Der Mann, der dem roten Transporter entsteigt, geht mit gesenktem Kopf. Er trägt eine staubige Zimmermannshose, ein graues Baumwollhemd, einen breitkrempigen Filzhut, Dreitagebart. Und zwei Eimer mit Werkzeugen. Die Menschen, die auf ihn warten, halten Rosen in den Händen. Er blickt kaum auf. „Zwei Steine gehören zusammen, ja?“ Dann beugt er das Knie mit dem Knieschützer, setzt den Spatel in eine Ritze zwischen zwei Gehwegplatten, hebelt sie aus. Es geht schnell, er ist Profi. Schweigend sehen ihm die Männer und Frauen zu.

Der Mann in der Handwerkerkluft ist Gunter Demnig. Er ist Künstler, hat eine Blutspur von Kassel nach London gezogen, einen Ariadnefaden zwischen der Documenta in Kassel und der Venedig-Biennale gezogen – 35 Tage Fußmarsch, die roten Knäuel im Rucksack, und er hat eine Skulptur gebaut, die einem auf die Schulter klopft. Doch man kennt von ihm nur ein einziges Werk: die Stolpersteine. Sie sind sein Erfolgsmodell.

Vor 20 Jahren hat er damit angefangen. Heute liegen in Deutschland und 15 europäischen Ländern mehr als 45.000 Steine. Vier Leute arbeiten bei Demnig mit, nehmen Bestellungen entgegen, recherchieren stichpunktartig. Die Steine erinnern an Menschen, die in der Nazizeit verfolgt und ermordet worden sind, an Juden, Widerstandskämpfer, Homosexuelle. Die Stolpersteine werden vor den Häusern verlegt, in denen der letzte freiwillige Wohnsitz war. In keiner Stadt gibt es mehr Stolpersteine als in Berlin. Mehr als 5000 sind es hier.

Gunter Demnig kniet an diesem Sonnabend im April vor einem Klinkerbau in der Köpenicker Straße in Kreuzberg. Das Gebäude wurde nach dem Krieg errichtet. Das Wohnhaus, das dort einmal stand, ist bei einem Bombenangriff zerstört worden. Gunter Demnig nimmt den ersten Stein aus dem Eimer und setzt ihn in den Sand, der unter dem Berliner Pflaster liegt. Er justiert mit dem Hammer, gießt Zement in die Lücken, dann Wasser. „Hier wohnte Adolf Wiegel, Jahrgang 1882“ steht auf der Messingplatte. Drei Steine liegen da, als Demnig fertig ist. Neben dem für Adolf Wiegel liegt der für seine Frau Frida und ein Stein für Ida Röscher. Demnig verteilt Sand auf den Messingplatten, reibt sie mit einem Papiertaschentuch blank.

Dann holt er eine Kehrschaufel und macht sauber. Als Catharina Hansen, die Großnichte von Ida Röscher, über die Geschichte dieser drei Menschen spricht, steht Gunter Demnig abseits. Die junge Frau erzählt, dass Adolf Wiegel, seine Frau und Ida Röscher verfolgten Juden geholfen, sie versteckt hätten. Adolf Wiegel hat in seiner Druckerei Papiere gefälscht, sie haben die jüdische Widerstandsgruppe „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“ unterstützt.

1944 wurden sie von der Gestapo verhaftet. Adolf Wiegel kam in das Arbeitserziehungslager Wuhlheide und wurde am 8. April auf dem Todesmarsch zum KZ Dachau erschossen. Die Frauen überlebten im Arbeitslager Fehrbellin. Catharina Hansen ist 29, sie hat die Stolpersteine bestellt. Das ist ein halbes Jahr her. So lang ist die Wartezeit. Für dieses Jahr gibt es keine Termine mehr. Sie schüttelt Demnig die Hand. „Danke.“

Die Familienmitglieder sind für diesen Tag eigens nach Berlin gereist, Aus Gelsenkirchen, Oldenburg, von Sylt, sogar aus Norwegen. Sie haben Kontakt zu dem einzigen lebenden Familienmitglied der Wiegels aufgenommen, eine Nichte, die zu krank ist, um kommen zu können. Sie werden ihr Fotos schicken. „Die Frauen haben nie etwas erzählt über diese Zeit“, sagt Christiane Hansen, Ida Röscher war ihre Patentante. „Die hatten noch in den Sechzigerjahren Angst vor alten Nazis.“

Gunter Demnig kennt dieses Schweigen. Es war typisch für die Generation, für Opfer und Täter. Demnig war 18, als er den Dachboden im Haus der Eltern in Tempelhof ausbaute und dabei auf ein Foto stieß, das seinen Vater in Badehose auf einer Flak zeigte. „Das war in Spanien, er war bei der Legion Condor“, sagt Demnig. „Also auf der falschen Seite.“ Die Legion Condor war eine Einheit der deutschen Wehrmacht, die im spanischen Bürgerkrieg General Franco unterstützte.

