Berlin - Seine neue Lieblingsstrecke führt von Zehlendorf ins Zentrum. Wenn Ralf Titzmann mit seinem Taxi durch den Berliner Süden fährt, fühlt er sich wohl. Wenig Verkehr, kaum Staus. An die neuen Arbeitszeiten hat sich der gebürtige Franke, der seit 1980 in Berlin lebt, aber noch nicht gewöhnt. „Ich bin einfach eine Nachteule“, sagt der 61-Jährige, der auf dem Platz hinter dem Lenkrad stets Jeans und ein weißes Hemd trägt.

Titzmann, grau meliertes Haar, Vollbart, Brille, holt seine ersten Fahrgäste in der Regel ab 7 Uhr morgens ab. Früher kam er zu dieser Zeit oft erst nach Hause, besonders an Wochenenden. Seit März 2020 ist das anders. Der erste Lockdown traf den seit 2005 selbstständigen Taxiunternehmer hart. Seine Umsätze seien auf 30 Prozent eingebrochen, sagt er. Nicht um, sondern auf. Titzmann betont das lieber noch einmal. 

In den Jahren vor Beginn der Pandemie hatte er sich als Alleinfahrer im Taxigewerbe eine große Stammkundschaft aufgebaut. Zum Auftakt seiner täglichen Runden fuhr Titzmann Menschen in die Oper oder ins Theater. In den frühen Abendstunden war er Monate im Voraus ausgebucht. Die kulturell interessierten Fahrgäste legten ihre Termine frühzeitig fest. Ein sicheres Geschäftsmodell sei das für ihn gewesen. Zu späterer Stunde dann holte Titzmann in Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain Kunden aus Restaurants wie dem Grill Royal oder Clubs wie Berghain oder Kitkat ab.

„Die Umstellung von Nacht auf Tag war ein Muss“

„Nachts ist ein anderes Publikum unterwegs“, sagt Titzmann. „Die Menschen kommen vom Feiern, sind lustig drauf und nicht gestresst. In diesen zwei Quadratmetern Taxi spielt sich das Leben ab.“ Wenn Titzmann vom Nachtleben erzählt, klingt es beinahe so, als gäbe es ein solches momentan in der Stadt. Doch sein aktuelles Stammpublikum holt Titzmann ab, wenn die nächtlichen Ausgangssperren vorbei sind. Zwischen zwei- und sechsmal täglich steuert er mit seinem Taxi eines der Berliner Impfzentren an.

„Die Umstellung von Nacht auf Tag war ein Muss“, sagt Titzmann. Corona-Hilfen hat er während des ersten Lockdowns bekommen. Anschließend nicht mehr. „Die Fördergelder wurden dann nur noch an größere Unternehmen oder Branchen gezahlt, denen es verboten war, zu arbeiten.“

Natürlich hätte er sich gewünscht, die Hilfen längerfristig zu bekommen. Und er hätte es gut gefunden, wenn der zweite Lockdown „vielleicht früher, härter und dafür wirksamer“ ausgefallen wäre. Aber es hilft ja nichts. Mit den vom Senat bezahlten Impffahrten kann er zurzeit zumindest überleben.

Darüber hinaus lohne sich das Taxifahren tagsüber finanziell bei Weitem nicht so wie in der Nacht. Es reiche auch nicht, wenn er nur acht Stunden am Tag arbeite, sagt er. Und mehr Trinkgeld als vor der Pandemie bekomme er nicht.

Titzmann hat in den vergangenen Monaten viele Tiefpunkte erlebt. Besonders schlimm waren die Tage, an denen er mit 20 oder 30 Euro nach Hause gekommen ist. Das sei sowohl im ersten als auch im zweiten Lockdown der Fall gewesen, sagt er. Im privaten Bereich habe er Kosten gestrichen, wo es nur ging. Titzmann hat sich bis heute durchgekämpft.

Taxiunternehmen bangen um ihre Existenz, Fahrer um ihre Jobs

Das ist nicht allen Kollegen gelungen. Innerhalb eines Jahres habe sich Berlins Taxiflotte von 8100 Taxen auf 6600 reduziert, erzählt er. „Wirklich gut geht es momentan keinem im Taxigewerbe“, sagt Titzmann. „Die Unternehmen bangen um ihre Existenz, die Fahrer um ihre Jobs.“ Zudem erschwerten konkurrierende Anbieter wie Uber das Überleben auf dem umkämpften Markt.

Titzmann geht davon aus, dass es künftig Preiserhöhungen geben wird. „Ich glaube, dass man da nicht darum herumkommt. Die Unternehmer, die Angestellte haben, können den steigenden Mindestlohn sonst nicht mehr erwirtschaften.“

DIE SERIE
Mehr als ein Jahr Pandemie

– und die Berlinerinnen und Berliner sind immer noch im Dauerstress. Weil sie den Corona-Alltag mit all seinen Beschwernissen bewältigen müssen, weil sie Patienten pflegen und behandeln, Kinder und Jugendliche unterrichten und betreuen, als Taxifahrer, Paketboten, Polizisten unterwegs sind.

In unserer Serie besuchen wir Frauen, Männer, Familien, die seit Monaten durchhalten, und fragen: Wie geht es Ihnen heute?

Unabhängig von Corona sieht Titzmann noch ein weiteres Problem auf Berlin zukommen: das neue Personenbeförderungsgesetz, das ab August in Kraft tritt. Dieses besagt, dass ein Fahrer nicht mehr ortskundig sein muss. „Es genügt dann, ein Navigationsgerät im Fahrzeug installiert zu haben und die üblichen Gesundheitsbescheinigungen zu durchlaufen. Eine Ortskundeprüfung für Berlin wird nicht mehr verlangt“, berichtet Titzmann. Darunter werde die Qualität leiden, davon ist er überzeugt.

Dennoch glaubt er daran, dass die Branche sich erholen wird. „Die Kollegen, die momentan noch fahren, haben reelle Chancen, zu überleben.“ Er hofft, dass sich die Lockerungen für Geimpfte und Genesene sowie damit einhergehende Öffnungen in Gastronomie und Kultur bald bemerkbar machen. Wenn es so weit ist, wird Titzmann sein Taxi wieder durch die Straßen von Mitte oder Friedrichshain lenken. Nachts.