Der Charleston, ein US-Import, prägte als exaltierter Tanz die 20er-Jahre. Alles wackelte: Hüften, Schenkel, Waden, Füße, Arme, Hände.
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BerlinBerlin läuft derzeit nicht im Normalbetrieb. Es mangelt an Möglichkeiten, die Vergnügungslust auszuleben. Feierfreudige treffen sich trotzdem und ignorieren die Corona-Regeln. Wie steht es um die Partymetropole Berlin? Der Historiker Dr. Daniel Morat beschäftigt sich mit der Geschichte der Vergnügungskultur. Er sieht einen Wendepunkt nahen.

Berliner Zeitung: Herr Morat, Clubs geschlossen, keine Partys – verliert die Welthauptstadt des Vergnügens gerade ihre Seele?

Daniel Morat: Der Kultursektor – Clubs, Konzerthäuser, Kinos, Theater – ist von der Corona-Pandemie wirtschaftlich mit am stärksten betroffen. Andere Bereiche können aufgefangen werden, aber für die Kulturbetriebe geht es ans Eingemachte. Das ist schon ein herber Schlag für das Selbstverständnis Berlins.

Von der wirtschaftlichen Lage abgesehen – ändert sich gerade die Textur der Stadt?

Die ökonomischen Fragen sind ja nicht nur die Oberfläche, sondern die Grundstruktur. Wie viel und was genau sich ändert, ist noch nicht zu sagen – es wirken ja auch stärkere Beharrungskräfte. Das Selbstverständnis von Berlin als Kultur- und Partyhauptstadt wird wahrscheinlich so schnell nicht über den Haufen geworfen.

Wie stark ist die Substanz?

Berlin zehrt noch heute von der Vergnügungskultur der 1990er-Jahre. Eigentlich frühstückt die Stadt immer noch die wilden Neunziger ab. Und schon vor der Pandemie gab es die Debatten über Clubschließungen und Gentrifizierung. Man diskutierte ja auch schon, ob Warschau das neue Berlin ist oder welche andere Art von kulturellen Verschiebungen dazu führen, dass diese Epoche als abgeschlossen gelten kann. Nun könnte man vermuten, dass die Corona-Pandemie dem Ganzen eine Art Todesstoß versetzt.

Sie glauben, es kommt eine Zäsur, nicht nur eine Unterbrechung?

Ob es sich um eine Zäsur handelt, weiß man erst, wenn man das Nachher kennt. Das ist noch nicht der Fall. Wir beobachten jetzt, was sich verändert, welche Teile der Gesellschaft besonders leiden, welche Prozesse beschleunigt werden. In manchen Teilen der Gesellschaft werden wir höchstwahrscheinlich sehen, dass nach der Pandemie viele alte Verhaltensmuster wieder aufleben.

Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sind in Berlin Ausbrüche von Vergnügungssucht beschrieben worden.  Sehen Sie Ähnlichkeiten mit der Gegenwart?

Die sogenannte Tanzwut wurde jeweils nach den Kriegen beobachtet. Wollte man eine Parallele für die aktuellen wilden Partys in der Hasenheide suchen, dann müsste man schauen, was während des Krieges los war. Aber die Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg ließe sich durchaus vergleichen: Man steckte mitten in einem Umbruch, der Novemberrevolution 1918/19. Während auf den Straßen geschossen und das alte Herrschaftssystem umgekrempelt wurde, tanzten die Leute. Harry Graf Kessler prägte in dieser Zeit in seinem Tagebuch die Formulierung vom „Tanz auf dem Vulkan“. Und das berühmte Couplet „Berlin, Dein Tänzer ist der Tod“ aus der gleichen Zeit handelt von Menschen, die inmitten umwälzender Ereignisse ihrer Vergnügungssucht nachgehen.

Wie erklärt man solche Verhaltensweisen?

Eine plausible psychologische Erklärung lautet immer Eskapismus: Man versucht, dem tristen Alltag zu entkommen, indem man sich dem Vergnügen hingibt. Der andere Punkt ist die Erleichterung nach dem Ende der tödlichen Bedrohung durch den Krieg, wenn die Angst schwindet. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam noch hinzu, dass nicht nur der Krieg zu Ende war, sondern auch ein Regime beseitigt worden war, das nicht zuletzt die Vergnügungskultur extrem stark reglementiert und unterdrückt hatte. Die Swing-Jugend ist ja auch als eine Art Oppositionsbewegung während des Nationalsozialismus zu verstehen. Die konnte dann ihrem Tanz wieder frönen. Dieses Gefühl der Befreiung von einem Albdruck – das haben wir im Moment gerade nicht.