Von seinem Vater hat er darüber nichts erfahren. „War nichts aus ihm rauszuholen.“ Man kann sich den vorwurfsvollen Ton vorstellen, den der Sohn angeschlagen hat. Es ist ein Generationenkonflikt, typisch für diese Zeit. In der Schule seien sie nicht weiter als bis zur Weimarer Republik gekommen, erzählt Demnig. „Weißt du, wer mein Geschichtslehrer war“, fragt er. „Rudi Dutschke.“ Bei dessen Vorträgen war er regelmäßig.

Keine Termine mehr in diesem Jahr

Wir sitzen in einem türkischen Café in Neukölln. Demnig bestellt Kaffee. Ein paar Meter entfernt von hier, in der Stuttgarter Straße 53, hat er gerade die letzten beiden Steine dieses Tages verlegt für das Ehepaar Auguste und Leonhard Loewenthal, die dort 1942 ausziehen mussten, weil Leonhard Loewenthal Jude war. 28 Steine waren es heute insgesamt.

Berlin ist Gunter Demnigs Heimatstadt, hier ist er groß geworden, und in Nauen, bei den Großeltern. Er studierte Kunstpädagogik an der Hochschule für Bildende Künste, lebte in einer WG in Kreuzberg. „Paul-Lincke-Ufer, Ecke Manteuffelstraße“, sagt er. „Das war ein Laden, da habe ich ein Atelier draus gemacht.“ Er war damals Anfang 20. Ins Fenster hängte er eine US-Flagge, deren Sterne er durch Totenköpfe ersetzte, ein Protest gegen den Vietnam-Krieg. Die Polizei kam. Später wechselte er an die Kunsthochschule Kassel, studierte bei Harry Kramer. Er kam nie nach Berlin zurück, sein Atelier ist in Frechen bei Köln.

Andere aus der 68er-Generation tragen heute Anzug und Krawatte, sind vom „Du“ wieder zum „Sie“ umgeschwenkt. Nicht Gunter Demnig. Selbst als ihm der Bundespräsident Horst Köhler 2005 das Bundesverdienstkreuz verlieh, stand sein Hemd offen, und er trug ein rotes Halstuch anstelle eines Schlipses. Was bei den 68ern Ausdruck von Rebellion gegen die herrschenden Normen war, gilt heute als Demnigs Markenzeichen. Doch er hat diese Zeit nie hinter sich gelassen. Mit den Stolpersteinen arbeitet er im Grunde bis heute gegen das Schweigen seines Vaters und dessen Generation an.

Kurz vor 15 Uhr, Görlitzer Straße 43 in Kreuzberg. Die Hausgemeinschaft hat zusammengelegt, um dem Widerstandskämpfer Karl Hirschberg ein Denkmal zu setzen. Ein junger Mann in Jeans und T-Shirt, er heißt Christian Haberecht, erzählt, dass er Hirschbergs Namen auf einer Gedenktafel am Kreuzberger Rathaus entdeckt hat. „Mir fiel die Adresse auf – dass der da gewohnt hat, wo ich jetzt wohne“, sagt er. Er hat dann im Haus einen Aushang gemacht.

Das Geld für den Stolperstein war schnell beisammen. Eine Ansprache hat Haberecht nicht vorbereitet. Und Demnig gibt auch dann nur den Bauarbeiter, wenn die Leute nur dastehen und ihm dabei zugucken, wie er das Pflaster aufstemmt, um Platz für die Steine zu machen wie jetzt. Als er fertig ist, geht er zu seinem Auto. „Ist wohl mehr ein Handwerkerjob“, sagt Haberecht. „Schwupps ein Stein und wieder ein Stein.“ Eine junge Frau legt eine Rose auf das Pflaster. Es ist Sophia Schmitz von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin. Dann greift sie zum Handy, um den Leuten bei der nächsten Station zu sagen, dass Demnig früher als geplant da sein wird. Er wartet nicht gern.

In Berlin gibt es eine richtige Stolpersteine-Organisation. Die Koordinierungsstelle wurde 2005 von den Bezirksmuseen Mitte und Kreuzberg-Friedrichshain eingerichtet. Seit 2012 ist sie dem Aktiven Museum Faschismus und Widerstand angegliedert. Drei Leute arbeiten hier, finanziert vom Senat. Sie halten den Kontakt zu Demnig und den zumeist ehrenamtlich getragenen Stolperstein-Initiativen in den Bezirken. Sie bieten ein pädagogisches Programm für Jugendliche an, sie kommen zu den Verlegungen.

Bürokratische Hürden hat Demnig überwunden

Man könnte Berlin die Hauptstadt der Stolpersteine nennen, selbst die Steine lässt Demnig inzwischen hier anfertigen, bei einem Bildhauer in Buch. In Handarbeit. Ein Gegensatz zu der Vernichtungsmaschinerie der Nazis, betont Demnig. Aber entstanden ist die Idee in Köln. 1990 markierte Demnig hier eine Strecke, auf der die SS 1 000 Kölner Sinti und Roma zum Abtransport in die Vernichtungslager getrieben hatte. Eine Frau sagte zu ihm, in der Gegend hätten doch gar keine Zigeuner gewohnt. Gegen solch ein Unwissen oder Verleugnen wollte er etwas tun. Vier Jahre später stellte Demnig in der Kölner Antoniterkirche 250 Stolpersteine aus, und im Januar 1995 verlegte er zwei vor der Kirche. Er sagt trotzdem, dass alles in Berlin angefangen hat. „Den Kölnern will ich das nicht gönnen.“ Also erzählt er von dem Abend im Jahr 1996 in der Oranienstraße in Kreuzberg.

