Auf den ersten Blick scheint alles wunderbar. Deutschlandweit stabilisiert sich der Jobboom auf hohem Niveau, auch in Berlin sinkt die Arbeitslosigkeit. Rasant entstehen hier Stellen, in vielen Branchen doppelt so schnell wie im Rest der Republik. Besonders die Digitalsparte entwickelt sich prächtig.

Doch ausgerechnet hier, in der Hauptstadt des jungen Unternehmertums, bleibt eine Gruppe auf der Strecke, die überrascht: die Jugendlichen. Beinahe jeder achte Teenager unter 20 ist arbeitslos. Das sind etwa dreimal so viele junge Leute wie im Bundesschnitt. Zwar sinkt die Quote etwas. Doch schafft es Berlin bei der Jugendarbeitslosigkeit seit Jahren nicht, die rote Laterne loszuwerden.

Unternehmen klagen über fehlende Fachkräfte

Die Folgen, die das für Wirtschaft und Gesellschaft hat, sind dramatisch. Wer in jungen Jahren ohne Beschäftigung ist, dessen Berufskarriere verläuft Studien zufolge auch in späteren Jahren nicht stabil. Junge Arbeitslose werden statistisch häufiger kriminell, krank oder ihnen geht der Antrieb verloren.

Vor ein paar Jahren hat die Bertelsmann-Stiftung berechnet, dass Teenager ohne Ausbildung die öffentlichen Haushalte in Deutschland jährlich 1,5 Milliarden Euro kosten. Viele Berliner Unternehmen klagen darüber, dass ihnen junge Leute fehlen, um sie zu Fachkräften auszubilden. Und einer Stadt, in deren Hotels, Küchen, Kitas und Handwerksbetrieben der Nachwuchs fehlt, geht auf kurz oder lang der Schub aus.

Nicht alle Teenager finden ihren Platz

Was ist also zu tun? Das Problem beginnt an den Schulen, wahrscheinlich sogar noch eher. Experten bescheinigen der Stadt die wohl heterogenste Schülerschaft des Landes – und von der sozialen Herkunft hängt in ganz Deutschland noch immer recht stark der Bildungserfolg ab. Ein Drittel aller Berliner Kinder wächst in Familien auf, die Sozialleistungen beziehen. Die Quote der jungen Berliner, die regelmäßig die Schule schwänzen, ist hoch, genau wie die Zahl der Schulabbrecher.

Nach der zehnten Klasse schaffen es längst nicht alle Teenager, ihren Platz im Anschluss- oder Übergangssystem zu finden. Denn in Berlin gründen die Bildungswege stärker auf Freiwilligkeit und weniger auf Zwang als etwa in Hamburg. Das stärkt die Eigeninitiative, birgt aber eben auch die Gefahr, dass junge Leute in unbekannte Richtung entschwinden.

Und auf der andere Seite gehen bei den Firmen immer weniger Bewerbungen um Ausbildungsplätze ein, die Zahl der unbesetzten Stellen hat sich seit 2009 mehr als vervierfacht. Die Unternehmen klagen über mangelnde Qualifikationen bei den Bewerbern. Anders als früher sehen sie dabei aber das Hauptproblem nicht etwa beim Lesen, Schreiben oder Rechnen. Die Chefs beschweren sich eher über fehlende Leistungsbereitschaft und Motivation.

In Berlin verschärft sich die Lage, weil das Angebot der Firmen schrumpft: Vor zehn Jahren waren es noch beinahe tausend Unternehmen mehr, die Lehrlinge beschäftigten. Unterm Strich steht ein Missverhältnis von Ausbildungsplätzen und Bewerbern. Zwar gab es im vergangenen Ausbildungsjahr 1197 freie Stellen und 2348 unversorgte Bewerber – doch sie passen nicht zusammen. Während sich Jugendliche darum reißen, in einer Kfz-Werkstatt oder einem Bekleidungsgeschäft zu arbeiten, werden Anlagenmechaniker oder Bäcker dringend gesucht.

Gestärkte Verbundausbildung

Nun ist es nicht so, dass der Berliner Senat sich blindstellen würde gegenüber alldem. Etliche kleinteilige Maßnahmen sind in den vergangenen Jahren in die Wege geleitet worden. Bereits in der achten Klasse durchleuchtet eine Potenzialanalyse die Stärken und Schwächen der Schüler. Es sollen künftig mehr Sozialarbeiter an den Schulen arbeiten, Schwänzer sollen in temporären Kleinklassen lernen.

Die Jugendberufsagenturen vereinen die Angebote von Jobcenter, Arbeitsagentur, Jugendamt und beruflichen Schulen unter einem Dach, um Jugendliche passgenauer zu unterstützen. Mit der gestärkten Verbundausbildung sollen auch kleine Firmen gemeinschaftlich Auszubildende anlernen, es gibt Job-Programme für Alleinerziehende und das in dieser Woche vorgestellte neue Berufsabitur.

Bildungssenatorin fordert elftes Pflichtschuljahr

Doch immer wieder fordern Experten, das Schul- und Ausbildungssystem in Berlin müsse noch durchlässiger werden. „Es sortiert noch zu sehr nach Abschlüssen anstatt nach Kompetenzen“, sagt etwa die Berliner Arbeitssoziologin Heike Solga. Kindern mit mittlerem Schulabschluss werde ein Anschlussangebot gemacht, Jugendlichen mit erweiterter Berufsbildungsreife ein anderes. „Es bräuchte noch mehr integrierende Maßnahmen, denn gerade in der Pubertät ändern sich Lernvoraussetzungen so schnell, dass man sie nicht am Schulabschluss festmachen kann“, sagt die Wissenschaftlerin. Leider ist sich die Politik nicht immer einig. 

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) etwa fordert ein elftes Pflichtschuljahr, um Schüler länger bei der Stange zu halten, Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) lehnt das ab. Für die Jungendlichen sind solche Debatten oft weit weg.  Die Probleme aber ganz nah. 

Der Weg von Samira Alabi in die Jugendarbeitslosigkeit begann mit Mobbing in der Schule. Sie ging nicht mehr zur Schule, scheiterte am Abschluss. Bei Kathrin Kühne war der Grund für die Probleme eine frühe  Schwangerschaft. Beide junge  Frauen erzählen in der Berliner Zeitung, wie sie ihren Weg gefunden haben.