Wohl aber erleben wir akuten Eskapismus …

… und eine Art von Sorglosigkeit – das Gefühl, dass man die Sache nicht ernst nehmen muss. Bei aller Dramatik: Die Pandemie ist kein Krieg. Zudem erleben wir das Präventionsparadox: Da die Anti-Corona-Maßnahmen gut gegriffen haben, sehen wir kein Elend, wenige Tote. Das führt zu einer Diskrepanz zwischen dem, was wir gesagt bekommen, und dem, was wir erleben. In der Folge behaupten Leute, es gebe gar keine Pandemie, und andere lassen sich von der Pandemie nicht vom Partymachen abhalten.

Tausende Feiernde ziehen in die Hasenheide – warum so viele auf einem Haufen?

Es handelt sich um eine Art Ausweichmanöver. Weil die üblichen Orte nicht zur Verfügung stehen, sucht man sich Ersatz. Da gehen dann alle hin, und es gibt Zusammendrängungen – eine Kanalisation hin zu einzelnen Hotspots. Anders sah es nach den Kriegen aus: Damals ploppten die Tanzvergnügen allerorten auf. Es wurde in Hinterhöfen Musik gemacht, Cafés hatten plötzlich wieder eine Band. Das Vergnügen breitete sich wildwuchsartig im – völlig zerstörten – Stadtraum aus.

Kann man die Hasenheide-Partys der „Tanzwut“ zurechnen?

Die „Tanzwut“ ist in erster Linie ein Diskursphänomen: Wie wird in der Presse, im politischen Raum über diese Vergnügungen gesprochen? Nach den Kriegen hätte man einfach sagen können: Ist doch normal – die Leute haben vor dem Krieg getanzt, dann waren sie froh, dass er vorbei war, und tanzten wieder. Aber der Begriff „Tanzwut“ oder „Tanzsucht“ pathologisiert das Phänomen. Dadurch wird es zu einem moralischen Diskurs, der sagt: „Es ist nicht angemessen, sich so zu verhalten.“ Nach dem Ersten Weltkrieg sprach man viel von Dekadenz. Sitte und Anstand gingen angeblich den Bach runter, die Leute tanzten auf den Gräbern. Vor allen Dingen die Moralisierung erleben wir jetzt auch wieder. Man denke an das Bild der Boot-Party vor dem Urban-Krankenhaus: Vorne feiern die einen, hinten kämpfen die Kranken ums Überleben. Allerdings ist das Partymachen ja wirklich eine Art von Fahrlässigkeit, durch die man andere gefährdet.

Daniel Morat. Foto: Michael Setzpfand
Zur Person

Daniel Morat wurde 1973 in Freiburg im Breisgau geboren. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Publizistik in Göttingen. Seit 2007 arbeitet und lehrt er am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Zu den Forschungsschwerpunkten des promovierten und habilitierten Historikers gehören die Geschichte der Massen- und Vergnügungskultur, Stadtgeschichte und Intellektuellen-, Ideen- und Wissenschaftsgeschichte. Er gehört zu den Autoren der 2016 erschienenen Monografie „Weltstadtvergnügen: Berlin 1880–1930“. Daniel Morat ist Mitglied im Kuratorenteam der Ausstellung des Landes Berlin im Humboldt-Forum.

Ist die aktuelle Feierlust auch Ausdruck von Protest, von Rebellion?

Das müsste man überprüfen. Sind die Leute, die auf Corona-Demonstrationen gehen, dieselben, die sich in der Hasenheide treffen? Ich vermute, das ist eher nicht der Fall. Sind die Leute in der Hasenheide Corona-Leugner? Wahrscheinlich sagen die eher: Stimmt schon alles, aber wir sind jung, für uns ist das nicht so gefährlich. Anders nach den Weltkriegen. Da handelte es sich um nachgeholten Protest gegen das vorherige Regime. Die Feiernden standen für eine Liberalität, die zuvor nicht gegeben war. Da bedeutete „Tanzwut“: Wir brechen die verkrusteten Strukturen auf – nach dem Stechschritt der Shimmy als exaltierter Tanz. 1945 war das noch viel stärker: Der Repression folgte die neue Freiheit – und das zusammen mit den alliierten Truppen, jedenfalls im Westen. In beiden Fällen ging das einher mit Westimporten von Musik- und Tanzstilen – Jazz und Rock ’n’ Roll aus den USA.

