Bei diesen hohen Temperaturen sei die beste Arbeitszeit gleich morgens, so gegen acht, sagt Emma France Raff. Hitze kann sie nämlich ebenso wenig gebrauchen, wie Regen, Frost und Wind. Denn wie gut ihre Werke würden, hänge auch vom Wetter ab, sagt die 35-jährige Textildesignerin. Ihre Kunst entsteht auf der Straße, es ist Street Art in besonderer Form, von ganz unten, nah an der Kanalisation.

Emma France Raff verwendet die Motive von Gullydeckeln als Druckvorlagen. Diese Bilder überträgt sie mit Textilfarbe auf T-Shirts und Stoffbeutel. Es sind Symbole wie der Berliner Bär und der Fernsehturm, Gitterroste und Stadtlandschaften mit Relief. „Ich zeige Motive, die oft übersehen werden“, sagt sie. Wer schaut sich schon Gullydeckel an.

Raubdruckerin nennt sich Emma France Raff. Das soll provokant klingen und feministisch. Man könnte auch sagen, die Neuköllner Künstlerin raubt den Gullydeckeln ihre Anonymität. Und sie verbreitet die Verzierungen auf Kleidungsstücken und Tragetaschen. Das hat sie bekanntgemacht.

Rollkoffer als mobiles Atelier

Als Treffpunkt an diesem noch nicht zu heißen Morgen schlägt Emma France Raff eine Neuköllner Kreuzung an der Wildenbruchstraße vor. Dort trägt ein Gullydeckel den Berliner Bären als Motiv. Es ist eines ihrer Lieblingsmotive, sagt Emma France Raff. In Frankreich ist sie geboren, in Berlin und Portugal aufgewachsen. Dann kehrte sie nach Berlin zurück.

Die Künstlerin kommt mit dem Fahrrad, auf dem Gepäckträger klemmt ein Rollkoffer, das ist ihr mobiles Atelier. Darin hat sie alles, was sie braucht, es sind nur wenige Utensilien. Zuerst reinigt sie mit einem Handbesen den Gullydeckel, mit einer Malerrolle aus Schaumstoff streicht sie später eine Spezialtinktur aus wasserbasierter Öko-Textilfarbe auf den Bären. Das Wetter muss stimmen. Ist es zu heiß, trocknet die Farbe auf dem Gully zu schnell. Ist es zu windig, wirbeln Staub und Dreck auf die T-Shirts. Emma France Raff liest den Wetterbericht, bevor sie losfährt zur Arbeit auf dem Asphalt.

An diesem Morgen wird sie kaum beachtet. Passanten schauen ihr kurz zu, sie haben es eilig, manche lächeln ihr zu. „Ich arbeite gern draußen“, sagt sie. Nachmittags seien die Menschen gesprächiger. „Manche erzählen mir ihre Geschichten, während ich auf dem Boden hocke“, sagt sie. Die Polizei lässt sie in Ruhe, die Berliner Wasserbetriebe unterstützen ihr Druck-Grafik-Projekt. Und verschenken die Drucke als Firmenpräsente.

„Die Schönheit meiner Kunst steckt auch in der Nichtperfektion“

Zu ihrem 150. Geburtstag hatten die Wasserbetriebe 500 Schmuckdeckel auf die Gullys dieser Stadt verlegen lassen. Das hat wohl niemand recht bemerkt. „Es sind scheinbar unbedeutende Details auf dem Boden, die sich jetzt erst als echte Stadtkunstwerke entpuppen“, sagt Emma France Raff. Mehrmals in der Woche fährt sie nun mit dem Fahrrad durch die Stadt, an vielen Ecken kennt sie die Motive der Kanalabdeckungen längst.