Nach einer Ausstellungseröffnung in der NGBK – „Künstler forschen nach Auschwitz“ war ihr Titel – saß er mit Künstlerkollegen beim Bier. Zu der Ausstellung war eine Broschüre erschienen über Juden in Kreuzberg, ihre Wohnorte, 41 allein in der Oranienstraße. Tags darauf verlegte Gunter Demnig hier Stolpersteine. „Auto ins Halteverbot, Pylone hingestellt, den Berlinern geht das doch am Arsch vorbei“, sagt er. Er grinst, meint das als Kompliment. Vier Jahre später beschloss die Kreuzberger Bezirksverordnetenversammlung, es sollten für alle während der Nazizeit Verfolgten im Bezirk Stolpersteine verlegt werden. Ein Bezirk nach dem anderen folgte, als letzter, im Jahr 2006, Neukölln.

Nicht überall ging es so leicht. In Köln zum Beispiel. Dort beriet zunächst der Kulturausschuss, dann die zehn Stadtbezirke, parallel das Tiefbauamt sowie das Amt für Straßen- und Verkehrstechnik, der Haushaltsausschuss, und schließlich wurde im Rat der Stadt abgestimmt. Demnig genießt es, von diesen bürokratischen Hürden zu erzählen. Er hat sie überwunden. Genau wie in Frankreich, wo ein Bürgermeister meinte, die Steine gehörten auf den Friedhof. Oder in Österreich, wo er sie vor dem Kriegerdenkmal verlegen sollte. Bei den Inschriften hat er seinen Standard. „In Auschwitz verschollen – das gibt es nicht“, sagt er. „Er ist ermordet worden. Oder: ‚Freitod vor der Deportation.‘ Da hab ich ‚Flucht in den Tod‘ gemacht.“

In München nur auf Privatgrund

Es gibt auch Kritik an Demnigs Stolpersteinen, Charlotte Knobloch, einst Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, bezeichnete es als unerträglich, dass auf den Namen ermordeter Juden in Deutschland herumgetrampelt werde. Die Stadt München schloss sich dieser Argumentation an. Dort dürfen Stolpersteine nur auf privatem Grund verlegt werden.

Es gibt auch den Vorwurf, Demnig bereichere sich mit den Steinen. 120 Euro verlangt er für einen, 50 Euro bekommt der Bildhauer in Buch. „Gut, manchmal verlege ich an einem Tag 55 Steine“, sagt Demnig. „Aber manchmal fahre ich auch 200 Kilometer für einen einzigen Stein.“ Man merkt, dass ihn der Vorwurf trifft. Und man weiß nicht so richtig, was er mit viel Geld anfangen würde. Die Stolpersteine sind sein Lebensinhalt. Er fährt in staubigen Klamotten durch die Gegend und ist am Abend erschöpft wie ein Bauarbeiter. Er lebt in seinem Atelier. Es gibt wenig anderes in seinem Leben.

An 235 Tagen war er im vergangenen Jahr unterwegs, es gibt kaum einen Tag, an dem er nicht mit den Steinen beschäftigt ist, Mails beantwortet, Telefonate führt. Seine Freundin, eine junge Frau mit langen dunklen Haaren und langem Rock, sagt, dass das Telefon abends um elf noch klingle. Sie ist nach Berlin mitgefahren, damit sie Zeit miteinander verbringen. Kennengelernt haben sie sich bei einer Stolpersteinverlegung in Frankfurt am Main. Sie ist dort Mitglied einer Initiativgruppe.

Gunter Demnig ist jetzt 66 und verlegt die meisten Steine immer noch selbst. Manchmal machen es auch Azubis von Lehrbauhöfen oder Mitarbeiter von Tiefbauämtern. Er könnte ihnen mehr übertragen, nur noch Vorträge halten, Preise entgegennehmen. Aber vielleicht wüsste er nicht, wie er dann seinen Alltag füllen sollte. Vielleicht ist ihm auch wirklich der Akt des Verlegens noch wichtig, die Performance, die er darin sieht. Es sei Routine dabei, sagt er „Aber was da aufgearbeitet wird. Das ist doch der reinste Wahnsinn.“

Manche sehen die Stolpersteine nur noch als ermüdenden Teil der Holocaust-Erinnerungsmaschinerie. Gunter Demnig aber nennt sie eine soziale Skulptur. Der Begriff geht auf Joseph Beuys zurück. Er schließt alles Handeln ein, das die Gesellschaft formt. Wenn man bei einer Verlegung dabei ist, versteht man, was gemeint ist.