohnungen und steigende Mieten sorgen. Oder sich in laubenpieperhafter Engstirnigkeit nicht an den fröhlich feiernden jungen Leuten in der benachbarten Ferienwohnung freuen.

Nein, dafür hat Wowereit kein Verständnis: Genießt doch die schöne Dauerpartystimmung in Mitte, Kreuzberg und Neukölln– hält er den undankbaren Bürgern vor –, anstatt griesgrämig darüber zu maulen, dass Ihr Euch den Weg zur U-Bahn oder zum Supermarkt durch schunkelnde Touristenmassen bahnen müsst.

Für die Befürchtungen in der Kunstszene, dass die brodelnde Labor-Atmosphäre bald zum lauen Lüftchen wird, weil die Wohn- und Atelierkosten in Riesensprüngen steigen, haben Wowereit und sein Kulturstaatssekretär André Schmitz kein Verständnis. Noch neulich schwärmte Schmitz – völlig unbeeindruckt von der neuen Realität, gerade in Kreuzberg – von Berlin als Mekka der jungen Künstler.

Nicht zuletzt läge das an den niedrigen Lebenskosten; die alte Leier. Wie es denn mit der Kunstszene weitergehe, wenn es mit dem billigen Leben vorbei ist, wurde er gefragt. Da reagierte er ungehalten und sprach von Panikmache. Außerdem müsse man ja auch sehen, dass durch diesen Boom alle mehr verdienen würden. Aha. Wär ja toll, aber wer sich unter Künstlern bewegt, kennt leider eine andere Wahrheit.

Die Berliner haben längst begriffen, dass sie von den Landes- und Bezirkspolitikern vielleicht zynische Sprüche, aber keine Hilfe gegen Mietwucher oder die Pest der Ferienwohnungen erwarten können. Nur wer, wie Wowereit und Schmitz, sich nicht dafür interessiert, was in der Kunstszene und im Immobilienboom-Bezirk Kreuzberg vor sich geht, der wundert sich jetzt über den Protest gegen den coolen Denkkäfig auf der Brache, wo ein Luxusareal entstehen soll.

Weder Guggenheim noch BMW braucht man zu kritisieren – das ist auch der Denkfehler der Aktivisten. Das Museum wie sein Sponsor haben, im Gegensatz zur Berliner Kulturpolitik, die drohende soziale Selektion in der Innenstadt und die Auswirkung auf die Kunstszene und die Kreuzberger Off-Kultur erkannt.

Sie wollten in den neun Wochen ab 24. Mai genau das zum Thema machen. Wowereit rollt also den roten Teppich für eine Diskussion aus, die er und Schmitz längst selbst hätte führen müssen. Aber aus New York, und von BMW bezahlt, ist es eben schicker. So funktioniert Kulturpolitik in Berlin.