Auf den Gullydeckel an der Wildenbruchstraße hat Emma France Raff ein rechteckiges Stück auf dem gusseisernen Deckel mit Klebeband abgegrenzt, den Bären und die Verzierungen bestreicht sie dünn mit Farbe. Nun breitet sie ein T-Shirt aus und drückt den Stoff mit den Händen an den Boden. Es ist alles Handarbeit, jedes Stück ein Unikat. Kein gedrucktes Motiv gleicht dem anderen. Farbstärke, Helligkeit, Strukturen und Falten sind bei jedem T-Shirt und bei jedem Stoffbeutel verschieden.

So soll es auch sein. „Die Schönheit meiner Kunst steckt auch in der Nichtperfektion“, sagt sie. „Ein Teil der Stadt wird aus ihrem Ursprung herausgezogen und in einem anderem Kontext zu neuem Leben erweckt“, erklärt die Künstlerin den Prozess der Umwandlung.

Ein Protest gegen die Billigtextilproduktion

Während ihres Studiums im Fach Textildesign in Portugal hat Emma France Raff mit ihrem Vater, dem Maler Johannes Kohlrusch, die Raubdrucke erstmals in seinem Atelier auf dem Lande ausprobiert. Auf einem Festival in Portugal stellte sie ihre ersten Werke aus. Dann ruhte das Projekt. Doch als sie wieder nach Berlin gezogen war, griff sie die Idee erneut auf. Heute arbeitet sie mit einem Team von sieben Kollegen an dem Kunstprojekt, in der Neuköllner Boddinstraße gibt es einen Showroom, ihre Kunstwerke verkauft sie mittlerweile in alle Welt. 20 Euro kostet ein bedruckter Stoffbeutel, 49 Euro ein T-Shirt. Ihre Arbeiten werden immer bekannter. In Südschweden zeigt ein Kunstverein zurzeit in einer Ausstellung mit ihren Werken.

Internationalität gehört zum Konzept der Künstlerin. Sie fährt in andere Städte, um auch dort Street-Art-Motive zu finden. In Madrid, Athen, Paris und Budapest hat sie schon Raubdrucke angefertigt, von Straßenbahnschienen in Porto und Fahrradschildern in Amsterdam, die in den Boden eingelassen sind. In Barcelona haben ihr Blumenmotive im Straßenpflaster besonders gut gefallen.

In Berlin veranstaltet Emma France Raff Workshops zum Thema „Street Printing“. Sie erklärt den Kursteilnehmern dann, dass ihre Kunstaktionen auch ein Protest gegen die Billigtextilproduktion sei, dass man mit weitaus weniger Klamotten auskommen könne, die dafür jedoch individueller mit Street-Art-Motiven gestaltet werden könnten. Selbst über Jahre getragene Kleidung ließe sich mit neuen Motiven verschönern. Die T-Shirts, die Emma France Raff bedruckt, sind jedenfalls keine Billigware, sondern fair gehandelte Kleidung, gekämmte Baumwolle.

Gullys nach Druckaktion gesäubert

Die bedruckten T-Shirts hängen jetzt zum Trocknen über einem Fahrradbügel am Straßenrand. Für Emma France Raff beginnt die letzte Arbeitsphase, das Saubermachen. Sie zieht sich Gummihandschuhe über und reinigt den schwarz gefärbten Bären auf dem Gullydeckel mit Wasser, einem Schwamm und einem Lappen. Auch das Putzzeug gehört zu ihrer Ausstattung. „Ich will meinen Arbeitsplatz sauber verlassen“, sagt sie. Der Bär sieht wieder aus wie vorher, die Farbe auf den bedruckten T-Shirts ist getrocknet, der Rollkoffer verschlossen.

Emma France Raff erzählt, sie entdecke immer noch neue Motive in der Stadt. Sie hat auch Unterstützer, die schicken ihr Fotos von Gullydeckeln. „Es gibt noch viel zu Entdecken in der Stadt“, sagt sie. Und sie weiß jetzt auch, was die Nummerierung EN 124 bedeutet. Es ist die EU-Norm für Kanalabdeckungen, sie steht auf etlichen Gullydeckeln. Und auf den T-Shirts der Raubdruckerin.

Alle Infos unter: www.raubdruckerin.de