Potsdam - Die Diagnose der Grünen ist eindeutig: Das Energieland Brandenburg kann ab 2030 auf seine Hauptenergiequelle Braunkohle verzichten. Das ist das Ergebnis eines Gutachtens, das die oppositionellen Grünen im Landtag bei der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft in Auftrag gegeben haben und das am Montag in Potsdam vorgestellt wurde. „Brandenburg wird dann in der Lage sein, sich selbst mit erneuerbaren Energien zu versorgen“, sagte Professor Jochen Twele, der das Gutachten vorstellte.

Er schließt bei der Selbstversorgung ausdrücklich auch das Land Berlin mit ein, das Energie aus Solar- oder Windanlagen nicht so massenhaft nutzen könne wie Brandenburg und deshalb vom Nachbarland mit versorgt werde. „Der Brandenburger Energieexport soll dann vor allem nach Berlin gehen“, sagte er.

Das Aus für Jänschwalde gefordert

Für die Grünen geht es bei der Debatte um den Kohlausstieg immer auch um die von ihren seit Jahren geforderte Abschaltung des Kohlekraftwerks Jänschwalde. Es ist bundesweit das drittgrößte Kraftwerk und wird von den Kohlegegnern als „Dreckschleuder“ bezeichnet. Sie verweisen darauf, dass die Europäische Umweltagentur die Kosten der Umwelt- und Gesundheitsschäden von 28.000 Industrieanlagen errechnet habe und dass Jänschwalde die dritthöchsten Schadenskosten in Europa verursache.

„Jänschwalde kann abgeschaltet werden, ohne dass es zu Versorgungsproblemen kommt“, sagte die energiepolitische Sprecherin der Grünen, Heide Schinowsky. „Wir fordern von der Landesregierung einen Paradigmenwechsel: Es darf nicht mehr das Ziel sein, so lang wie möglich an der Braunkohle festzuhalten, sondern so schnell wie möglich aus der Kohleverstromung auszusteigen.“ Doch die Regierung scheue sich, den anstehenden Ausstieg den Betroffenen in der Lausitz ehrlich zu erklären. „Dies ist aber notwendig für einen geordneten und sozialverträglichen Ausstieg.“

Fakt ist, dass die Landesregierung den Ausbau der erneuerbaren Energien seit Jahren forciert und zu den bundesweiten Spitzenreitern gehört. Das wird von den Grünen auch gewürdigt, die auch gar nicht mehr regenerative Energieproduktion fordern, als geplant ist, sondern nur einen radikalen Kohleausstieg.

Die Regierung hat sich auf einen langfristigen Ausstieg festgelegt und dies auch in ihrer Energiestrategie 2030 festgeschrieben – die übrigens in Kürze von Fachleuten überarbeitet und aktualisiert werden soll.

Doch die Regierung hält den Zeitpunkt für den Ausstieg offen und führt ins Feld, dass die erneuerbaren Energien erst mal die Grundversorgung übernehmen müssten.

„In der Praxis geht es nicht nur um die rechnerisch mögliche Versorgung mit Strom“, sagte Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD). Die Versorgung müsse auch gesichert werden, wenn der Wind nicht wehe und die Sonne nicht scheine. „Deswegen brauchen wir weiterhin Energieträger, die jederzeit verfügbar sind.“ Industrie und Haushalte benötigten eine verlässliche und auch bezahlbare Energieversorgung insbesondere ab 2022, wenn die letzten Atommeiler vom Netz gehen.

Gutachter Twele geht davon aus, dass es keine Versorgungsengpässe geben wird. Dies sei auch prognostiziert worden, als in Deutschland der Atomausstieg begann und davor gewarnt wurde, dass dann plötzlich mehr Atomstrom aus Frankreich importiert werden muss. „Doch so kam es nicht. Deutschland exportiert weiter kräftig Strom“, sagte er.

Auch der von der Regierung immer wieder geforderte Ausbau der Stromnetze sei nicht nötig, behauptete der Professor. Denn ein Netzausbau sei nur nötig für den Export von Energie in andere Regionen, aber nicht für die Selbstversorgung.

Brandenburg ist seit vielen Jahren Exporteur und genau das kritisiert das Gutachten. „Es wird nämlich vor allem Braunkohlestrom exportiert“, sagte Twele. „Denn wenn die Netze voll sind, werden nur die erneuerbaren runtergefahren.“

Schreckgespenst „Dunkelflaute“

In den vergangenen Monaten wurde immer wieder über das Szenario „Dunkelflaute“ gesprochen – gemeint ist, dass es Zeiten gibt, in denen weder die Sonne scheint, noch Wind weht, und die Regenerativen keinen Strom liefern können, um die Versorgung zu sichern. Die alles entscheidende Frage bei solchen Flauten lautet, wie lange sie anhalten – Minuten, Stunden oder sind gar tagelange Ausfälle denkbar.

Die Gutachter haben für ein Jahr durchgerechnet und sich nach den offiziellen Ausbauplänen für die erneuerbaren Energien gerichtet.

Sie kommen zu dem Schluss, dass es landesweit genügend Strom aus erneuerbaren Quellen geben wird, da nicht überall gleichzeitig kein Wind ist und auch die Sonne wieder aufgeht.