Schon Tage vor dieser Feier hatten einige Schulleiter den Druck auf Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verschärft – und ihre Forderungen erneuert. Am Montagabend dann kam es zum Aufeinandertreffen, als der einflussreiche Berliner Gymnasialschulleiterverband sein 25-jähriges Bestehen in der Aula des Pankower Rosa-Luxemburg-Gymnasiums feierte. Eine Schüler-Bigband spielte, es gab Loriot-Sketche und drei ehemalige Bildungssenatoren berichteten von früher. Scheeres hielt die Begrüßungsrede.

Wahrlich kein Heimspiel für die Senatorin, auch wenn sie in der Nähe wohnt. Denn die SPD-geführte Bildungsverwaltung steht seit Jahren im Ruf, die Berliner Gymnasien stiefmütterlich zu behandeln. Die Senatorin machte dann auch sogleich eines klar: „Ich will am Mittleren Schulabschluss für Zehntklässler an Gymnasien festhalten“, sagte sie. Schon das ist ein Streitpunkt. Denn der Schulleiterverband fordert, dass an Gymnasien die umfangreichen Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss (MSA) in der 10. Klasse entfallen. Der große Aufwand sei nicht gerechtfertigt, argumentieren sie, zumal mehr als 95 Prozent der Zehntklässler die MSA-Prüfung bestehen. Dafür falle viel Unterricht aus.

Doch Scheeres entgegnete, dass das Berliner Schulsystem durchlässig bleiben müsse – und dass die MSA-Präsentationsprüfung auch eine gute Vorbereitung für das Abitur sei. Zugleich kritisierte sie vor den versammelten Schuldirektoren, dass die Schülerleistungen an den Gymnasien zuletzt deutlich nachgelassen hätten. Tatsächlich hatte das gerade die Berlin-Studie ergeben. Deshalb soll eine Arbeitsgruppe nun überprüfen, wie Verbesserungen zu erreichen sind. Scheeres konnte sich sogar eine „Leistungsdifferenzierung“ an Gymnasien vorstellen, also das Lernen auf unterschiedlichen Niveaustufen.

Dann schlug die Stunde der Ex-Senatoren, mit denen die „Vereinigung der Oberstudiendirektoren“, so heißt der Verband offiziell, stets in einer Art Zweckehe verbunden war. Zunächst berichtete Ex-Bildungssenator Jürgen Klemann (CDU) auf der Aula-Bühne, wie er ab 1991 das gegliederte West-Berliner Schulsystem auf den Ostteil der Stadt übertrug. Er sagte, dass nach der Stasi-Überprüfung nur etwas mehr als 200 DDR-Lehrern gekündigt worden sei. „Das waren nicht viele.“ Große Vorbehalte zwischen Ost- und West-Kollegien habe es gegeben. Ex-Senatorin Ingrid Stahmer fehlte leider. Deshalb folgte Klaus Böger (SPD), der betonte, dass man bestimmte Schultraditionen aus DDR-Zeiten ja im Gymnasialbereich fortgesetzt habe – die Eliteschulen des Sports, die Musikgymnasien oder mathematisch-naturwissenschaftliche Spezialschulen. Mit Blick auf die neuerliche Debatte um die Schulqualität, äußerte Böger leichte Zweifel an der Schulstrukturreform von 2010: „Problemschüler bekommt man nicht weg, indem man die Struktur ändert.“

Der Senator, der diese Schulreform umgesetzt hatte, saß dann wie üblich mit Fliege und Ringelsocken auf dem Podium. Jürgen Zöllner duzte sich herzlich mit Ralf Treptow, dem Verbandschef. Er wundere sich immer noch, sagte Zöllner, über den Ex-Senatschef Klaus Wowereit (SPD), weil der mal öffentlich gesagt hatte, dass er seine Kinder, hätte er welche, nicht in Kreuzberg zur Schulen schicken würde. „Solche eine Äußerung wäre in Rheinland-Pfalz, wo ich herkomme, nicht denkbar gewesen“, sagte Zöllner, der sich ansonsten zur Elitenförderung bekannte. „Als Sozialdemokrat bin ich sehr dafür, Schüler, die sonst keine optimale Förderung erfahren, zu unterstützen“, sagte er. Das gelinge aber nur, wenn man die Leistungsstärksten auch optimal fördere. „Denn nur dann entsteht ein Mehrwert, um die Schwächeren ausreichend zu unterstützen.“

MSA-Kompromiss angeboten

Was die MSA-Prüfungen angeht, bietet der Gymnasialleiterverband inzwischen eine Kompromisslinie an. Ralf Treptow fordert, eine Festlegung der Kultusministerkonferenz (KMK) endlich auch in Berlin umzusetzen. Laut KMK besteht die gymnasiale Oberstufe aus einer einjährigen Einführungs- und einer zweijährigen Qualifikationsphase. Alle Bundesländer hätten das so umgesetzt, nur Berlin nicht, sagte Treptow. Dies aber würde bedeuten, dass die zehnte Klasse bereits zur Oberstufe gehörte. Die MSA-Prüfungen müsste man dann sinnvollerweise ein Jahr vorziehen. Scheeres allerdings sah hier am Montagabend vorerst keinen Handlungsbedarf.

Eine weitere Herausforderung wurde am Montagabend nur gestreift: Die Inklusion, also die Frage, wie Schülern mit Behinderung der Besuch einer regulären Schule ermöglicht werden kann. Viele Gymnasien würden sich hier zu wenig kümmern, lautet die Kritik. GEW-Chef Tom Erdmann sieht einen generellen Widerspruch zwischen Gymnasium und Inklusion. „Das Gymnasium darf Schüler aussortieren und zurückstufen“, sagte Erdmann jüngst. „Es ist fraglich, wie ein inklusives Schulsystem mit einer exklusiven Schulform überhaupt funktionieren soll.“

Das Gymnasium als solches bleibt also Reizthema. Allerdings gibt es mittlerweile große Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen. Es gibt Elitegymnasien, oft auch mit 5. Klassen, deren Schulleiter Eltern davon überzeugen müssen, ihr Kind dort besser nicht anzumelden. Und auf der anderen Seite gibt es Gymnasien, deren Schülerschaft so heterogen ist wie der Berliner Bevölkerungsdurchschnitt. Dort erhalten selbst Gymnasiasten Sprachförderung. In Deutsch.