Es gibt die Theorie, dass es sich nach den Kriegen um Abfuhr von Triebenergien gehandelt habe, um erotische Entladungen nach Zeiten hohen Drucks …

Das ist auch so ein Diskursphänomen, aber man kann aus zeitgenössischen Beobachtungen tatsächlich leicht herauslesen, dass die Leute ihre Lebenslust auslebten.

Sehen Sie Besonderheiten in der Psyche der Berliner, die ein besonders feierlustiges Völkchen hervorbringen?

Nein, aber es gibt lokale Ausformungen, also eine besondere Berliner Art, das Vergnügung zu erleben und zu beschreiben. In dem berühmten Lied „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“ erkennt man die typisch berlinische Figur, die sich den Widrigkeiten des Lebens widersetzt und sich „dennoch köstlich amüsiert“. Es gibt zwar nicht die Psyche „des Berliners“, aber bestimmte Erzählungen, die handlungsleitend werden. Man muss nur oft genug erzählen, wie die Berliner sind, dann fängt man an, sich so zu verhalten, als wäre man genau so ein typischer Berliner.

Aber irgendetwas muss doch speziell sein an Berlin, sonst wären ja nicht so viele Leute hergekommen, um am Vergnügungsleben teilzuhaben.

Vielleicht liegt es an der Annahme eines besonderen Zulassens. Man hat die Erfahrung gemacht, dass in Berlin mehr durchgeht als anderswo. Und das hat mit der Berliner Verwaltung zu tun, also mit der Art, wie wir in Berlin regiert werden. Man kann sich drauf verlassen, dass nicht durchgegriffen wird.

Sie sagten eingangs, Berlin zehre noch vom Geist der 90er-Jahre. Resultierte jener Schwung auch aus einem Freiheitsgefühl, welches dann die Loveparade, die Clubkultur und anderes hervorbrachte?

Es gab plötzlich den Möglichkeitsraum, den das zusammengebrochene Regime in der Osthälfte der Stadt freigegeben hatte – die leer stehenden Gebäude, viel Platz im ehemaligen Mauerstreifen. Es herrschte das Gefühl des Sommers der Anarchie. Alte Regeln waren weggebrochen, neue noch nicht richtig da. Das war womöglich stärker als das Gefühl der Befreiung. Viele Protagonisten der Technobewegung waren ja Westdeutsche.

Jetzt schließen sich Räume. Auch der Klimawandel macht Grenzen sichtbar. Was heißt das für die Partyzentrale Berlin?

Bestimmte gesellschaftliche Subsysteme werden Opfer ihres eigenen Erfolgs: Je größer das Ganze, desto stärker zieht es nicht nur Massenpublikum an, sondern auch Investoren. Mit der Kommerzialisierung geht der improvisatorische Charakter der Vergnügungskultur verloren. Das wäre der normale Gang der Dinge. Aber es geht ja um mehr als die Krise der Vergnügungskultur, nämlich um unserer westliches Lebensmodell als Ganzes. Es kann sein, dass sich die Lebensart der berühmten Easyjet-Generation, die sich angewöhnt hatte, für ein Vergnügungswochenende nach Barcelona oder Berlin zu fliegen, ändert.

Krisen bringen häufig Neues, Spannendes hervor. Haben Sie schon etwas entdeckt?

Den innovativen Moment, den Techno in den 90er-Jahren brachte, spürt man im Moment nicht. Die Musikszene, die Popmusikstile scheinen heute zersplitterter. Es gibt nicht die eine Popmusikrichtung, die man als Signum für unsere Gegenwart nennen würde. Damals wurde Techno als Musik der Stunde akzeptiert. Derzeit kann ich keine neue kulturelle Strömung ausmachen, die einen ähnlichen Status hätte.

Das Gespräch führte Maritta Tkalec.

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